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An Bord der „Alan Kurdi“ : Sie feiern das Überleben

Mit somalischen Liebesliedern wollen sie die Qualen aus den libyschen Folterlagern vergessen machen: Geflüchtete an Bord der „Alan Kurdi“. Bild: Julia Anton

64 Männer und eine Frau wurden vom Rettungsschiff „Alan Kurdi“ im Mittelmeer geborgen. Unsere Autorin war drei Wochen mit an Bord.

          Es ist etwa sechs Uhr, als die ersten Geflüchteten an Deck der „Alan Kurdi“ erwachen. Sie wickeln sich ihre Decken um die Schultern und steigen vorsichtig über die noch Schlafenden hinweg, die dicht an dicht auf dem Holzboden des Hauptdecks liegen. An der Reling auf der Steuerbordseite kann man den Sonnenaufgang beobachten, das Meer ist ruhig. Dem Wachteam winken sie verlegen zu oder zeigen den Daumen nach oben.

          Julia Anton

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Am Vortag hat die „Alan Kurdi“ ihr überfülltes Schlauchboot zufällig auf ihrer Patrouillenfahrt durch das libysche Meer entdeckt und die Insassen an Bord geholt. Bis sie im Rahmen einer europäischen Einigung in Malta an Land dürfen, werden zweieinhalb Tage vergehen.

          Die „Alan Kurdi“ ist kein großes Schiff: 39 Meter lang und für 20 Besatzungsmitglieder zugelassen. Im Bauch des Schiffes sind Kabinen, eine Ebene darüber Küche, Aufenthaltsraum und Krankenstation, ganz oben dann die Brücke. Das fast 70 Jahre alte Schiff wurde unter dem Namen „Professor Albrecht Penck“ ursprünglich von Forschern betrieben, bis der deutsche Verein Sea-Eye es im vergangenen Jahr für Rettungsmissionen kaufte. Die Geretteten, die die Crew als ihre Gäste bezeichnet, sind deshalb im Freien auf dem Hauptdeck untergebracht. Mehrere Sonnensegel sorgen tagsüber für Schatten, für kalte Nächte gibt es einen Container. Hinter einem Vorhang sind auch eine Toilette, ein Waschbecken sowie ein Duschkopf montiert.

          Durch die Wüste nach Libyen

          Als die Besatzung die 65 Geflüchteten am Freitagmorgen vergangener Woche an Bord nimmt, fällt ihnen direkt auf: Die Geretteten, unter denen sich nur eine Frau befindet, sind jung, die meisten eher Jugendliche als Männer. 39 von ihnen geben später an, minderjährig zu sein. Viele sind auffällig dünn, als hätten sie in der vergangenen Zeit nicht immer genug zu essen gehabt. Insgesamt stammen sie aus zwölf verschiedenen Nationen, ein Großteil kommt aus Somalia, sechs aus Sudan und zwei aus Libyen. Den ersten Tag an Bord verschlafen sie, müde von der nächtlichen Schlauchbootfahrt und manche auch erschöpft von Seekrankheit.

          Am nächsten Vormittag sitzen sie nach einem warmen Milchreis zum Frühstück in Gruppen an Deck und unterhalten sich. Besatzungsmitglieder, die gerade etwas Zeit haben, setzen sich dazu. Sie wollen ihre „Gäste“ kennenlernen, auch wenn die Kommunikation nicht ganz einfach ist: Englisch haben nur wenige von ihnen gelernt. Wer die Sprache kann, übersetzt für die anderen, wie der 25 Jahre alte Azkar aus Somalia. Er selbst habe Mogadischu vor vier Jahren verlassen, „denn dort gibt es keine Arbeit“. Stattdessen führe man ein Leben in Angst vor Bombenangriffen und ohne Perspektive auf eine gute Zukunft mit einer eigenen Familie. In Europa möchte er eine Berufsausbildung machen. Als was? Azkar zuckt mit den Schultern. „Ich mache alles.“

          Eigentlich habe er mal Journalist werden wollen, aber dazu sei er jetzt zu alt, glaubt er. Er koche aber gern. Seine Flucht habe ihn über Ägypten und durch die Wüste nach Libyen gebracht, wo er die vergangenen beiden Jahre in Lagern verbrachte. Dort sei man nicht frei, berichtet Azkar, die Wachen würden die Migranten misshandeln. Sie würden Geld verlangen, mehrere tausend Dollar, und die Migranten schlagen. „Wir müssen dann unsere Familien anrufen, die das Geld für uns auftreiben müssen, damit wir wieder frei kommen.“ Azkar blickt für einen Moment beschämt zu Boden. Die Libyer seien keine guten Menschen, sagt er. Und: „Hauptsache, wir sind jetzt in Sicherheit.“

          Singen und klatschen gegen die Erinnerungen

          In den Grundzügen ähneln die Geschichten, die die Besatzung in der kurzen Zeit erfährt, der von Azkar: Vom Leben in Europa erhoffen sie sich Arbeit und Sicherheit, auf dem Weg dorthin sind viele in libyschen Lagern misshandelt worden. Bei der medizinischen Kontrolle fallen dem Ärzteteam bei rund einem Dutzend große Narben am Oberkörper auf. Darauf angesprochen, hätten sie mit der Hand die Bewegung einer Peitsche gemacht und „From Libya“, also „aus Libyen“, gesagt, berichten die Mediziner. Manche bleiben die ganze Zeit über still und in sich zurückgezogen, als müssten sie erst verarbeiten, was sie in der vergangenen Zeit erlebt haben.

          Aufgaben haben die Geflüchteten an Bord kaum. Die Besatzung kocht für sie, zweimal am Tag gibt es eine warme Mahlzeit. Nur aufräumen und abspülen müssen sie selbst, das Geschirr kommt jedes Mal tadellos sauber zurück. Sie selbst fragen nach Zigaretten und W-Lan, um ihren Familien zu erzählen, dass es ihnen gutgeht. Doch Rauchen ist zu riskant, und W-Lan gibt es auf dem Schiff nur begrenzt, und das wenige wird auf der Brücke zur Kommunikation mit den Behörden benötigt.

          Am Nachmittag holt jemand die Gitarre aus dem Aufenthaltsraum, und einer der Somalier beginnt zu spielen. Es ist eine fröhliche Melodie, und viele seiner Landsleute beginnen zu singen und im Rhythmus der Musik zu klatschen. Es seien bekannte somalische Lieder über die Liebe, erklären sie. Mit ihnen wollen sie feiern, dass sie aus Libyen entkommen sind und die Fahrt überlebt haben.

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