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Georgische Flüchtlinge : Warten ohne Hoffnung

Georgische Flüchtlinge aus Süd-Ossetien am Freitag in Tiflis im ehemaligen Gebäude des Stabes der Sowjetischen Streitkräfte im Süd-Kaukasus. Das Gebäude wurde von den Flüchtlingen „besetzt” und dient ihnen nun als Unterkunft Bild: Frank Röth

Russland schafft mit Truppen Fakten in seinem geostrategischen Hinterhof. Zehntausende Georgier, die durch den Krieg zu Flüchtlingen geworden sind, fühlen sich von ihrer Regierung alleingelassen. In Tiflis harren sie in Zeltlagern und Abbruchhäusern aus - Rückkehr ungewiss.

          Im vierten, fünften, sechsten und siebten Stock sind sie noch dabei, Müll und Schutt aus den Zimmern zu räumen. Im achten sind sie schon weiter: Die Zimmer sind sauber, an die Türen wurden mit einem dicken Filzstift Nummern und Familiennamen geschrieben, und sogar im Flur wird schon geputzt. Mehrere Männer stehen vor der Toilette am Ende des Gangs und diskutieren. Die Schüsseln sind zwar noch da, aber was nützt das ohne Wasser? Ein Mann schraubt gerade Ringe für ein Vorhängeschloss an Tür und Türrahmen. Im Zimmer steht nur ein Tisch, sonst nichts, kein Stuhl, keine Matratze. Nachts legen sie sich auf den nackten Boden. Aber es geht auch nicht darum, irgendwelche Habseligkeiten zu schützen, sondern das Zimmer selbst. Es ist vorgekommen, dass jemand nur kurz hinausgegangen ist, um Wasser zu holen oder etwas zu essen zu besorgen, und bei der Rückkehr fremde Leute in seinem Zimmer vorfand, die nicht mehr hinausgingen.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Im achten Stock dieses Gebäudes war in der georgischen Hauptstadt einst der Stab des sowjetischen Transkaukasus-Militärbezirks untergebracht; jetzt haben sich hier die Leute zusammengefunden, die aus Adschabeti geflohen sind, einem jener Dörfer nördlich der südossetischen Hauptstadt Zchinwali, in denen südossetische Milizen - wie ihr Führer Eduard Kokojty selbst sagt - in den vergangenen Tagen alles dem Erdboden gleichgemacht haben. „Wir sind am 7. August mit den Kindern gegangen“, sagt Eka, die jetzt auch hier lebt, „weil die Osseten ständig auf das Dorf geschossen haben.“ Ekas Mann war noch dort, als in der darauffolgenden Nacht aus lokalen Scharmützeln ein Krieg zwischen Russland und Georgien wurde. „Fünf Tage haben wir nichts von ihm gehört, wussten nicht, ob er noch am Leben war, bis er uns hier gefunden hat“, sagt Ekas Mutter Musija.

          Niemand kümmerte sich um die Flüchtlinge

          Eka und ihre Mutter Musija sind schon fast eine Woche in dem ehemaligen Stabsgebäude. Sie waren von Anfang an dabei, als Flüchtlinge aus den georgischen Dörfern in Südossetien am vergangenen Wochenende die Türen öffneten und das leere neunstöckige Gebäude in Besitz nahmen. Erlaubnis hatten sie keine. Niemand habe sich um sie gekümmert, da hätten sie eben gehandelt, sagen die Flüchtlinge. Sie fanden Räume voller Müll, den vermutlich die Militärs zurückgelassen hatten, als sie vor Jahren aus ihren Büros ausziehen mussten. Etwa 1000 Menschen leben nun dort, wo einst die Fäden der sowjetischen Kriegsmaschine im Südkaukasus zusammenliefen. Irgendwann hat auch die georgische Regierung angefangen, sich um die neuen Bewohner zu sorgen. Viel zu spät, sagen viele von ihnen.

          Brot zur Verpflegung der Flüchtlinge

          Die Staatsmacht steht in Person einer etwas übernächtigt wirkenden, zierlichen jungen Frau mit glatten dunklen Haaren im Erdgeschoss, redet mit Menschen, notiert dies und jenes. Ein an die Bluse geheftetes blaues Namensschild mit amtlichem Stempel weist sie als Mitarbeiterin des Flüchtlingsministeriums aus, das sich bisher um jene mehr als 250.000 Georgier kümmern sollte, die Anfang der neunziger Jahre aus Abchasien vertrieben wurden. Seit drei Tagen versuche sie schon, hier etwas Ordnung zu schaffen, sagt sie. „Nein, es sind schon vier“, sagt ihre Mutter, die gekommen ist, um ihr zu helfen. Sonst wäre die Frau aus dem Flüchtlingsministerium ganz allein.

          Reine Anarchie

          Wie viele andere Flüchtlinge sagen Eka und Musija aber, sie sähen sie gerade zum ersten Mal. Das behauptet auch Koba, ein grauhaariger Mann von etwa fünfzig Jahren, um den sich viele Menschen scharen. Koba sagt, er sei gekommen, weil er als Freiwilliger helfen wollte, habe dann aber feststellen müssen, dass es noch gar keine Hilfe gebe. Die reine Anarchie habe geherrscht, die Leute hätten sich wegen aller möglicher Kleinigkeiten in die Haare bekommen. Da habe er erst einmal angefangen, von Zimmer zu Zimmer zu gehen, habe aufgeschrieben, wer dort wohne, wie viele Kinder, Schwangere, Alte und Kranke darunter sind. Nun nehme er die Lebensmittel entgegen, die von den ausländischen Organisationen und einheimischen Geschäftsleuten gebracht werden, teile sie gleichmäßig auf, und behalte immer noch einen Vorrat zurück - für Neuankömmlinge, und überhaupt zur Sicherheit. Die Frau vom Flüchtlingsministerium sagt, Koba mache sich wichtig und habe die Spannungen im Haus noch verschärft.

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