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Georgien nähert sich der EU an : Hoffen auf Europa

Gegen westliche Werte: Anhänger der Georgischen Orthodoxen Kirche bei einem Marsch im Mai 2013, der in gewaltsamen Zusammenstößen mit Demonstranten für Homosexuellenrechte endete Bild: (c) DAVID MDZINARISHVILI/Reuters

Viele Georgier sehen ihre Zukunft in Europa und nicht in Russland. Ihrem großen Nachbarn trauen sie nicht. Visafreiheit im Schengenraum könnte Bewohner der abtrünnigen Gebiete Abchasien und Südossetien locken.

          An der Rustaveli-Straße, der Prachtstraße der georgischen Hauptstadt Tiflis, verkauft Padri Kwatadse, Anfang 50, bärtig, sonnengebräunt im weißen T-Shirt, blank geschliffene Trinkhörner und Dolche verschiedener Längen: Souvenirs für Touristen, die zurückmüssen in Gegenden, wo die Sonne seltener, das Essen fader und der Wein schlechter ist. Kwatadse verdient sein Geld mit Erinnerungen, aber seine Sympathien gehören der Zukunft, und die heißt für ihn: Europa. Das, sagt er, stehe für „Freiheit, Unabhängigkeit, Demokratie, Zivilisation“. Das kleine Georgien habe gar keine andere Wahl, sagt er.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          In Russland, dem großen Nachbarn im Norden, könne man vielleicht, wie viele Georgier, kurzfristig Geld verdienen. Aber langfristig sei das Land keine Option: Wenn sich Georgien darauf einlasse, „führt das früher oder später zur Annexion“. Kwatadse spricht von der Sowjetunion, vom Krieg von 2008, von den besetzten Gebieten Abchasien und Südossetien. „Es reicht uns mit Russland“, resümiert er. Ohne den Schutz der Nato sei das Land verloren: „Es ist wichtig, dass sie uns nicht im Stich lassen.“ Er habe in der Roten Armee gedient, habe mit den russischen Touristen, seinen besten Kunden, keinerlei Probleme – aber ihr Staat sei eben ein „Verbrecherstaat“.

          Die Meinungen des Horn- und Dolchhändlers teilen viele Georgier. Geht es nach den Umfragen, sind vier von fünf im Land einverstanden, wenn ihr Ministerpräsident Irakli Garibaschwili an diesem Freitag in Brüssel das Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union unterschreibt. Kaum weniger befürworten eine Integration in die Nato, die freilich nach dem Treffen der Außenminister am Mittwoch in Brüssel zumindest noch lange auf sich warten lassen dürfte. Wieder einmal wiegt die Rücksicht auf Russland schwerer als die früheren Mitgliedschaftsversprechen für Georgien. Auch das Assoziierungsabkommen mit der EU lehnt Moskau ab und hat Tiflis mit „möglichen Folgen“ gedroht. Ängste vor den Russen, die den meisten der viereinhalb Millionen Georgier als Besatzer gelten, sind allgegenwärtig. Eine alte Frau, die am Freiheitsplatz, in dessen Mitte der Nationalheilige Georg mit Drachen golden auf einer Säule glänzt, ihre Rente mit dem Verkauf alter russischer Bücher aufbessert, sagt: „Wir wollen keinen Krieg mit Russland. Wir sehen, was in der Ukraine passiert.“ Sie sei nicht gegen das Assoziierungsabkommen, hoffe aber, „Diplomatie“ werde eine Konfrontation mit Moskau vermeiden. Einige Meter weiter, an einem weiteren Bücherstand vor einer Kirche, sagt ein alter Mann mit Schiebermütze, auch er fürchte, dass Russland sich an Georgien dafür rächen werde, dass es sich an die EU binde. „Aber Fortschritt bleibt Fortschritt“, sagt er.

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