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Georgien : Der Milliardär und der Präsident

Der Herausforderer: Bidzina Iwanischwili in seiner Residenz hoch über Tiflis Bild: REUTERS

In Georgien fordert der reichste Mann des Landes Präsident Saakaschwili heraus. Die Regierung sieht Moskaus Hand hinter der neuen Kraft, die Opposition schöpft neue Hoffnung.

          Bis zum 7. Oktober war Bidzina Iwanischwili ein Phantom. Ganz Georgien kannte seinen Namen, aber kaum jemand wusste, wie er aussieht und wie seine Stimme klingt. Für die georgische Öffentlichkeit bestand er aus einigen dürren Daten und einer Ahnung: Alter - 55 Jahre; Geburtsort - Tschorwila, ein kleines Dorf im Bezirk Satschkere, Westgeorgien; Vermögen - etwa 5,5 Milliarden Dollar, in Russland während der wilden neunziger Jahre verdient mit Banken, Industriebeteiligungen und Immobilien; Neigungen - möglicherweise Philanthropie.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Der 7. Oktober war der Tag, an dem Bidzina Iwanischwili Präsident Saakaschwili herausforderte - schriftlich, noch ohne sich selbst zu zeigen. Wegen der „totalen Monopolisierung der Macht“ durch Präsident Saakaschwili, der die georgischen Medien zum Lügen zwinge und die Unternehmer seiner Willkür aussetze, sehe er sich gezwungen, in die Politik zu gehen, teilte er mit. Er werde eine Partei gründen, sich mit „den gesunden politischen Kräften“ verbünden, die Parlamentswahl kommendes Jahr gewinnen und dann entweder als Ministerpräsident oder als Parlamentspräsident für zwei, drei Jahre Verantwortung übernehmen, um das Land wieder zu einer Demokratie zu machen. Der reichste Mann Georgiens, dessen Vermögen das Anderthalbfache des gesamten Staatshaushalts beträgt, will die politische Macht.

          Das Phantom nimmt Gestalt an

          Seit jenem Tag nimmt das Phantom nach und nach Gestalt an. Bidzina Iwanischwili ist ein schmächtiger kleiner Mann mit schmalem Gesicht, der mit einer leisen, aber festen Stimme spricht. Im ersten Fernsehinterview seines Lebens im Oktober reagierte er auf kritische Fragen noch ungehalten, hat dann aber schnell gelernt. Jetzt lächelt er in solchen Situationen freundlich, als wolle er sein Gegenüber ermutigen, sagt, das sei eine gute Frage, und flüchtet sich dann in professionell allgemein gehaltene, kaum angreifbare Formulierungen.

          Iwanischwilis Residenz in Tiflis ist ein futuristisch anmutender Bau, der wie ein Raumschiff oben auf einem der Felsen sitzt, die hinter der Altstadt hoch aufragen. Die Einfahrt wirkt wie die Einfahrt zu einer Festung - in früheren Zeiten hat man an solchen Stellen Burgen gebaut. Von seinem Büro aus überblickt er fast die ganze Stadt: Wenn es dunkel wird, ragen aus den vielen Lichtern unten die Residenz des Präsidenten mit ihrer an den Berliner Reichstag erinnernden Glaskuppel und nicht weit entfernt davon eine riesige Kirche heraus, ein Neubau, für den Iwanischwili viel Geld gespendet hat. Die Einrichtung ist kühl, sachlich, teuer, an den Wänden hängen Originalwerke von Lucian Freud. Auf einem flachen Glastisch steht eine prunkvoll in Silber eingefasste Ikone.

          Milliardärsheimat: Tschorwila

          Fragt man ihn, warum er, der von sich sagt, er stehe ungern im Zentrum der Aufmerksamkeit, nun genau dorthin strebt, dann sagt Iwanischwili, er habe es getan, um seine Heimat nicht zu verlieren, denn Saakaschwili führe Georgien in einen Abgrund. Nach der gewaltsamen Auflösung von Massendemonstrationen in Tiflis im November 2007 und der möglicherweise manipulierten Parlamentswahl 2008 hat Iwanischwili begonnen, die Opposition zu finanzieren. „Aber das hat nicht die nötigen Resultate erbracht.“

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