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George W. Bushs Memoiren : Kein kritisches Wort über den Nachfolger

George W. Bush signiert seine „Decision Points” Bild: dapd

Als Präsident hat George W. Bush polarisiert wie kein zweiter. In seinen Memoiren gibt er sich milde gegenüber Barack Obama, verteidigt das „waterboarding“ und seinen Vize Cheney - und zementiert sein Selbstbild eines Staatsmannes mit einem überschaubaren Arsenal an Grundüberzeugungen.

          Am 20. Januar 2009, dem letzten Tag seiner Amtszeit, flog George W. Bush unmittelbar nach der Vereidigung seines Nachfolgers Barack Obama von Washington nach Texas. Es hat sich seither nicht mehr in der Hauptstadt blicken lassen, jedenfalls nicht öffentlich. Überhaupt war von Bush fast zwei Jahre lang nichts zu sehen und zu hören. Allenfalls zu einigen bezahlten Redeauftritten unter strengem Ausschluss der Öffentlichkeit fand er sich bereit. Zudem hat sich der 43. Präsident eisern an seine Maxime gehalten, wonach sein Nachfolger „mein Schweigen verdient“: Kein kritisches Wort über Obama ist je über Bushs Lippen gekommen, während der 44. Präsident auch vor den Kongresswahlen vom vergangenen Dienstag noch bei jedem Wahlkampfauftritt seinen Vorgänger für die Misere verantwortlich machte, aus welcher er, Obama, das amerikanische Volk seither zu führen versuche.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Nun hat Bush sein Schweigen gebrochen. Am Montag wurden die ersten Interviews ausgestrahlt, mit welchen Bush noch die ganze Woche über in allen maßgeblichen Fernsehsendern präsent sein wird. Denn an diesem Dienstag erscheinen seine Erinnerungen. Die wurden zwar schon vor Wochen gedruckt, sollten aber gemäß Bushs Anweisung erst nach den Kongresswahlen ausgeliefert werden. Sie tragen den Titel „Decision Points“ (etwa Punkte der Entscheidung), die Startauflage liegt bei anderthalb Millionen Exemplaren. Übrigens findet sich auch auf den knapp 500 Seiten der in schnörkelloser Prosa geschriebenen „Decision Points“ kein kritisches Wort über Obama. Allenfalls Lob für dessen „klugen, disziplinierten High-tech-Wahlkampf“, für dessen „ruhige Haltung“ auf dem Höhepunkt der Finanzkrise und zumal für dessen Entscheidung, mehr Soldaten nach Afghanistan zu schicken.

          Bush beschreibt seine „Punkte der Entscheidung“ im Wesentlichen chronologisch. Mit seinem Buch vervollständigt er das Selbstbild eines Staatsmannes, der einem überschaubaren Arsenal von Grundüberzeugungen folgt, die sich gerade an den Brüchen im Lebensweg eines Sohnes aus privilegiertem Haus verfestigt haben. Der Abschied vom Alkohol, zu dem er nach eigener Darstellung eine Art Liebesbeziehung unterhielt, die zunehmend mit der Liebe zu seiner Frau und seinen Töchtern konkurrierte, gelang „in einem Schritt“ und nach kurzem Leiden unter Entzugserscheinungen. Seit 1986 hat er keinen Tropfen mehr angerührt, und Bush bekräftigt, dass er ohne diesen Schritt niemals Gouverneur von Texas noch gar Präsident hätte werden können.

          Schwieg nach seiner Abwahl lange: der frühere Präsident George W. Bush

          „Das dritte Flugzeug war eine Kriegserklärung“

          Bush wurde in seinem Kampf für das ungeborene Leben wesentlich durch ein persönliches Erlebnis bestärkt, über das er in drastischen Worten berichtet. Nach einer Fehlgeburt von Barbara Bush musste der damalige Teenager die verzweifelte Mutter ins Krankenhaus fahren - den toten Fötus in einer Glasschüssel dazu. „Hier war ein menschliches Leben, ein kleiner Bruder oder eine kleine Schwester“, schreibt Bush und fährt fort, dass dieses für ihn schockierende Erlebnis „ohne Zweifel meine Philosophie geprägt hat, dass wir Respekt für das Leben haben sollen“.

          Die Entscheidungen nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 nehmen naturgemäß breiten Raum ein. Die Nachrichten über die Flugzeuge, die zunächst die Zwillingstürme des World Trade Center und dann das Pentagon treffen, nimmt Bush wie folgt auf: „Das erste Flugzeug, das hätte ein Unfall sein können. Das zweite, das war definitiv ein Anschlag. Das dritte, das war eine Kriegserklärung.“ Und er fährt fort: „An einem einzigen Morgen war die Bestimmung meiner Präsidentschaft klar: unser Volk zu schützen und unsere Freiheit zu verteidigen.“ Bush gibt den Befehl an die Luftwaffe, weitere entführte Flugzeuge abzuschießen, und als ihn die Nachricht vom vierten Flugzeug erreicht, das in Pennsylvania in ein Feld stürzt, nachdem Passagiere den Sturm aufs Cockpit versucht hatten, glaubt er zunächst, es sei, wie von ihm angeordnet, abgeschossen worden.

          Bush: Waterboarding „verdammt richtig“

          Dass zum Kampf zur Verteidigung Amerikas auch der Krieg gegen den Irak gehörte, steht für Bush bis heute außer Zweifel. Der Umstand, dass die vermuteten Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins nie gefunden wurden, entsetzt ihn. „Niemand war schockierter oder zorniger als ich, dass wir die Waffen nicht gefunden haben. Bis heute macht mich der Gedanke krank, wann immer er sich mir wieder aufdrängt“, schreibt Bush. Die „harsche Verhörmethode“ des simulierten Ertränkens (waterboarding) verteidigt Buch als „verdammt richtig“. Sie sei überhaupt bei nur drei führenden Terroristen angewendet worden, und ohne die auf diese Art aus Abu Zubayda und Khalid Scheich Mohammed (der dritte mit „Waterboarding“ traktierte Terrorist wird nicht genannt) herausgepressten Informationen wäre es zu weiteren Anschlägen und zum Verlust unschuldiger Menschenleben gekommen, schreibt Bush.

          Dass Bush vor den Präsidentenwahlen von 2004 erwog, auf Vorschlag von Vizepräsident Dick Cheney sich mit einem anderen Kandidaten als „running mate“ - Senator Bill Frist aus Tennessee - um die Wiederwahl zu bemühen, ist eine echte Enthüllung. Nach einiger Bedenkzeit wies Bush das Angebot Cheneys zurück, der sich seines schlechten Rufs bewusst war - und gewann die Wahl mit ihm. Die unerschütterliche Hochachtung Bushs für den britischen Premierminister Tony Blair, der trotz des Risikos des eigenen Machtverlusts mit ihm in den Krieg gegen Saddam zog und den Bush deshalb mit Winston Churchill vergleicht, wird dagegen niemanden überraschen.

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