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Matthias Rüb (rüb)

Italien in der Dauerkrise : Drachentöter nicht in Sicht

  • -Aktualisiert am

Was von der Morandi-Brücke im August 2018 übrigblieb. Bild: AP

Genuas neue Brücke macht Italien nicht neu. Die Ursachen für die Dauermisere zwischen Südtirol und Sizilien sind Legion. Und für Hoffnung besteht kein Anlass.

          3 Min.

          Mit einem rauschenden Fest wird an diesem Montag die neue Autobahnbrücke von Genua eingeweiht. Der Staatspräsident, der Regierungschef und zahlreiche Kabinettsmitglieder werden erwartet, die Nationalhymne und allerlei weitere Musik ertönen. Zum Abschluss malt die Kunstflugstaffel der Luftwaffe die italienische Trikolore und das Georgskreuz in den Abendhimmel. Denn der Heilige Georg ist nicht nur der Schutzpatron der „Superba“, der stolzen Hafenstadt an der Küste Liguriens. Er ist auch der Namensgeber des neuen Viadukts: Ponte San Giorgio heißt die vom Genueser Architekten Renzo Piano entworfene Brücke über das breite Tal des Flusses Polcevera.

          Seit Monaten ist in schwer erträglicher Penetranz vom Modell und vom Hoffnungszeichen, von der Wiedergeburt und gar vom Wunder zu Genua die Rede. Die Brücke sei in Rekordzeit erbaut worden, heißt es: Weniger als zwei Jahre nach dem Einsturz der Morandi-Brücke am 14. August 2018 mit 43 Toten würden schon in dieser Woche wieder Autos und Lastwagen über die – ja doch! – elegante Stahlkonstruktion rollen.

          Dabei gibt es nichts zu bejubeln und wenig zu feiern. Die Pietätlosigkeit der Einweihungszeremonie wird kaum gemildert durch den Umstand, dass Präsident Sergio Mattarella mit den Hinterbliebenen der Opfer zusammenkommt, ehe er sich nach Durchschneiden des Eröffnungsbandes über die Brücke fahren lässt. Wie tief muss das Selbstwertgefühl einer großen Nation und einer stolzen Stadt gesunken sein, wenn die Eröffnung einer „neuen“ Brücke, die nie hätte gebaut werden müssen, wäre die alte nicht zur Grabstätte für 43 Menschen geworden, als eine Art Erweckungserlebnis zelebriert wird? Die Hinterbliebenen jedenfalls werden an dem „Karnevalsfest für die aus einer Tragödie geborenen Brücke“ nicht teilnehmen, wie deren Sprecherin ausrichten ließ.

          Erwartungsgemäß muss das „Modell Genua“ auch dafür herhalten, der jüngst von einer weiteren Tragödie – der Corona-Pandemie – heimgesuchten Nation Hoffnung zu machen. Der Geldregen von 209 Milliarden Euro aus Brüssel zur Überwindung der Folgen der Pandemie solle nach diesem vorgeblich so erfolgreichen Muster ausgegeben werden, heißt es in Rom. Dabei wurde, siehe oben, in Genua die veraltete, unzureichende Infrastruktur Italiens gar nicht erweitert, sondern nur repariert.

          Mit Recht sind die Erbauer der Sankt-Georgs-Brücke zu Genua aber darauf stolz, dass die Arbeiten auch während der Zeit des nationalen Lockdowns von März bis Mai ungebremst vorangetrieben wurden. Sie haben damit bewiesen, dass man unter Einhaltung der einschlägigen Schutz- und Hygienemaßnahmen die Arbeit fortsetzen kann, ohne eine Explosion der Infektionen zu riskieren.

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          Doch gerade dieses Modell hatte die Regierung unter Ministerpräsident Giuseppe Conte verworfen: Auf den Schock des Ausbruchs der Pandemie Ende Februar in der Lombardei reagierte Rom mit der Abriegelung des gesamten Landes. Die katastrophalen Folgen des strengsten und längsten Lockdowns in Europa für die italienische Volkswirtschaft werden jetzt sichtbar. Seit der Einführung des Euro im Jahr 1999 hatte Italien zwei Jahrzehnte lang faktisch ein Nullwachstum der Wirtschaft verzeichnet. Nach dem Einbruch im ersten Halbjahr 2020 ist die Wirtschaftskraft des Landes jetzt auf 91 Prozent des Niveaus von 1998 gesunken. Die Staatsverschuldung wird dafür auf fast 160 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung steigen. Dieses Geld werden folgende Generationen einmal zurückzahlen müssen. Genauer gesagt jene, die angesichts von derzeit gut 23 Prozent Jugendarbeitslosigkeit nicht längst ausgewandert sind.

          Die Ursachen der anhaltenden Misere Italiens sind bekannt: eine alles lähmende Bürokratie, die Investoren aus dem Ausland und im Inland abschreckt; ein quälend langsamer und mitunter korrupter Justizapparat, dessen Vertreter eine persönliche oder auch politische Agenda verfolgen statt rasch für Rechtssicherheit zu sorgen; eine paternalistische Gesellschaftsstruktur, die das schöpferische Potential von Frauen und jungen Leuten verkümmern lässt beziehungsweise außer Landes treibt; eine politische Klasse, die um sich selbst kreist und ihre jeweilige Klientel bedient, anstatt das Land wieder international anschlussfähig zu machen.

          Es gibt kaum Anzeichen dafür, dass Italien mit den Milliarden aus Brüssel über die neu-alte Brücke von Genua geradewegs in eine leuchtende Zukunft schreiten wird. Die Linkskoalition in Rom ist schwach und zerstritten. Die rechte Opposition treibt die Regierung wieder mit dem Thema der illegalen Migration und der fehlenden europäischen Solidarität in Flüchtlingsfragen vor sich her.

          In der Pandemie-Krise hat die Regierung Conte, aus nachvollziehbarer Angst vor dem unbekannten Virus, den Drachen der vollends entfesselten Bürokratie und der staatlichen Gängelung gefüttert. Sie dürfte diesem tief verwurzelten politischen Instinkt auch bei dem Versuch folgen, die beispiellose Rezession zu überwinden. Ein Drachentöter vom Format des Heiligen Georg, den das Land dringender als je zuvor brauchte, ist nicht in Sicht.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

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