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Gentrifizierung : Dunkle Fenster in Jerusalem

Geschlossene Fensterläden und kaum ein Mensch auf der Straße. Jerusalem scheint verlassen Bild: Eitan Simanor

Reiche Ausländer kaufen Luxuswohnungen in Jerusalem, bewohnen sie aber oft nur für wenige Wochen im Jahr. Familien und Studenten werden verdrängt. Zurück bleibt eine Geisterstadt.

          5 Min.

          Als vor zwei Jahren die dritte Tochter zur Welt kam, hatten Ronia und Raviv keine andere Wahl mehr. "Wir mussten an den Stadtrand ziehen. Die neue Wohnung ist genauso teuer, aber doppelt so groß", sagt die Musiklehrerin. Der Preis war trotzdem hoch: In ihrem alten Viertel in der Stadtmitte lagen Schule, Kindergarten und Wochenmarkt um die Ecke. Doch Wohnungen im Zentrum von Jerusalem können sich viele Israelis nicht mehr leisten. "Wir würden am liebsten wieder zurück, aber für Leute wie uns ist dort kein Platz mehr", bedauert Ronia.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          In beliebten Jerusalemer Wohnvierteln wie Rehavia, Talbieh und der German Colony sind immer seltener fröhliche Kinderstimmen zu hören. Selbst wenn beide Eltern arbeiten wie Ronia und Raviv, reicht das Gehalt vieler Israelis kaum noch für die Mieten, die seit Jahren steigen.

          Jerusalems Zentrum als Geisterstadt

          Ein Abendspaziergang genügt, um die Folgen zu sehen. Viele Fenster in den gefragten Wohnstraßen der besseren Viertel bleiben dunkel. Das Zentrum Jerusalems verwandelt sich in eine Geisterstadt. Der größte Teil der neuen Bewohner, die die sanierten Wohnungen oder neuen Luxusapartments übernommen haben, lebt im Ausland. Sie können es sich leisten, die Wohnungen nur für ein paar Wochen während der jüdischen Feiertage im Frühjahr oder im Herbst zu nutzen. Man schätzt, dass mittlerweile zwischen 9.000 und 11.000 solcher "Geisterwohnungen" in der Mitte Jerusalems mit ihren etwa 7.800.00 Einwohnern zu finden sind.

          Sozialen Wohnungsbau wie in Deutschland gibt es in der Heiligen Stadt, die zu den ärmsten Städten in ganz Israel zählt, praktisch nicht. In der Innenstadt haben die Bauarbeiter trotzdem seit Jahren alle Hände voll zu tun. Die mit Stein verkleideten Luxuswohnblocks mit Altstadtblick und eigenem Fitnessclub haben Namen wie "Goldenes Jerusalem" und "König Davids Krone". Die neue Residenz des Waldorf-Astoria bietet hinter der alten Hotel-Fassade Wohnungen mit einem Service, wie er in einem Fünfsternehotel üblich ist. Das hat seinen Preis.

          Kaufpreise von bis zu 15.000 Dollar pro Quadratmeter

          Schräg gegenüber in der aufwendig wieder aufgebauten Mamilla-Straße verlangt ein Bauherr für ein neues Penthouse mit 250 Quadratmetern Wohnfläche, Dachterrasse und eigenem Aufzug elf Millionen Dollar. Kaufpreise von bis zu 15.000 Dollar für den Quadratmeter sind in diesen Gegenden nicht ungewöhnlich - auch die Mieten fallen entsprechend hoch aus. In den Neubauten fehlt es an nichts, nur draußen vor der Tür tut sich kaum etwas. In den Januarwochen ziehen im "Dorf Davids" gegenüber der Stadtmauer nur fröstelnde Wachmänner ihre Runden unter den geschlossenen Jalousien und Fensterläden. Weder einen Tante-Emma-Laden noch einen Supermarkt gibt es in der Wohnanlage.

          Die ungenutzten Apartments bereiten dem Jerusalemer Bürgermeister Nir Barakat große Sorgen: "Sie bedeuten weniger Kunden in den Kiosken und Cafés, weniger Kinder in den Schulen und vor allem weniger junge Familien, die in der Stadt leben." Dieser Leerstand schade Wirtschaft und Wohnungsmarkt.

          Das beleuchtete Haus sticht neben dem verlassenen Wohnblock in Jerusalem heraus Bilderstrecke

          Auch in Jerusalem hatten sich im vergangenen Sommer Zehntausende den Protestdemonstrationen für mehr soziale Gerechtigkeit angeschlossen. Eine der Hauptforderungen war damals bezahlbarer Wohnraum für junge Paare und Studenten. Hilflos hatte der Bürgermeister schon vor einiger Zeit an die reichen Eigentümer appelliert, ihre Wohnungen wenigstens zeitweise Israelis zu überlassen, die sie dringender brauchen. Doch seine Kampagne "Alle Lichter an in Jerusalem" brachte ebenso wenig Entspannung auf dem Wohnungsmarkt, wie das Angebot, dass sich Makler um die Zwischenvermietung kümmern können.

          Luxuswohnungen auf Zeit für Studenten

          "Es war schwer zu glauben, dass sie ihre teuer ausgestatteten Wohnungen Studenten, Soldaten oder kinderreichen Familien anvertrauen. Für private Bauunternehmer war es bisher einfach lukrativer, in der Innenstadt Luxusapartments zu bauen, als Wohnungen für Familien mit Kindern", beobachtet Israel Kimhe vom "Jerusalem Institute for Israel Studies". Er war früher selbst Stadtplaner im Rathaus und ist weniger pessimistisch als andere Fachleute. Kimhe macht Mut, dass einige der reichen Neubürger aus dem Ausland immer länger bleiben und sie sich - oder ihre Kinder - dort ganz niederlassen. "So etwas braucht Zeit", gibt er zu.

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