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Genozid in Armenien : Erinnern, um zu vergessen

Vorbereitungen zur Gedenkfeier an die Schlacht von Gallipoli während des Ersten Weltkriegs. Bild: Getty

Die Türkei will mit einer Gegenveranstaltung vom Gedenktag zum Völkermord an den Armeniern ablenken. Ein Lehrstück über Chauvinismus, Geschichtsklitterung und Verdrängung.

          7 Min.

          Der türkische Regierungschef Ahmet Davutoglu ist ein weitsichtiger Mann, und so hat er schon vor vier Jahren an den heutigen Tag gedacht. „Wir werden die ganze Welt von 2015 in Kenntnis setzen. Wir werden der Welt sagen, dass dies nicht, im Gegensatz zu dem, was einige behaupten..., der Jahrestag eines Genozids sein wird, sondern des ehrenhaften Widerstands einer Nation in Gallipoli“, kündigte er im Jahr 2011 an.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Man muss etwas ausholen, um diese beiden Sätze des damaligen türkischen Außenministers zu erklären, denn es steckt ein ganzes Jahrhundert darin, und das auch noch auf dem Kopf. Der Jahrestag, der angeblich nicht der Jahrestag eines Genozids ist, ist der 24. April. Im Jahr 1915 ließen die damaligen Machthaber im Osmanischen Reich, die Jungtürken, an diesem Tag mehr als 200 armenische Nationalisten in Istanbul verhaften und später die meisten ermorden. Gerade war der jungtürkische Kriegsminister Enver Pascha mit einem Angriff gegen Russland im Kaukasus gescheitert, und um ihr militärisches Versagen zu vertuschen, verdächtigten die Machthaber die christlichen Armenier des Reiches der Kollaboration mit den Russen – in einigen Fällen sogar zu Recht. Es wurde beschlossen, alle Armenier aus dem Osten des Landes zu deportieren.

          Fehim Tastekin, Kolumnist der türkischen Zeitung „Radikal“, hat das jüngst so bewertet: „Hunderttausende unschuldiger Zivilisten wurden für die Taten einiger hundert armenischer Separatisten bestraft.“ Armenische Politiker behaupten, 1,5 Millionen Armenier seien im Zuge der Deportationen ermordet worden oder hätten ihre Folgen nicht überlebt. Viele Historiker halten eine Zahl etwa einer Million Toten für realistischer. Fest steht: Der 24. April 1915 war Auftakt zu einem der größten Verbrechen des 20. Jahrhunderts. Nicht nur in der armenischen Hauptstadt Eriwan wird an diesem Tag der Opfer eines Völkermords gedacht, der laut offizieller türkischer Darstellung nie stattgefunden hat.

          Auch Davutoglus zweiter Satz bedarf einer Erklärung. Während im Landesinnern die Deportationen vorbereitet wurden, kämpfte das angeschlagene Osmanische Reich um seinen Bestand. Franzosen und Briten rückten auf die türkische Halbinsel Gallipoli vor, um die Dardanellen samt Istanbul zu erobern und Russland über das Schwarze Meer im Kampf gegen den Kriegsgegner Deutschland besser unterstützen zu können. Am 18. März 1915 griff eine britisch-französische Flotte Gallipoli an, scheiterte aber unter hohen Verlusten – für das Osmanische Reich nach einer langen Zeit demütigender Niederlagen auf dem Balkan und im Nahen Osten das erste militärische Erfolgserlebnis seit Menschengedenken. In der Türkei wird der 18. März in Erinnerung an diese Abwehrschlacht als „Tag der Märtyrer“ gefeiert.

          Das Ablenkungsmanöver des Recep Erdogan

          Nur in diesem Jahr nicht. Zwar fanden am 18. März Veranstaltungen zu Ehren der Verteidiger Gallipolis statt, doch die wichtigsten Feierlichkeiten wurden auf Geheiß von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan verschoben – auf den 24. April. Um von den Gedenkveranstaltungen zum 100. Jahrestag des Beginns des Völkermordes an den Armeniern in Eriwan abzulenken, ersann der türkische Staat eine gewaltige Parallelaktion. Erdogan und Davutoglu versandten Einladungen an mehr als 100 Staats- und Regierungschefs zu einer „Friedenskonferenz“ in Istanbul und zu einer großen Gedenkveranstaltung für die Schlacht um Gallipoli. Viele ranghohe Gäste wird der türkische Staatspräsident aber wohl nicht begrüßen können, da man die Terminverlegung im Ausland als das erkannt hat, was sie ist: ein Ablenkungsmanöver.

          Joost Lagendijk, ein ehemaliger Europaabgeordneter für die niederländischen Grünen, der sich vor einigen Jahren in Istanbul zur Ruhe gesetzt hat, spricht von einem „schamlosen und allzu durchsichtigen“, zum Scheitern verurteilten Ablenkungsversuch: „Es wird nicht funktionieren und die Türkei unnötig diskreditieren.“ Das ist längst geschehen – nicht zuletzt durch den Umstand, dass Erdogan auch und ausgerechnet seinen armenischen Gegenpart Sersch Sarkisjan zu der türkischen Siegesfeier an Armeniens Volkstrauertag einlud. „Wir haben in Gallipoli zusammen gekämpft. Deshalb haben wir die Einladung auch an Präsident Sarkisjan ausgesprochen“, kommentierte der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu die Einladung in kaum zu überbietendem Zynismus.

          Dabei trifft es durchaus zu, dass in Gallipoli auch Armenier kämpften. Während sie das Osmanische Reich verteidigten, massakrierte der Staat, dessen Uniformen sie trugen, im Landesinnern ihre Familien. Sarkisjan sagte die Einladung, am 24. April zur Feier türkischen Soldatentums in die Türkei zu kommen, natürlich ab. Als Armeniens Präsident Ende Januar in Moskau die russische Premiere von Fatih Akins Film „The Cut“ besuchte – es geht darin um das Schicksal der Armenier 1915 –, nannte er Ankaras Gegenveranstaltung „zynisch und kurzsichtig“. In einem offenen Brief an Erdogan sparte das Oberhaupt des kleinsten Kaukasusstaates nicht mit harscher Kritik: „Die Türkei setzt ihre traditionelle Politik der Leugnung fort. Jahr um Jahr verbessert sie ihre Werkzeuge zur Geschichtsklitterung.“ Bevor sie eine Gedenkveranstaltung organisiere, habe die Türkei „eine ungleich wichtigere Verpflichtung vor ihrem eigenen Volk und der gesamten Menschheit, nämlich die Anerkennung und Verurteilung des Genozids an den Armeniern“. Doch daran ist nicht zu denken, obwohl sich Ankara mit der Leugnung des Genozids von 1915 immer weiter isoliert.

          „Wissenschaftlich ist der Genozid unumstritten“

          Wen man auch fragt, die führenden Historiker sind sich weitgehend einig. Eugene Rogan (Oxford): „Ich sehe nicht, wie Historiker glaubwürdig in Frage stellen können, dass das, was den Armeniern im Ersten Weltkrieg zustieß, einen Genozid ausmacht.“ Norman Naimark (Stanford): „Es steht heute außer Frage, dass die Massaker und die Massentötung der Armenier in den Jahren 1915 bis 1916 als Völkermord zu bewerten sind.“ Hans-Lukas Kieser (Zürich): „Es war einer der größten Völkermorde der Neuzeit“. Volker Weiß (Hamburg): „Wissenschaftlich ist der Genozid unumstritten.“ Taner Akcam (Clark University): „Die Türkei kann kein demokratisches Modell sein, wenn sie nicht anerkennt, dass dem modernen türkischen Staat Gewalt, Bevölkerungsumsiedlungen und Völkermord zugrunde liegen.“ Die Liste von klugen, kundigen und selbstkritischen Menschen, die das, was 1915 geschah, einen Völkermord nennen, ließe sich mühelos verlängern.

          Wer eine Liste mit Verfechtern der Gegenmeinung erstellen wollte, müsste sich dagegen auf oft recht obskure Gesellen stützen, wie etwa auf Cevdet Kirpik, seines Zeichens Extraordinarius an der Erciyes-Universität in der zentralanatolischen Provinz Kayseri, der dieser Tage mit der angeblich auf Archivrecherchen gründenden Ansicht aufwartete, Armenier hätten 1915 – als Kurden oder Türken verkleidet – „ihre eigenen Dörfer überfallen und die eigenen Leute getötet“, um die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich zu erringen. Ob sich diese Hypothese als Erklärung für den gewaltsamen Tod von mindestens 800.000 Armeniern international durchsetzen kann, muss die Zeit zeigen, doch einstweilen verunglimpft Ankara all die Professoren, Historiker und Politikwissenschaftler von den besten Hochschulen und Denkfabriken der Welt, die Völkermord Völkermord nennen, als naiv, einseitig, schlecht informiert oder gekauft. „Die Türkei wird sich weiterhin allen Versuchen der Manipulation durch einen einseitigen Blick auf die Geschichte widersetzen“, bestätigt ein Sprecher des türkischen Außenministeriums. Die anderen liegen alle falsch, es sind lauter Geisterfahrer der Geschichtswissenschaft. Für die Türkei aber gilt: Im Rückschritt, marsch!

          Freilich gilt das nur für den Staat. Teile der türkischen Gesellschaft sind mittlerweile viel weiter. Bücher über den Genozid erschienen, wissenschaftliche Konferenzen dazu finden statt, und Fatih Akins Film lief, abgesehen von anfänglichen Drohungen einiger türkischer Nationalisten auf Twitter, ohne Zwischenfälle in türkischen Kinos. „Er wurde nicht zensiert, es gab keine Todesdrohungen“, sagte Akin in einem Interview und hob hervor, wie sich die Türkei seit der Ermordung des türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink 2007 verändert habe: „Seit Hrant getötet wurde, hat es eine Katharsis gegeben, und es gibt mehr Wissen über den Genozid. Früher konnte dieses Wort nicht einfach ausgesprochen werden, nun wird es das – ohne, dass jemand Anklage gegen dich erhebt.“

          Das ist tatsächlich so. Das Klima ist nicht frei, aber freier als früher. Kein Aufschrei geht durchs Land, wenn der Politikwissenschaftler Ömer Taspinar feststellt, immerhin seien zu Beginn des 20. Jahrhunderts fast 1,5 von damals etwa zehn Millionen Einwohnern Anatoliens Armenier gewesen, es habe eine lebhafte dynamische armenische Gemeinschaft gegeben. „Heute gibt es keine Armenier in Anatolien mehr... Wenn es keine Absicht gab, den Armeniern zu schaden, was geschah dann mit ihnen?“, fragt Taspinar.

          An der Schwelle zur Lüge

          Unter der Überschrift „Sind wir die Serben von Srebrenica?“ stellte eine türkische Journalistin ähnliche Fragen, die ihr bis vor einigen Jahren eine Anklage wegen Beleidigung des Türkentums eingebracht hätte. Der Völkermord von Srebrenica, bei dem 1995 serbische Truppen mehr als 7000 bosnische Muslime töteten, wird von Erdogan und Davutoglu oft als Beispiel für westliche Islamophobie angeführt, weil die Staatengemeinschaft das Verbrechen in der von niederländischen Blauhelmen bewachten „UN-Schutzzone“ geschehen ließ. Die balkanerfahrene Journalistin erinnerte daran, dass nationalistische Serben stets hervorheben, die Muslime Srebrenicas hätten zuerst serbische Dörfer angegriffen.

          Das kam ihr bekannt vor. Hatte sie nicht in der Schule gelernt, dass die „Umsiedlung“ der Armenier nur eine Folge armenischer Angriffe gegen Muslime gewesen sei? „Vielleicht gibt es bei Massakern einen Standardmodus des Leugnens. Jene, die Massaker vertuschen wollen, scheinen dieselben Methoden zu benutzen“, mutmaßte die Journalistin. Ihr Text gipfelt in Sätzen, mit denen sie früher eine Fahrkarte ins Gefängnis gelöst hätte: „Einige unserer Vorfahren haben an den Massenmorden an Armeniern 1915 teilgenommen... Ich will wirklich etwas erfahren über diese Mördervorfahren.“

          Eine Gruppe von Historikern und Intellektuellen protestierte unlängst in einem offenen Brief an die Regierung gegen den „offenen Hass und die Feindschaft“ in der Darstellung der Ereignisse von 1915 in türkischen Schulgeschichtsbüchern, die immer noch voll von nationalistischem Gerümpel sind. Über die Deportationen von 1915 erfahren türkische Schüler darin fast nichts, und über das hunderttausendfache Sterben der Armenier enthalten die Bücher nur einen Halbsatz an der Schwelle zur Lüge. Der Historiker Taner Akcam fordert, die Bücher sofort aus dem Verkehr zu ziehen, „mit einer Entschuldigung an alle und besonders an armenische Schüler“. Doch der unter anderen von dem

          Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk unterzeichnete Appell verhallte wirkungslos. Das zeigt auch: Von der türkischen Regierung die Anerkennung des Völkermords von 1915 zu fordern ist so, als erwarte man von einem Stabhochspringer einen Sprung über sechs Meter, obwohl der bisher nicht einmal die fünf Meter schaffte. Dabei gäbe es viel, was die Türkei unterhalb der Schwelle einer Genozidanerkennung tun könnte. So beklagen Historiker, dass die türkischen Archive zu 1915, anders als von Ankara immer wieder behauptet, eben nicht vollkommen geöffnet und für die Forschung zugänglich sind.

          Von solchen Dingen aber wird an diesem Freitag in Gallipoli nicht die Rede sein. Bei der türkischen Parallelaktion, einem „Akt globaler Plumpheit“, wie es der Historiker Eugene Rogan formuliert, werden nur wenige ranghohe Gäste erwartet (Wladimir Putin fährt nach Eriwan), dafür aber viele tausend Neuseeländer und Australier, die Jahr für Jahr in großer Zahl am 25. April nach Gallipoli strömen, um ihrer 1915 bei dem militärisch dilettantischen Versuch der Einnahme Gallipolis gefallenen Vorfahren zu gedenken. Ob einer der ausländischen Gäste den Mut haben wird, auch über die Armenier-Vernichtung zu sprechen?

          Die derzeitige Generation von AKP-Politikern, aufgewachsen und geprägt in einem Klima der chauvinistischen Überhöhung des Türkentums sowie einer Leugnung selbst der Möglichkeit, bei der Schaffung der modernen Türkei könne es zu Verbrechen gekommen sein, wird diesen Mut nicht aufbringen. Der britische Publizist Thomas de Waal zitiert dazu in einem seiner Bücher einen in die Vereinigten Staaten ausgewanderten Armenier, der über die Möglichkeit einer Anerkennung des Massenmords von 1915 als Genozid sagte: „Für die Türkei sind 100 Jahre zu früh. Für uns ist es zu spät.“

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