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Genozid in Armenien : Erinnern, um zu vergessen

Vorbereitungen zur Gedenkfeier an die Schlacht von Gallipoli während des Ersten Weltkriegs. Bild: Getty

Die Türkei will mit einer Gegenveranstaltung vom Gedenktag zum Völkermord an den Armeniern ablenken. Ein Lehrstück über Chauvinismus, Geschichtsklitterung und Verdrängung.

          Der türkische Regierungschef Ahmet Davutoglu ist ein weitsichtiger Mann, und so hat er schon vor vier Jahren an den heutigen Tag gedacht. „Wir werden die ganze Welt von 2015 in Kenntnis setzen. Wir werden der Welt sagen, dass dies nicht, im Gegensatz zu dem, was einige behaupten..., der Jahrestag eines Genozids sein wird, sondern des ehrenhaften Widerstands einer Nation in Gallipoli“, kündigte er im Jahr 2011 an.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Man muss etwas ausholen, um diese beiden Sätze des damaligen türkischen Außenministers zu erklären, denn es steckt ein ganzes Jahrhundert darin, und das auch noch auf dem Kopf. Der Jahrestag, der angeblich nicht der Jahrestag eines Genozids ist, ist der 24. April. Im Jahr 1915 ließen die damaligen Machthaber im Osmanischen Reich, die Jungtürken, an diesem Tag mehr als 200 armenische Nationalisten in Istanbul verhaften und später die meisten ermorden. Gerade war der jungtürkische Kriegsminister Enver Pascha mit einem Angriff gegen Russland im Kaukasus gescheitert, und um ihr militärisches Versagen zu vertuschen, verdächtigten die Machthaber die christlichen Armenier des Reiches der Kollaboration mit den Russen – in einigen Fällen sogar zu Recht. Es wurde beschlossen, alle Armenier aus dem Osten des Landes zu deportieren.

          Fehim Tastekin, Kolumnist der türkischen Zeitung „Radikal“, hat das jüngst so bewertet: „Hunderttausende unschuldiger Zivilisten wurden für die Taten einiger hundert armenischer Separatisten bestraft.“ Armenische Politiker behaupten, 1,5 Millionen Armenier seien im Zuge der Deportationen ermordet worden oder hätten ihre Folgen nicht überlebt. Viele Historiker halten eine Zahl etwa einer Million Toten für realistischer. Fest steht: Der 24. April 1915 war Auftakt zu einem der größten Verbrechen des 20. Jahrhunderts. Nicht nur in der armenischen Hauptstadt Eriwan wird an diesem Tag der Opfer eines Völkermords gedacht, der laut offizieller türkischer Darstellung nie stattgefunden hat.

          Auch Davutoglus zweiter Satz bedarf einer Erklärung. Während im Landesinnern die Deportationen vorbereitet wurden, kämpfte das angeschlagene Osmanische Reich um seinen Bestand. Franzosen und Briten rückten auf die türkische Halbinsel Gallipoli vor, um die Dardanellen samt Istanbul zu erobern und Russland über das Schwarze Meer im Kampf gegen den Kriegsgegner Deutschland besser unterstützen zu können. Am 18. März 1915 griff eine britisch-französische Flotte Gallipoli an, scheiterte aber unter hohen Verlusten – für das Osmanische Reich nach einer langen Zeit demütigender Niederlagen auf dem Balkan und im Nahen Osten das erste militärische Erfolgserlebnis seit Menschengedenken. In der Türkei wird der 18. März in Erinnerung an diese Abwehrschlacht als „Tag der Märtyrer“ gefeiert.

          Das Ablenkungsmanöver des Recep Erdogan

          Nur in diesem Jahr nicht. Zwar fanden am 18. März Veranstaltungen zu Ehren der Verteidiger Gallipolis statt, doch die wichtigsten Feierlichkeiten wurden auf Geheiß von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan verschoben – auf den 24. April. Um von den Gedenkveranstaltungen zum 100. Jahrestag des Beginns des Völkermordes an den Armeniern in Eriwan abzulenken, ersann der türkische Staat eine gewaltige Parallelaktion. Erdogan und Davutoglu versandten Einladungen an mehr als 100 Staats- und Regierungschefs zu einer „Friedenskonferenz“ in Istanbul und zu einer großen Gedenkveranstaltung für die Schlacht um Gallipoli. Viele ranghohe Gäste wird der türkische Staatspräsident aber wohl nicht begrüßen können, da man die Terminverlegung im Ausland als das erkannt hat, was sie ist: ein Ablenkungsmanöver.

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