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Generalstreik legt Stadt lahm : Ein Stich ins Herz Hongkongs

„Erobert Hongkong zurück“: Tausende Demonstranten blockieren am Montag die Straßen der Stadt. Bild: AFP

Mit dem Generalstreik am Montag zeigen die Hongkonger: Es sind nicht nur Schüler, Studenten und Freizeitdemonstranten, die die Proteste unterstützen. Doch Regierungschefin Carrie Lam macht keine Zugeständnisse.

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          Cecilia ist sauer auf ihren Sohn, weil er am Morgen zur Arbeit gegangen ist. Trotz des Generalstreiks in Hongkong. „Ich habe gesagt, wenn du arbeiten gehst, werde ich zwei Monate lang nicht für dich kochen“, sagt die Frau, die aus Angst vor Repressionen ihren Namen nicht veröffentlicht wissen will. Sie ist 59 Jahre alt, Aktienhändlerin und eine überzeugte Anhängerin der Protestbewegung. Ihr Sohn ist Banker – und anderer Meinung.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Cecilia steht im Stadtteil Wong Tai Sin inmitten Tausender junger Leute in schwarzen T-Shirts. Sie haben sich hier versammelt, um gegen die Regierung zu demonstrieren. Später wird die Polizei sie mit Tränengas vertreiben, wie so oft in den vergangenen Wochen. Doch an diesem Montag geht es um mehr. Es geht den Aktivisten darum, die Achillessehne Hongkongs freizulegen, um noch mehr Druck auf die Regierung auszuüben.

          Sie wollen zeigen, wie verwundbar die Wirtschaft, das Herz Hongkongs, ist. Und es geht ihnen darum zu zeigen, dass nicht nur Schüler, Studenten und Freizeitdemonstranten ihre Forderungen unterstützen, die nur am Wochenende auf die Straße gehen. Zahlreiche Gewerkschaften haben für Montag zum Generalstreik aufgerufen. Es ist der erste Generalstreik in Hongkong seit mehr als fünfzig Jahren.

          Überall in der Stadt sind die Geschäfte geschlossen

          Seine sichtbarsten Spuren hinterlässt er am Flughafen. Viele Fluglotsen und Mitarbeiter des Bodenpersonals, ebenso wie Piloten und Stewardessen der Hongkonger Fluggesellschaft Cathay Pacific sind in den Ausstand getreten. Mehr als 230 Flüge müssen gestrichen werden. Auch in der Innenstadt herrscht Verkehrschaos. Es ist nicht schwer, eine Stadt wie Hongkong lahmzulegen.

          Es reicht, den U-Bahn-Verkehr zwischen der Insel Hongkong und dem übrigen Stadtgebiet zu unterbrechen. Und einen der drei Unterseetunnel zu blockieren. Um halb acht Uhr morgens kommt es an unzähligen U-Bahnhöfen überall in der Stadt plötzlich zu „Türstörungen“. Aktivisten legen sich in die Eingänge der U-Bahnen oder verhindern das Schließen der Türen mit Regenschirmen und Wasserflaschen. Immer und immer wieder. Auf sieben Linien wird der Verkehr daraufhin eingestellt. Über Stunden.

          Viele Unternehmen, darunter internationale Konzerne, haben für diesen Fall vorgesorgt und ihre Mitarbeiter aufgefordert, von zu Hause aus zu arbeiten. Andere haben ihrem Personal erlaubt, sich für den Generalstreik krank zu melden. Ohne Attest. Die meisten aber haben einfach Urlaub eingereicht – es ist die Hongkonger Art zu streiken. Überall in der Stadt bleiben Geschäfte und Restaurants geschlossen. Auch Starbucks- und H&M-Filialen. Den Verwaltungsmitarbeitern hat die Regierung dagegen gedroht, dass ihnen die Neutralitätspflicht verbiete, an regierungskritischen Veranstaltungen teilzunehmen. Die Behörden sind angewiesen, nicht erschienene und krankgemeldete Mitarbeiter zu melden.

          „Hongkong ist eine Stadt des Geldes“, sagt ein Unternehmensberater, der sich ebenfalls unter die Demonstranten in Wong Tai Sin gemischt hat. „Für die Leute hier ist es das Wichtigste im Leben, Geld zu verdienen. Ihnen zu sagen, dass sie nicht arbeiten sollen, ist sehr schwer.“ Trotzdem hat er sich dem Streik angeschlossen. Damit wolle er die „sogenannten radikalen“ Aktivisten unterstützen, die anders als er große Risiken eingingen, wenn sie sich an vorderster Front Kämpfe mit der Polizei lieferten. „Alle meine Freunde denken so“, sagt der Mann, der sich als Anson vorstellt.

          Über die gleichen Aktivisten, die Anson unterstützen will, sagt am Morgen Regierungschefin Carrie Lam, deren „heimliche Motive werden Hongkong zerstören“. Die Stadt sei „an der Schwelle einer sehr gefährlichen Situation“. Die radikalen Methoden der Aktivisten würden auf einen Pfad zusteuern, von dem es kein Zurück mehr gebe. Mit keinem Wort allerdings geht sie auf die Forderungen der Demonstranten ein, von denen viele Hongkonger glauben, dass nur sie noch zu einer Beruhigung der Lage führen könnten. Zum Beispiel die Einrichtung einer unabhängigen Kommission zur Untersuchung mutmaßlicher Polizeigewalt. Und eine Amnestie für die festgenommenen Demonstranten. 500 sind es inzwischen nach Polizeiangaben. Am Montag sind mehr als 80 hinzugekommen.

          Es ist das erste Mal seit zwei Wochen, dass Carrie Lam sich zu Wort meldet. Dass sie auf keinen öffentlichen Veranstaltungen mehr aufgetaucht sei, begründet sie damit, dass die Gastgeber fürchten müssten, dass Hooligans ihre Veranstaltung stürmten. Sie werde nicht mehr eingeladen, sagt Carrie Lam, weil die Veranstalter die hohen Versicherungskosten fürchteten, die bei ihrer Anwesenheit fällig würden.

          Gehen die Proteste in Hongkong zu weit?

          Es ist einer von vielen Versuchen der Regierungschefin, die Demonstranten als eine kleine Gruppe von Radikalen darzustellen. Das ganze Wochenende über hatte es schwere Ausschreitungen zwischen Polizisten und Demonstranten gegeben – und kein Wort von der Regierung. Viele in Hongkong sehen das als Beleg dafür, dass ihre Stadt ohnehin nicht mehr von Carrie Lam, sondern von der Kommunistischen Partei in Peking geführt werde.

          Von dort kommen am Montag wieder scharfe Worte. Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua kommentiert, die Proteste in Hongkong gingen über freie Meinungsäußerung weit hinaus und seien inzwischen „in einen Abgrund des Verbrechens“ gefallen, Besonders scharf protestiert der Kommentator dagegen, dass ein Aktivist am Samstag eine chinesische Flagge von einer Fahnenstange holte und ins Meer warf. Das müsse „hart bestraft werden“, fordert Xinhua. Mit viel Pathos wird über eine Gruppe tapferer Nationalisten berichtet, die die Fahne wieder aus dem Meer fischte und sie feierlich wieder aufzog.

          Demonstranten in Hongkong wappnen sich gegen das Tränengas der Polizei. Bilderstrecke

          Begleitend zum Generalstreik, haben die Organisatoren in sieben Stadtteilen gleichzeitig zu Protestveranstaltungen aufgerufen. Das soll es der Polizei erschweren, gegen die Demonstranten vorzugehen, und zeigen, dass die Unterstützung für die Proteste aus allen Teilen der Gesellschaft kommt.

          „Wir mussten was tun, um die Kinder zu schützen.“

          Der Distrikt Wong Tai Sin, wo die Aktienhändlerin Cecilia über ihren Sohn klagt, ist eigentlich als regierungsnah bekannt. Doch davon ist am Montag nichts zu spüren. Cecilia erzählt, dass sie gemeinsam mit Frauen aus der Nachbarschaft für umgerechnet mehr als 900 Euro Gasmasken für die Aktivisten gekauft habe. „Die beste Qualität, die man vorne an der Front braucht“, sagt sie. „Wir mussten was tun, um die Kinder zu schützen.“ Aber fürchtet sie nicht, die jungen Demonstranten damit zu noch radikalerem Vorgehen zu ermutigen und die Gewalteskalation immer weiter anzutreiben? „Sie haben nur Eier und werden mit chemischen Waffen angegriffen“, sagt die Aktienhändlerin. „Das ist Selbstverteidigung“, pflichtet eine ältere Dame ihr bei. Eine dritte mischt sich ein: „Erzähl ihr (der Journalistin), dass die Polizei die Leute schlägt“, sagt sie.

          Sie meint damit einen Vorfall von vor zwei Wochen, als Dutzende vermummte Männer mit Eisen- und Bambusstangen in einer U-Bahnstation auf Passanten und Aktivisten einschlugen. Den Tätern werden Verbindungen zur Hongkonger Mafia nachgesagt, und viele werfen der Polizei vor, bewusst nicht eingeschritten zu sein. Knapp vierzig Minuten dauerte es, bis sie vor Ort waren. Trotz Hunderter Notrufe. Für viele war das ein Wendepunkt, der ihre Sicht auf die Polizei verändert hat.

          „Erobert Hongkong zurück. Revolution unserer Zeit“

          Jedes Mal, wenn an diesem Nachmittag ein Polizeiauto vorbeifährt, schallt es aus der Menge: „Mafia, Mafia.“ Es sind nicht ein paar radikale Aktivisten, die das rufen. Es sind alle. Tausende. 16 Jahre alte Mädchen. Und ältere Damen wie Cecilia. Gegen drei Uhr rückt schließlich die Polizei an. Die Menge der Demonstranten schiebt sich wie eine Welle zurück und wieder vor. Damit keine Panik ausbricht, wird der Rückzug per Handzeichen angekündigt. Ganz vorne stehen die jungen Männer und Frauen mit den Helmen und Gasmasken und errichten Barrikaden auf der Straße. Die Polizei wird später sagen, sie hätten mit Pflastersteinen geworfen.

          Die meisten in der Menge aber sehen nur eines: die Schüsse mit den Tränengaspatronen. Die Menge weicht zurück. Sie kennen das hier schon. Eintausend Tränengaspatronen sind nach Polizeiangaben in den vergangenen zwei Monaten in Hongkong verschossen worden. „Erobert Hongkong zurück. Revolution unserer Zeit“, ruft die Menge. Es ist die neue Parole der Protestbewegung. Sie ist schon fünf Jahre alt, doch während der damaligen Regenschirmproteste war sie vielen noch zu radikal. Es sind neue Zeiten in Hongkong. Carrie Lam sagt am Montag, der Slogan sei eine direkte Herausforderung der Souveränität Chinas.

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