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Generalmajor Erich Pfeffer : „Begleitung im Gefecht gehört weiter dazu“

  • Aktualisiert am

Erich Pfeffer Bild: dapd

Die Lage in Nordafghanistan ist kritisch. Im F.A.Z.-Interview spricht der neue deutsche Regionalkommandeur Pfeffer über die angespannte Lage, den Abzug der Truppen und die Vorbereitung auf Einsätze.

          3 Min.

          Herr General, wie sehr ist die Lage nach den Koranverbrennungen im Norden Afghanistans eskaliert?

          Die zurückliegenden Tage waren zweifellos kritisch. Im Verantwortungsbereich des gesamten Regionalkommandos Nord haben bei 14 Demonstrationen etwa 8000 Menschen meist friedvoll demonstriert. Durch einige Gewalttäter ist die Situation in fünf Fällen in zum Teil starke Ausschreitungen eskaliert. Wir haben mit allen zivilen Organisationen eng zusammengearbeitet. Viele ihrer Mitarbeiter haben unser Angebot einer schützenden Unterkunft innerhalb unserer Lager angenommen. Heute ist die Lage ruhig. Die afghanischen Sicherheitsbehörden haben die Situation weitgehend unter Kontrolle, aber wir müssen auch weiterhin mit Demonstrationen rechnen.

          Was bedeutet das für die Erfolgsaussichten der Isaf-Truppen im Norden?

          Ich möchte hier eher von Fortschritt anstatt Erfolg sprechen. Mit Bekanntwerden der Vorfälle erfolgte eine Verlagerung des Sicherheitsschwerpunkts. Und gerade in der besonderen Situation haben wir umfangreiche Unterstützung und Informationsversorgung durch unsere afghanischen Partner erhalten. Für mich ist das ein positives Zeichen der Belastbarkeit in der guten Zusammenarbeit. Die afghanischen Sicherheitskräfte haben sich sehr bewährt und meines Erachtens eine wichtige Belastungsprobe bestanden. Daher sehe ich auch hier weitere Schritte nach vorn und uns auf dem richtigen Weg.

          Sie haben am vergangenen Wochenende das Regionalkommando Nord der internationalen Afghanistan-Truppe Isaf übernommen. Was wird Ihre Aufgabe im kommenden Jahr sein?

          Kernaufgabe ist die schrittweise und zunehmende Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die afghanischen Kräfte. Dabei gilt es gleichzeitig zu konsolidieren, was man bisher erreicht hat, und wo es möglich ist, die Erfolge weiter auszubauen.

          Gleichzeitig müssen Sie die Kontingentstärke zurückfahren. Ist dann ein Ausbauen überhaupt möglich?

          Man muss den kausalen Zusammenhang sehen. Es geht in erster Linie darum, die afghanischen Sicherheitskräfte zu stärken, vor allem qualitativ. Gleichzeitig sollen die Afghanen schrittweise die Sicherheitsverantwortung übernehmen. Je besser uns das gelingt, desto mehr können wir uns sukzessive zurücknehmen. Wir konzentrieren uns dann zunehmend auf Unterstützungsaufgaben. Dabei geht es vor allem um Fähigkeiten, die die Afghanen nicht oder noch nicht in dieser Ausprägung haben wie wir. Den klassischen Kämpfer, den haben sie. Es ist also eine Schwerpunktverlagerung. Und je besser uns das gelingt, gibt es uns auf der Zeitachse Spielraum, unsere Kräfte zurückzufahren.

          Sie sprechen von möglichen Spielräumen. Aber es gibt eine klare politische Vorgabe, das Kontingent im Laufe dieses Jahres auf 4400 Soldaten zurückzufahren.

          Es ist klar, dass man die Entwicklung der Sicherheitslage insgesamt nie aus dem Auge lassen darf. Es gibt einen funktionalen Zusammenhang. Das Bundestagsmandat ist politisches Ziel und Vorgabe zugleich, aber ich bin auch überzeugt, dass dabei die Sicherheitslage im Blick bleiben muss.

          Kommandowechsel: Markus Kneip übergab an Pfeffer
          Kommandowechsel: Markus Kneip übergab an Pfeffer : Bild: dapd

          Wie wird sich die Struktur des Isaf-Kontingents verändern? Das Heer plant beispielsweise, ab Herbst den Kampfhubschrauber Tiger in den Einsatz zu bringen.

          Die Entscheidung, ob und wann der Tiger in den Einsatz geht, bleibt abzuwarten. Generell gilt: Der Einsatz ist von hoher Flexibilität gekennzeichnet. Wir müssen uns auch auf kurzfristige Veränderungen einstellen. Die Entwicklung beim Aufbau und Einsatz der afghanischen Sicherheitskräfte hat eine gewisse Dynamik, und wir müssen in der Lage sein, auf diese Dynamik zu reagieren.

          Wie bereitet man Soldaten auf Unwägbares vor?

          Das ist vor allem eine mentale Frage. Wir tendieren dazu, jedes Detail weit vorauszuplanen. Aber wir dürfen nicht erwarten, dass alles eins zu eins umgesetzt werden kann. Ich kann die Zusammenarbeit mit den Afghanen nur dann vernünftig gestalten, wenn ich sie in einer gewissen Form vorher trainiert habe. Dazu gehören theoretische Kenntnisse, aber auch praktische Übungen. Im Joint Force Training Center in Bydgoszcz in Polen unterstützen uns „richtige“ Afghanen aus den afghanischen Sicherheitskräften, also keine Rollenspieler, bei der Ausbildung. Unsere Mentoren haben mir dort deutlich gemacht, dass das der wichtigste Teil ihrer Ausbildung war.

          Geht die Entwicklung in Richtung mehr Mentoring, weniger Gefecht?

          Grundsätzlich ja. Aber Gefechtsbegleitung gehört auch zu den Aufgaben der Mentoren. Bei der afghanischen Armee gibt es sehr unterschiedliche Ausprägungen, wie weit sie sind. Generell kann man sagen, dass die Beratungsrolle, vor allem für Führung und Planung von Einsätzen, in den Vordergrund kommt. Und bei den Kräften geht es vorrangig um Unterstützung. Ziel ist, dass die Afghanen für ihre Sicherheit selbst verantwortlich sind, und zwar basierend auf ihren eigenen Strukturen, auf ihrem Sicherheitsverständnis und ihrer kulturellen Identität. Es geht nicht um deutsche Lösungen. Es muss eine afghanische Lösung sein. Wir unterstützen dabei.

          Die Fragen stellte Stephan Löwenstein.

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