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Gender-Dokument des Vatikan : Gott schuf Mann und Frau

Homosexuellen-Aktivisten demonstrieren im Dezember 2012 vor dem Petersdom in Rom. Bild: Reuters

Der Vatikan hat ein Dokument veröffentlicht, das auf traditionellen Geschlechterrollen beharrt. Liberale Katholiken und LGBT-Vertreter kritisieren die Handreichung für veraltete Ansichten.

          An dem 30 Seiten umfassenden Dokument wurde lange herumgezerrt und gefeilt – wie das im Vatikan eben der Fall ist, wenn widerstreitende Interessen und Überzeugungen der zahlreichen Glieder der Weltkirche unter einen Hut gebracht werden sollen. Der Titel des nun veröffentlichten Dokuments, das es bisher nicht in deutscher Fassung gibt, lautet: „Mann und Frau: ER hat sie geschaffen. Auf dem Weg zu einem Dialog in der Frage der Gender-Theorie im Bildungsbereich“.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Man darf davon ausgehen, dass Papst Franziskus den Text abgesegnet hat, unterzeichnet hat er ihn nicht: Damit wird signalisiert, dass es eben um die Eröffnung eines Dialogs und nicht um dessen Abschluss mittels päpstlichem Dogma gehen soll.

          Formal handelt es sich bei dem Dokument um eine Handreichung für Pädagogen an katholischen Bildungseinrichtungen, wie der Leiter der Bildungskongregation, der italienische Kardinal Giuseppe Versaldi, dem Portal „Vatican News“ versicherte. Doch natürlich ist es weit über den Bildungsbereich hinaus von Bedeutung, wenn sich der Vatikan zu Fragen von Sex und Geschlechterrollen äußert.

          Die Grundthese des Textes lautet, die Gender-Theorie mache das Geschlecht und die sexuelle Orientierung zu einer Art individuellen Wahlentscheidung: Als ob der oder die Einzelne sich entscheiden könne, Mann oder Frau oder weder noch zu sein, sich hetero-, homo-, bi-, trans- oder sonst wie sexuell zu „orientieren“.

          Dagegen pochen die Autoren des Dokuments in Übereinstimmung mit der überkommenen Sexuallehre der katholischen Kirche darauf, dass der von Gott gegebene und gewollte fundamentale und existentielle Unterschied zwischen Mann und Frau nicht eingeebnet, nicht „vernichtet“ werden dürfe, wie es wörtlich heißt.

          Transgender als Provokation

          „Das Oszillieren zwischen männlich und weiblich“, heißt es in dem Text mit Blick auf Transgender, werde von der Gender-Theorie „letztlich nur als ,provokante‘ Demonstration gegen sogenannte ,traditionelle Raster‘ dargestellt“. Grundsätzlich zielten diese Theorien darauf ab, „das Konzept von ,Natur‘ auszulöschen – also alles, was uns als vorbestehende Grundlage unseres Seins und Handelns gegeben ist“.

          Der liberale amerikanische Jesuit James Martin nimmt vor allem an diesem Passus des Textes Anstoß. Die Vorstellung, Transgender-Individuen seien „provokant“ und versuchten, bewusst oder unbewusst, „den Begriff von ,Natur‘ zu zerstören“, sei weder auf der Höhe der aktuellen Debatte in der Gender-Theorie noch gebe sie die Lebenswirklichkeit von Transgender-Individuen wieder.

          Martin und andere linksliberale katholische Kritiker des Dokuments legen nahe, stattdessen den Begriff von „Natur“ theologisch zu erweitern: Womöglich habe Gott eine „Natur“ geschaffen, in welcher das Geschlecht eines Menschen eben nicht nur durch dessen sichtbare Geschlechtsteile bestimmt werde. Sondern auch durch soziale und kulturelle Einflüsse, außerdem durch Genetik und Hormone, durch neurologische und mikrochemische Prozesse im Gehirn – durch Dinge mithin, die bei der Geburt des Individuums (noch) nicht sichtbar sind.

          Martin weist zudem darauf hin, dass in dem Dokument, in dem es um Geschlecht und Sexualität geht, die Worte „homosexuell“ und „Homosexualität“ seltsamerweise kein einziges Mal vorkommen.

          Der amerikanische Verband „New Ways Ministry“, der die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender (LGBT) in der katholischen Kirche verteidigt, bezeichnete das Papier rundweg als „schädliches Werkzeug“. Es könne dazu führen, dass katholische Familien ihre „widernatürlichen“ Kinder ablehnten und Homosexuelle sowie Transgender-Individuen weiter diskriminiert würden. Der Vatikan bleibe mit seiner Haltung „im Mittelalter verhaftet, er fördert falsche Lehren und stützt sich auf Mythen, Gerüchte und Unwahrheiten“, heißt es in einer Stellungnahme des Verbands.

          Auch in Deutschland, beim Lesben- und Schwulenverband (LSVD), wurde das Dokument mit Entsetzen aufgenommen. Mit dem Schreiben verweigere sich die katholische Kirche nicht nur der Realität geschlechtlicher Vielfalt, sie legitimiere auch „Stigmatisierungen, Diskriminierungen und schwere Menschenrechtsverletzungen, wie sie weltweit an der Tagesordnung sind“, sagte LSVD-Vorstandsmitglied Henny Engels.

          Immerhin gestand Kardinal Versaldi bei der Vorstellung des Papiers im Vatikan ein, dass die Kirche „vielleicht einige allzu festgefahrene Positionen zur Natur des Menschen korrigieren“ müsse, weil diese „die kulturellen Aspekte völlig außer Acht“ ließen. Von diesen Korrekturen ist im Text selbst freilich nichts zu sehen.

          Dennoch sieht der James Martin, der 2017 das Buch „Eine Brücke bilden. Wie die katholische Kirche und die LGBT-Gemeinschaft in eine Beziehung von Respekt, Barmherzigkeit und Empfindsamkeit eintreten können“ veröffentlichte, das Dokument als möglichen Ausgangspunkt für ein Gespräch. Sofern die Kirche auf die „Antworten jener hört, die von diesem Text am direktesten betroffen sind: von LGBT-Individuen selbst“.

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