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Gelbwesten-Proteste : Massive Krawalle zum Einjährigen

Ein Feuerwehrmann löscht ein brennendes Auto am Place d’Italie. Bild: AFP

In Paris ist es zu schweren Ausschreitungen gekommen. Die Bewegung der „Gelbwesten“ hatte am ersten Jahrestag ihrer Proteste zu neuen Demonstrationen aufgerufen.

  • Aktualisiert am
          3 Min.

          Zum ersten Jahrestag der „Gelbwesten“-Proteste ist es in Paris wieder zu massiven Ausschreitungen gekommen. Im Süden der Stadt gingen am Samstag Fahrzeuge und Absperrungen in Flammen auf, andere Autos wurden umgeworfen, Schaufenster eingeschlagen und Barrikaden errichtet. In anderen Landesteilen blockierten die Demonstranten Straßen und Kreuzungen, um ihre Forderung nach weiteren Reformen zu bekräftigen. Zum Jahrestag sind landesweit zahlreiche Aktionen der „Gelbwesten“ über das gesamte Wochenende geplant.

          Mehr als hundert Menschen wurden festgenommen. Der Pariser Polizeipräsident Didier Lallement sprach von „systematischen Angriffen auf Sicherheitskräfte und Feuerwehrleute“. Ein Großteil der Randalierer war vermummt, nur wenige trugen eine gelbe Warnweste, das Erkennungszeichen der „Gelbwesten“. Die Polizei beschlagnahmte bei ihren Kontrollen etwa Feuerwerkskörper, Helme und Gasmasken. Sie will Krawalle wie in der Vergangenheit unbedingt verhindern. Auf der Prachtmeile Champs-Élysées und anderen Orten in der Hauptstadt sind deswegen Demonstrationen verboten. Zahlreiche Metro-Stationen in Paris bleiben an diesem Wochenende geschlossen.

          Am Wochenende des 17. Novembers vor einem Jahr fanden die ersten großen landesweiten Proteste der „Gelbwesten“ in Frankreich statt. Die „Gelbwesten“ protestieren gegen soziale Ungerechtigkeit und die Politik von Präsident Emmanuel Macron. Vor allem in Paris kam es immer wieder zu heftigen Ausschreitungen. In den vergangenen Monaten verlor die Bewegung aber massiv an Zuspruch.

          Im Süden von Paris, am Place d’Italie, eskalierte die Lage am Samstagvormittag schnell. Vermummte lieferten sich einen regelrechten Straßenkampf mit den Sicherheitskräften. Die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein, wie auf Fernsehbildern zu sehen war. Demonstranten wurden verletzt, Feuerwehrleute an der Arbeit gehindert. Ein großes Einkaufszentrum am Place d’Italie blieb geschlossen.

          Gegen Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron richten sich die Proteste, Hier steht auf einem Plakat: „Dass sie kommen und mich holen!“

          Eigentlich sollte am Nachmittag vom Place d’Italie ein angemeldeter Demonstrationszug starten. Wegen der frühen Ausschreitungen wurde die Zulassung der Demo wieder entzogen. Mit entsprechender Präsenz setzte die Polizei das Demonstrationsverbot durch. Polizeipräsident Lallement forderte die Demonstranten auf, den Platz zu verlassen. Er betonte, dass die Pariser Polizei die Lage unter Kontrolle habe. Auch wenn die Bilder vom Place d’Italie spektakulär seien, sei es im Rest der Hauptstadt ruhig.

          Kurzzeitig hatten am Morgen einige Hundert „Gelbwesten“ die Pariser Ringautobahn im Nordwesten der Stadt blockiert. Sie skandierten: „Das wird knallen, das wird knallen.“ Und sie riefen: „Wir sind da, auch wenn Macron das nicht will.“ Die Polizei löste die Blockade aber schnell auf. Auch an der Porte de Champerret und am Place de Clichy im Norden von Paris versammelten sich zahlreiche Demonstranten. Sie zogen dort weitgehend friedlich durch die Straßen.

          Dafür herrschte zwischenzeitlich eine angespannte Lage auf der Place de la Bastille, wo ein Demonstrationszug von Sicherheitskräften gestoppt wurde, wie eine Journalistin von AFP berichtete. In anderen Regionen Frankreichs gab es ebenfalls Demonstrationen, die zum großen Teil ohne Zwischenfälle verliefen. Zu Ausschreitungen kam es in Bordeaux und in Lyon. Landesweit hatte die Bewegung für dieses Wochenende 270 Blockade-Aktionen an Kreisverkehren und auf Straßen angekündigt.

          Nach offiziellen Angaben des Innenministeriums gingen in ganz Frankreich 28.000 Menschen auf die Straße, davon 4700 in Paris. Zum Vergleich: Am ersten großen Demonstrationswochenende vor einem Jahr waren es mehr als 280.000 „Gelbwesten“, in den darauffolgenden Wochen mehr als hunderttausend. Damit kommt die aktuelle Mobilisierung etwa an die Zahlen vom Frühjahr heran und ist deutlich höher als in den vergangenen Wochen. Die „Gelbwesten“ selbst geben etwas höhere Teilnehmerzahlen an.

          In der Vergangenheit hatten sich immer wieder Randalierer unter sie gemischt. Viele Anhänger der Bewegung besetzten zur Hochzeit der Proteste friedlich Kreisverkehre und Straßen. Die Gewalt eskalierte mehrmals in der Hauptstadt, dort herrschte an den ersten Demonstrationswochenenden regelrechter Ausnahmezustand. Macron sah sich daraufhin zu milliardenschweren Zusagen gezwungen. Die Regierung beziffert sie auf 17 Milliarden Euro. Dazu zählen eine Senkung der Einkommensteuer und ein höherer Mindestlohn. „Gelbwesten“ kritisieren, davon sei fast nichts bei den sozial Benachteiligten angekommen.

          Auch in Belgien demonstrierten „Gelbwesten“ zum Jahrestag ihrer Bewegung. In Namur im Süden des Landes protestierten am Samstagnachmittag rund 100 Menschen friedlich, wie die Polizei der Nachrichtenagentur Belga mitteilte. Bereits am Vorabend hatten sich laut Belga etwa 50 Menschen vor einem Kraftstoffdepot bei Feluy südlich von Brüssel versammelt und einige Lastwagen gestoppt. Die Polizei war vor Ort, Zwischenfälle oder Festnahmen gab es aber laut Belga nicht. Vor einem Jahr hatte sich wie in Frankreich auch eine Gelbwesten-Bewegung im Nachbarland Belgien formiert. Das Depot von Feluy war damals eines der Zentren des Protests.

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