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Entscheidung in Nordzypern : Wie eine Geisterstadt eine Präsidentenwahl beeinflusst

Eine Frau geht vor der Silhouette verlassener Hotels erstmals seit Jahrzehnten im Oktober am Strand von Varoscha baden. Bild: AFP

Varoscha war einst eine Perle des Mittelmeers. Seit mehr als 45 Jahren ist es eine Geisterstadt und Zankapfel zwischen griechischen und türkischen Zyprern. Bei der Präsidentenwahl in Nordzypern geht es auch um ihre Zukunft.

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          An diesem Sonntag finden im international nur von der Türkei als Staat anerkannten Nordteil der Insel Zypern Präsidentenwahlen statt. Im Stichentscheid stehen sich Amtsinhaber Mustafa Akinci und der bisherige Regierungschef Ersin Tatar gegenüber. Der liberale Akinci steht für einen möglichst eigenständigen Kurs der „Türkischen Republik Nordzypern“ gegenüber der Türkei. Das ist stets eine Gratwanderung, denn Nordzypern ist politisch, wirtschaftlich und militärisch abhängig von Ankara. Im Gegensatz zum derzeitigen nordzyprischen Präsidenten gilt Tatar als Befürworter einer noch engeren Anbindung an die Türkei.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Deshalb genießt Tatar die Unterstützung des türkischen Staatspräsidenten Tayyip Erdogan. Sie gipfelte bisher darin, dass Erdogan ihn in Ankara empfing und mit ihm eine Art Wahlkampfveranstaltung abhielt. Deren Höhepunkt war die Mitteilung, dass der Strand von Varoscha, einer vom türkischen Militär kontrollierten Geisterstadt im Norden, wieder für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Ob das als Vorstufe zu einer Öffnung und Neubesiedlung der gesamten Stadt zu gelten habe, ließen beide Politiker offen, doch es schwang auch unausgesprochen und gleichsam als Unterton mit: Sollte Tatar die Wahl gewinnen, wird das auf Zypern legendäre Varoscha über kurz oder lang wieder zu einer bewohnten Stadt.

          Varoscha, auf Türkisch Maras genannt, ist ein seit bald einem halben Jahrhundert menschenleerer Vorort oder Außenbezirk des einst wichtigen Handelshafens Famagusta. Bevor Zypern 1960 von Großbritannien in die Unabhängigkeit entlassen wurde, war Famagusta eines der Zentren des griechischen Terrorismus auf der Insel. Im Namen eines Anschlusses an Griechenland („Enosis“) verübten griechische Zyprer Sprengstoffanschläge auf britische Militärs oder Sabotageakte, überfielen Polizeistationen und ermordeten vermeintliche Kollaborateure der Besatzer. Die Briten reagierten hart. Es gab Todesstrafen, und nach einem Terroranschlag 1955 wurde eine „Kollektivstrafe“ über Famagusta verhängt: Die Stadt musste 40.000 britische Pfund (nach heutigem Kurs etwa 250.000 Euro) als Wiedergutmachung zahlen.

          Verfallene Häuser und eingeschlagene Scheiben prägen das Bild Varoschas. Nach mahr als 45 Jahren durften im Oktober erstmals wieder Zivilisten in den Vorort von Famagusta. Der nordzyprische Regierungschef hatte den berühmten Strand zum Baden freigegeben. Bilderstrecke
          Varoscha : Eine Geisterstadt auf Zypern

          Mehr Hotelbetten als die Türkei

          Nachdem London die Insel 1960 schließlich doch in die Unabhängigkeit entlassen musste, begann der Aufstieg des griechisch besiedelten Vororts Varoscha, der auch als „Neu-Famagusta“ bezeichnet wurde. Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre stieg Varoscha wegen seines feinen Sandstrands zum Zentrum des Massentourismus auf Zypern auf – mit all den üblichen Begleiterscheinungen: Hotelhochhäuser schossen in die Höhe, eine Bettenburg-Skyline prägte fortan den Ort. Varoscha entwickelte sich zu einer international beliebten Partymeile und verfügte angeblich über mehr Hotelbetten als die gesamte Türkei, wo der Massentourismus erst in den Anfängen steckte. Für Zyperns Wirtschaft wurde Varoscha jedenfalls zu einer von Jahr zu Jahr wichtigeren Einkommensquelle.

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