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Geiselnahmen in Frankreich : Blutiges Ende einer Jagd

Mitglieder der französischen Spezialeinheit starten den Zugriff auf den Supermarkt am Place Vincennes in Paris, in dem die Geiseln festgehalten werden. Bild: AFP

Ein nervenaufreibender Tag endet im Drama: Spezialeinheiten der Polizei stürmen die Druckerei, in der sich die beiden Attentäter von Paris verschanzt hatten – und töten sie. Auch der Geiselnehmer in einem jüdischen Supermarkt in Paris stirbt beim Zugriff der Polizei. Und mit ihm vier Geiseln.

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          Am Abend beginnt der Sturm. Die ganze Gegend ist abgesperrt, die Anwohner dürfen ihre Häuser nicht verlassen. Rettungswagen stehen parat, die Krankenhäuser in der Gegend sind in Alarmbereitschaft. Explosionen sind zu hören und Schüsse. Rauchwolken stehen über dem Gebäude der Druckerei, in der sich die Attentäter auf die Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ verschanzt haben.

          Helene Bubrowski

          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Die Fernsehbilder zeigen Spezialkräfte auf dem Dach des Gebäudes in dem sonst fünf Angestellte Schilder bedrucken. Wenig später meldet die Polizei den Tod der beiden Terroristen. Eine Geisel hatten die Dschihadisten Saïd und Chérif Kouachi in ihrer Gewalt. Sie wird befreit und ist und unversehrt.

          Es ist ein dramatisches Ende einer Verfolgungsjagd, die die Welt seit Mittwoch in Atem hielt. Die Ereignisse überschlagen sich. Kurz nachdem die Berichte über den Angriff auf die Druckerei in Dammartin-en-Goële bekannt werden, wird auch die Erstürmung eines jüdischen Supermarktes in Paris gemeldet.

          An der Porte de Vincennes im Osten von Paris hatte am Freitagmittag ein mutmaßlicher Komplize der Attentäter den Supermarkt gestürmt und mit zwei Schnellfeuerwaffen wild um sich geschossen. Mehrere Menschen soll der Mann in seine Gewalt gebracht haben, unter ihnen auch Kinder. Ein Angestellter konnte fliehen. Wieder zeigen Fernsehbilder nun am Abend Explosionen, Schüsse sind zu hören. Der Attentäter wird getötet. Nach Angaben von Staatspräsident François Hollande kommen auch vier Geiseln ums Leben.

          Die Täter beider Angriffe kennen sich aus dem Gefängnis

          Der dritte Tag der Jagd nach den Attentätern auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ ist ein Tag, an dem immer wieder neue Schreckensmeldungen an die verstörte Öffentlichkeit dringen. Als die Polizei nach dem Angriff auf den jüdischen Supermarkt die Stadtautobahn sperren lässt, wird bereits der Tod zweier Geiseln gemeldet. Wenig später wird der Bericht von anderer Stelle dementiert. Reporter, die seit Tagen über den Terror berichten, mit dem die französische Hauptstadt überzogen wird, finden keine Worte mehr.

          Nach Geiselnahmen in Paris : „Charlie Hebdo“-Attentäter tot

          Von Ermittlern heißt es, der Geiselnehmer im Supermarkt sei vermutlich der Mann, der am Donnerstag in Montrouge am südlichen Stadtrand von Paris eine Polizistin erschossen und einen Mitarbeiter der Stadtreinigung schwer verletzt hatte. Er soll ein Komplize der Brüder Kouachi gewesen sein.

          Die Pariser Polizei hatte einen 32 Jahre alten Mann namens Amedy Coulibaly zur Fahndung ausgeschrieben, ebenso eine 26 Jahre alte Frau mit dem Namen Hayat Boumedienne. Es gebe eine „Verbindung“ zwischen den mutmaßlichen Tätern der beiden Angriffe, sagte ein Polizeisprecher.

          Die Zeitung „Le Figaro“ berichtete im Internet, Coulibaly sei mehrfach vorbestraft gewesen, habe Chérif Kouachi im Gefängnis kennengelernt. Gegen Coulibaly sei wie im Fall von Chérif Kouachi ermittelt worden – in Zusammenhang mit den Plänen, Smaïn Ait Ali Belkacem aus dem Gefängnis zu befreien. Belkacem, ein früheres Mitglied der algerischen Dschihadistengruppe GIA, war 2002 wegen eines Anschlags im Herzen von Paris im Jahr 1995 zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Noch am Donnerstag war ein Zusammenhang nicht bekannt gewesen. Oder die Polizei hatte die Information bewusst geheim gehalten.

          Flucht trotz höchster Terrorwarnstufe

          Für die Sicherheitsbehörden endet am Abend eine nervenaufreibende Jagd. Rund 90.000 Polizeikräfte waren im Einsatz. Bis in die Nacht zum Freitag noch hatten Beamte der Anti-Terror-Polizeieinheit Raid und der Gendarmerie-Sondereinheit GIGN das Waldgebiet um Crépy-en-Valois durchkämmt.

          Eine Zone von zwanzig mal zehn Kilometer in den Départements Aisne und Oise. Die zwei Attentäter, so vermutete die Polizei, hatten sich dort versteckt. Schon am Donnerstagnachmittag hatten schwerbewaffnete Gendarmen und Polizisten mit Schutzwesten und Helmen die Häuser durchsucht. Hubschrauber kreisten den ganzen Tag über der Gegend. Die höchste Terrorwarnstufe wurde auf die ganze Region ausgedehnt.

          Trotzdem konnten die Attentäter zunächst entkommen, vermutlich zu Fuß. Stundenlang hörte man nichts – bis es am Freitagmorgen zu einer Schießerei kam, offenbar als die Attentäter ein Auto, einen Peugeot 206, stahlen.

          Der Vorfall ereignete sich etwa eine halbe Stunde entfernt von der Gegend, in der die Beamten gesucht hatten. Einen Toten und zwanzig Verletzte meldeten die Agenturen zunächst. Kurze Zeit später dementierte die Staatsanwaltschaft, dass es Tote gegeben haben soll. Die Attentäter steuerten derweil auf der Nationalstraße Richtung Dammartin-en-Golle. Da hatten die Mitarbeiter der Druckerei gerade angefangen zu arbeiten.

          Im Al-Qaida-Trainingslager vorbereitet

          Am Freitagnachmittag meldete sich von dort ein Zeuge mit einer aberwitizigen Geschichte. Am Morgen habe er einen der Attentäter vor der Druckerei angetroffen, „Guten Tag“ gesagt und ihm die Hand geschüttelt. Er habe ihn für ein Mitglied der Sondereinheiten der Polizei gehalten. „Monsieur, wir töten keine Zivilisten“, soll der Terrorist geantwortet haben, der nur zwei Tage zuvor zehn „Charlie Hebdo“-Mitarbeiter und zwei Polizisten kaltblütig ermordet hatte.

          Kurz darauf nahmen die Terroristen eine Geisel in der Druckerei. Später dann soll es dem Einsatzleiter gelungen sein, Kontakt zu den Geiselnehmern von Dammartin-en-Goële gelungen sein, hieß es am Vormittag. „Wir wollen als Märtyrer sterben“, sollen die Dschihadisten gesagt haben. Aber wenn sie sterben wollten, warum haben sie dann eine Geisel genommen? Die Terroristen hätten womöglich nicht damit gerechnet, so weit zu kommen, vermutete ein Terrorismusfachmann im französischen Fernsehen. Nun hätten sie wohl keinen Plan mehr.

          In Paris führen Einsatzkräfte befreite Geiseln aus dem Supermarkt. Bilderstrecke
          Geiselnahme in Frankreich : Geiselnahme in Frankreich

          Womöglich aber war die Konfrontation mit den Sondereinheiten auch der Showdown, den die Brüder wollen. Ein letztes Gefecht vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Sie waren offenbar gut vorbereitet – für den Kampf und für ihren eigenen Tod.

          Schon die Schreckensbilder ihrer Morde in Paris hatten gezeigt, dass sie mit den Sturmgewehren umgehen können, die sie mit sich führen. Sie gaben einzelne, gezielte Schüsse ab, nicht wildes Dauerfeuer, und die nahe beieinander liegenden Einschusslöcher in der Windschutzscheibe eines Polizeiautos zeigten, dass sie gute Schützen waren. Sad Kouachi sei im Jahr 2011 einige Monate in einem Al-Qaida-Trainingslager im Jemen gewesen, berichtete am Freitag die Zeitung „New York Times“, die sich auf die Angaben eines hohen amerikanischen Regierungsmitarbeiters beruft.

          „Das Werk von Al Qaida im Jemen“

          Dort soll der ältere der beiden Brüder, den die französischen Behörden nach den Worten von Innenminister Bernard Cazeneuve als die treibende Kraft hinter dem Blutbad vermuten, im Umgang mit leichten Waffen unterwiesen worden sein. Die amerikanischen und französischen Behörden hätten Kenntnis von seiner Reise in das jemenitische Terrorlager gehabt.

          Beide Brüder seien den Amerikanern als Gefährder bekannt gewesen und auf den Flugverbotslisten geführt worden. Der amerikanische Fernsehsender CNN meldete, sie hätten auf der allgemeinen Terror-Beobachtungsliste Tide (Terrorist Identities Datamart Environment) gestanden, auf der die amerikanische Regierung mutmaßliche internationale Terroristen setzt.

          Am Nachmittag meldeten Fernsehsender vom Ort des Geschehens, die Terroristen hätten sich zu Al Qaida auf der Arabischen Halbinsel bekannt, der jemenitische Ableger des Terrornetzes. Der Verdacht, sie könnten sich zu der Gruppe zugehörig fühlen, steht schon am Tag des Anschlags im Raum. Während der Morde in den Redaktionsräumen von „Charlie Hebdo“ sollen sie nach Berichten von Augenzeugen gerufen haben: „Sagt der Presse, das dies das Werk von Al Qaida im Jemen ist!“

          Vieles spricht dafür, dass die Brüder Anhänger des bekannten Al-Qaida-Ideologen Anwar al Aulaqi waren, der als Sohn jemenitischer Eltern im amerikanischen Bundesstaat New Mexico geboren wurde und im September 2011 durch einen amerikanischen Drohnenangriff getötet worden war.

          Die Propagandazeitschrift „Inspire“, die unter dem Banner des jemenitischen Al-Qaida-Ablegers verbreitet wird, hatte auch den „Charlie Hebdo“-Redaktionsleiter Stéphane Charbonnier auf einer langen Liste von Terrorzielen geführt.

          Folterungen von Abu Ghraib als Motiv

          Terrorfahnder können zunächst nicht klären, ob die Brüder Kouachi im Auftrag von Al Qaida handelten oder als unabhängige „Familien-Zelle“. Mit Sicherheit lässt sich sagen, dass sie nicht zur jüngsten Dschihadistengeneration gehörten, die zuletzt Frankreich und den Rest der Welt in Atem hielt.

          Sie gehörten nicht zur Syrien-Generation, zu den Hunderten jungen Männern, die in den vergangenen zwei Jahren dorthin zogen, um ihren islamistischen Brüdern im Kampf gegen das Assad-Regime beizustehen – und später bei der Errichtung eines Terror-Kalifats im Namen des „Islamischen Staates“.

          Es sind die meist jungen Rückkehrer von den Schlachtfeldern in Syrien und im Irak, auf denen in diesen Tagen eigentlich das Hauptaugenmerk der Sicherheitsbehörden liegt. Doch auch die älteren Generationen haben ihren Kampf noch nicht aufgegeben.

          Chérif Kouachi hatte unter anderem die Empörung über den amerikanischen Einmarsch in den Irak von 2003 in die Arme der Hassprediger getrieben. „Alles, was ich im Fernsehen gesehen habe, all die Folterungen im Gefängnis von Abu Ghraib, all das hat mich angetrieben“, sagte er 2008 vor Gericht.

          Er wurde damals zu drei Jahren Haft verurteilt, ihm wurde vorgeworfen, an der Vermittlung von Dschihadkämpfern aus Frankreich in den Dienst von Al Qaida im Irak beteiligt gewesen zu sein. Chérif Kouachi selbst war 2005 festgesetzt worden, als er in die syrische Hauptstadt Damaskus reisen wollte, um von dort in den Irak in den Krieg zu ziehen. Damals mögen es Dutzende gewesen sein, die wie er aus Frankreich auszogen. Heute sind es Hunderte.

          Restaurants nennen sich in „Chez Charlie“ um

          „Die verschiedenen Dschihadistengenerationen sind zumindest lose miteinander verbunden“, sagt Asiem El Difraoui, ein Dschihadismus-Fachmann, der an der französischen Eliteuniversität Institut d’études politiques de Paris („Sciences Po“) forscht und an einer Aufklärungskampagne der französischen Regierung gegen den islamistischen Extremismus mitarbeitet, dieser Zeitung. „Die Veteranen der alten Kriege gelten den jungen Extremisten als Vorbilder.“

          Die französische Beteiligung an den Luftangriffen auf den IS könnte nach seinen Worten die Generation-Syrien und die Generation aus den Zeiten des Irakkriegs, an dem sich Paris nicht beteiligt hatte, noch enger zusammen bringen.

          Die alten Netzwerke, die Syrien-Rückkehrer, Kleingruppen und Einzeltäter ohne Anbindung an eine Organisation – die Bedrohung, der sich die französischen Sicherheitsbehörden stellen müssen, ist vielschichtig. Die Aufrufe französischer Extremisten, dem Beispiel der Brüder Kouachi zu folgen, kursieren schon.

          Die Franzosen aber trotzten auch am Freitag der Bedrohung und den Schreckensmeldungen. Das Land ist zusammengerückt. Restaurants nennen sich in „Chez Charlie“ um, Menschen versammelten sich auf der Straße.

          Am Donnerstagabend sollen es allein an der Place de la République in Paris mehr als 10000 gewesen sein. Doch die Ereignisse haben die Trauer kaum zugelassen. Immer wieder wurden die Menschen aufgerüttelt von den Neuigkeiten über die rastlose Jagd nach den Verdächtigen, die Angst vor weiteren Anschlägen und die Ungewissheit. Vollkommen unklar blieb auch nach dem Tod der Geiselnehmer, wer der dritte Mann ist, den eine Frau am Mittwoch bei der Verfolgungsjagd in Paris gesehen haben will.

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