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Geiselbefreiung : Ein Plan von großer Schläue

  • -Aktualisiert am

Wird Clara Rojas freikommen? Bild: AP

Viel spricht dafür, dass drei von den Farc verschleppte Geiseln, darunter eine Gefährtin Ingrid Betancourts, an diesem Freitag freikommen. Vermutlich wurde hinter den Kulissen auch mehr abgesprochen, als der „Vermittler“ Chávez zugibt. Dennoch: Die Guerrilla ist unberechenbar.

          Wenn es nur eine Frage effizienter Organisation wäre, könnten die drei Geiseln, die die Guerrilla-Organisation „Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens“ (Farc) freigeben will, an diesem Wochenende schon in ihre Familien zurückkehren. Das Internationale Rote Kreuz hat die ihm zugedachte Rolle als Garant für die Neutralität der vom venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez geplanten und groß angekündigten Aktion akzeptiert.

          Die Vertreter der Regierungen von acht Ländern – an der Spitze der frühere argentinische Präsident Néstor Kirchner – befanden sich am Donnerstag auf der Anreise. Die venezolanischen Flugzeuge und Hubschrauber, die die Geiseln aufnehmen sollen, wurden mit Kennzeichen des Roten Kreuzes versehen. Der 126 Kilometer südwestlich von Bogotá gelegene Flughafen von Villavicencio, die Operationsbasis für die Bergungsaktion, ist inzwischen von Sicherheitskräften abgeriegelt worden.

          Die Guerrilla ist unberechenbar

          Vieles spricht dafür, dass Clara Rojas, die Gefährtin der früheren Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt, sowie Rojas’ in der Gefangenschaft geborener Sohn Emmanuel und die frühere Abgeordnete Consuelo González de Perdomo noch an diesem Freitag an einem unbekannten, von den Farc erst in letzter Minute genannten Ort gefunden werden.

          Chávez: Angeblich keine Waffen als Gegenleistung

          Doch die Guerrilla ist unberechenbar. Sie hat ihr eigenes Zeitverständnis und ihre eigene Auffassung von Vertragstreue. Oft genug hat sie fest geschlossene Vereinbarungen mutwillig torpediert oder schlicht nicht eingehalten.

          Bei der jüngsten Aktion scheint jedoch vieles anders als bei vorangegangenen Versuchen, die von den Farc entführten Personen freizubekommen. Schon der Aufwand stellt alles bisher Dagewesene in den Schatten. Die generalstabsmäßige Vorbereitung lässt vermuten, dass hinter den Kulissen mehr abgesprochen wurde, als Chávez bekanntgegeben hat. Er bestritt allerdings, dass er den Farc Waffen als Gegenleistung für die Freilassung der Geiseln versprochen habe. Das seien wieder einmal Anschuldigungen, die das „Imperium“ in die Welt gesetzt habe, sagte Chávez.

          Keinen Handlungsspielraum gehabt

          Politische Beobachter bescheinigen Chávez allerdings, dass er seinen Plan mit großer Schläue eingefädelt habe. Durch die massive internationale Beteiligung setze er die Guerrilla unter erheblichen Druck, so dass sie diesmal kaum ihr Versprechen, die drei Geiseln freizulassen, brechen könne.

          Außerdem habe er sein durch eine Reihe von politischen Fehlern im Ausland ramponiertes Ansehen wieder etwas aufzupolieren vermocht. Und schließlich habe er seinen kolumbianischen Amtskollegen zum Statisten im eigenen Staat degradiert. Uribe habe so gut wie keinen Handlungsspielraum gehabt. Er musste dem Chávez-Plan zustimmen, wollte er nicht als Verhinderer einer humanitären Aktion zur Befreiung der Geiseln dastehen, die die bislang größten Aussichten auf Erfolg bietet.

          Kidnapping als Alltagsgeschäft

          Das Drama der aus politischen Gründen von den Farc entführten Personen begann Ende August 1996, als eine Front der Guerrilla-Organisation eine Militärbasis überfiel, 27 Militärs tötete und 60 Personen entführte, sie in kleinen Gruppen jedoch später wieder freiließ.

          Seitdem war es für die Farc zum Alltagsgeschäft geworden, Militärs, Polizisten und Politiker zu kidnappen, um die Regierung zu erpressen. Im Laufe der Zeit sonderte die Guerrilla eine Gruppe von zeitweise etwa 60 Personen ab, die sie nach ihrem Verständnis für „wertvoll“ genug befand, um sie gegen 500 gefangene Guerrilleros auszutauschen.

          Auf das Schicksal der Politikerin aufmerksam gemacht

          Die frühere Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt ist wegen ihrer französischen Staatsbürgerschaft, die sie neben der kolumbianischen besitzt, international zum bekanntesten Entführungsopfer der Farc geworden. Dazu trug vor allem bei, dass ihre Familie in Frankreich und anderen europäischen Ländern mit einer Vielzahl von Aktionen auf das Schicksal der Politikerin aufmerksam machte.

          Betancourt wurde am 23. Februar 2002 auf einer Wahlkampfreise in dem Gebiet von den Farc entführt, das für die Friedensgespräche zwischen der Guerrilla und der Regierung des Präsidenten Andrés Pastrana entmilitarisiert, nach dem Scheitern der Verhandlungen jedoch kurz zuvor wieder von den regulären Streitkräften besetzt worden war. Sie hatte die Reise angetreten, obwohl man sie ausdrücklich davor gewarnt hatte, sich auf dem Landweg durch das Gebiet zu bewegen.

          Rojas soll freikommen

          Ingrid Betancourts Gefährtin Clara Rojas, die in den Wahlen 2002 als ihre Kandidatin für die Vizepräsidentschaft hätte antreten sollen, wollten die Farc gar nicht kidnappen, sie blieb, wie später bekannt wurde, aus freien Stücken bei Betancourt und begleitete sie in die Geiselhaft. Rojas, die 38 Jahre alt war, als sie entführt wurde, soll nun freikommen, zusammen mit ihrem dreijährigen Sohn, den sie in der Gefangenschaft geboren hat und dessen Vater ein Guerrillero ist.

          Die Gruppe der für einen Austausch vorgesehenen Farc-Geiseln, zu denen auch drei amerikanische Staatsbürger gehören, war zuletzt auf 45 zusammengeschmolzen. Im Juni 2007 starben elf von zwölf entführten kolumbianischen Regionalabgeordneten bei einem noch immer nicht aufgeklärten Zwischenfall, den die Farc als „Kreuzfeuer mit einer unbekannten militärischen Gruppierung“ darstellen.

          Zwei Geiseln sind entkommen

          Möglicherweise sind die Geiseln Opfer von Auseinandersetzungen zwischen zwei rivalisierenden Farc-„Fronten“ geworden. Einige der Entführten, etwa die frühere Kulturministerin Consuelo Araujo, ein Gouverneur, ein Minister und mehrere Militärs, wurden bei missglückten Befreiungsaktionen getötet.

          Zwei Geiseln der Farc sind ihren Bewachern entkommen, ein Polizist und der frühere Entwicklungsminister Fernando Araújo, den Präsident Uribe zum Außenminister ernannt hat. In dieser Funktion oblag es jetzt Araújo, der Öffentlichkeit die Genehmigung der kolumbianischen Regierung für die von Venezuela aus organisierte Aktion zur Übernahme der drei Geiseln bekanntzugeben.

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