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Geheimer Nato-Bericht : Sympathien für die Taliban nehmen in Afghanistan zu

Demonstration von Unterstützern der Taliban in Karachi: Mit Billigung des pakistanischen Geheimdienstes? Bild: dapd

Laut britischen Medien erhärtet ein interner Nato-Bericht den Verdacht, dass der pakistanische Geheimdienst die Taliban in Afghanistan weiterhin unterstützt. Der afghanischen Armee stellt die Studie, die auf der Befragung tausender Afghanen beruht, ein vernichtendes Zeugnis aus.

          Ein vertraulicher Bericht der amerikanischen Streitkräfte, aus dem am Mittwoch britische Medien zitiert haben, wirft ein trübes Licht auf die Lage und die politische Zukunft Afghanistans. Die Studie, die auf Verhören und Befragungen von mehr als 4000 Afghanen, die meisten von ihnen gefangengenommene Taliban und andere Aufständische, beruhen soll, sieht die Taliban gestärkt, stellt der afghanischen Armee ein vernichtendes Zeugnis aus und erhärtet die Indizien für Pakistans systematische Unterstützung und Steuerung der radikalen Islamisten. Sie soll auf insgesamt 27.000 Verhören und Interviews, auch mit Zivilisten, basieren, die auf dem amerikanischen Luftwaffenstützpunkt Bagram – er dient auch als Militärgefängnis – geführt wurden.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Ein Sprecher der Nato in Afghanistan bestätigte am Mittwoch die Existenz der Studie, bekräftigte aber, dass sie keine Analyse der Situation – und als solche auch nicht gedacht gewesen – sei. Vielmehr sammle sie Befragungsergebnisse. Gleichwohl enthält der Bericht zusammenfassende und wertende Aussagen. Zur Rolle Islamabads heißt es: „Die Regierung Pakistans bleibt aufs engste mit den Taliban verbunden ... Pakistans Manipulation der Taliban-Führung geht unvermindert weiter.“

          Der Bericht dokumentiert nicht nur Pakistans doppeltes Spiel, sondern beschreibt eine politische Stimmung in Afghanistan, die den offiziellen Darstellungen der Nato fundamental widerspricht. Zwar verringere sich der Einfluss von Al Qaida, heißt es in dem Bericht, aber die Sympathien für die Taliban nähmen in der Bevölkerung zu. „Afghanische Zivilisten wollen oftmals lieber von den Taliban regiert werden als von der afghanischen Regierung, normalerweise wegen der Korruption in der Regierung.“ Nach Angaben des Senders BBC enthält der Bericht die Aussage, dass selbst Mitglieder der Regierung von Präsident Karzai im vergangenen Jahr ein bisher unbekanntes Interesse daran gezeigt hätten, ins Lager der Taliban zu wechseln. Viele Afghanen stellten sich auf eine Rückkehr der Taliban ein.

          Den militärischen Erfolgen, die die Nato in den vergangenen zwei Jahre vermeldet hat, stehen in dem Bericht düstere Lagebeurteilungen gegenüber.

          In dem Bericht heißt es: „Obwohl die Taliban 2011 schwere Verluste erlitten haben, sind ihre Stärke, Motivation, Finanzierung und taktische Beschlagenheit intakt geblieben.“ Dort, wo sich die von der Nato geführte internationale Schutztruppe (Isaf) zurückgezogen habe, hätten die Taliban ihren Einfluss wieder ausgedehnt, heißt es. Dies sei ohne Widerstand, in vielen Fällen sogar mit Hilfe der afghanischen Sicherheitskräfte geschehen.

          Erfolg der Übergangsphase in Frage gestellt

          Diese Einschätzung stellt den offiziell vermeldeten Erfolg der sogenannten Übergangsphase in Frage. Im vergangenen Jahr sind zahlreiche Gebiete von der Nato in afghanische Sicherheitsverantwortung übergeben worden; bis Ende 2014 soll der Übergang abgeschlossen sein. Auch der Optimismus, mit dem westliche Regierungen die begonnene Kontaktaufnahme mit den Taliban intonieren, erhält durch die Studie einen Dämpfer. Berichtet wird, dass der Rückgang der Taliban-Angriffe taktischer Natur sei. „Der Report hat Belege dafür, dass die Taliban den Nato-Rückzug beschleunigt, indem sie ihre Angriffe in einigen Gebieten bewusst verringern, um dann eine umfassende ,Herzen-und-Köpfe-Kampagne‘ zu starten“, berichtete die BBC.

          Mit Blick auf das doppelte Spiel Pakistans hält der Bericht fest, dass die Spitzen von Militär und Regierung in Islamabad und Rawalpindi die Aufenthaltsorte der fast ausnahmslos in Pakistan untergetauchten Führer des islamistischen Aufstands kennen. Selbst ranghohe Kommandeure wie Nasiruddin Haqqani, lebten in unmittelbarer Nähe zum Hauptquartier des pakistanischen Geheimdienstes ISI, zitierte die BBC aus dem Bericht. „Ranghohe Taliban-Führer treffen sich regelmäßig mit ISI-Mitarbeitern, die sie strategisch beraten und jedes jeweilige Anliegen der pakistanischen Regierung weitergeben“, heißt es nach Angaben der Zeitung „The Times“ in der Studie.

          „Pakistan weiß alles“

          Aus den Verhören soll hervorgegangen sein, dass viele Extremisten den Einfluss Islamabads kritisch sehen. „Pakistan weiß alles“, wird ein ranghoher Al-Qaida-Kommandeur zitiert. „Sie kontrollieren alles – ich kann auf keinen Baum in Kunar ... (es folgt ein unverständliches Wort), ohne dass sie mich beobachten.“ Der Kommandeur formulierte ein vielsagendes Wortspiel: „Die Taliban sind nicht Islam, sie sind Islamabad.“

          Die pakistanische Außenministerin Hina Rabbani Khar, die am Mittwoch zu einem länger geplanten Besuch in Afghanistan eintraf, reagierte ungerührt auf den Bericht. Man müsse ihn nicht ernst nehmen, da er nur „alten Wein in noch ältere Schläuche“ fülle, sagte sie in Kabul. Pakistan stehe hinter jeder Friedensinitiative der Regierung Karzai und empfände jeden Angriff auf die afghanische Unabhängigkeit und Souveränität als Angriff auf die Existenz Pakistans. Zuvor hatte schon ein Regierungssprecher in Islamabad die Studie als „lächerlich“ und „unseriös“ abgetan und auf Pakistans Prinzip der Nicht-Einmischung in Afghanistan verwiesen.

          Am Mittwoch nahmen die Taliban abermals Stellung zu den Spekulationen über verschiedene Friedensinitiativen. Ein Sprecher dementierte die Ankündigung Kabuler Regierungsmitglieder, dass parallel – wenn nicht alternativ – zu den geplanten Verhandlungen in Qatar Gespräche mit einer afghanischen Delegation in Saudi-Arabien vereinbart worden seien. Man bleibe bei der Haltung, dass in Qatar mit den Vereinigten Staaten, nicht aber mit Karzai gesprochen werde, sagte er. Eine Waffenruhe als Gesprächsbedingung lehnen die Taliban ab. Man werde die Kampfhandlungen erst einstellen, wenn die internationalen Truppen das Land verlassen hätten, wurde ein Sprecher vom amerikanischen Fernsehsender NBC zitiert.

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