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Geheime Pläne : Wie Hitler Gibraltar erobern wollte

  • -Aktualisiert am

Seit Jahrhunderten streiten sich England und Spanien um diesen Felsen. Bild: AFP

„Operation Felix“ hieß der Geheimplan, nach dem der Felsen im Süden Spaniens den Engländern entrissen werden sollte. Eine weitere wahnwitzige Idee des Diktators, die zum Scheitern verurteilt war.

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          Ein einziges Mal in dreihundert Jahren hatte Spanien eine wirkliche Chance, Gibraltar von den Briten zurückzuerobern. Adolf Hitler wollte es besorgen und den Felsen dann als Morgengabe Francisco Franco überlassen. Es war im Herbst 1940, inmitten des Zweiten Weltkriegs, als der „Führer“ dem zögerlichen „Caudillo“ ein Angebot machte, von dem er glaubte, dass dieser es nicht ablehnen könne. Doch die „Operation Felix“, deren Ergebnis ohnehin keinen Bestand gehabt hätte, kam nicht zustande. Franco und das von seinem grausigen Bürgerkrieg ausgeblutete Spanien waren nicht in der Verfassung für einen neuen Waffengang.

          Die Einzelheiten der konspirativen Verhandlungen um Gibraltar hat Francos Schwager Ramón Serrano Súñer nach dem Krieg enthüllt. Súñer, germanophil und von der Idee begeistert, an der Seite der Achsenmächte Spanien selbst wieder zu einer Großmacht zu machen, war Außenminister, als er von Hitler Anfang November 1940 „dringend“ nach Berchtesgaden gerufen wurde.

          Nur drei Wochen davor waren Hitler und Franco im französischen Hendaye zu einem Kriegspalaver zusammengetroffen, bei dem der Spanier den Deutschen offenbar zur Weißglut gebracht hatte. Franco hatte sich trotz Hitlers Drängen ambivalent über einen Kriegseintritt Spaniens geäußert. Der „Führer“ entschloss sich, Druck auszuüben.

          Als Súñer in den Alpen eintraf, empfing ihn sein Gastgeber mit einem Trick. Die Zeitung „ABC“ zitierte den später wegen seines deutschen Übereifers von Franco entlassenen Schwager mit dieser Aussage Hitlers: „Ich habe entschieden, Gibraltar anzugreifen. Ich habe die Operation minutiös vorbereitet.

          Wir brauchen nur anzufangen, und wir müssen anfangen.“ Súñer, der von so viel Entschlossenheit verblüfft, wenn nicht gar überrumpelt war, hatte immerhin die Geistesgegenwart zu sagen, dass er sich ohne direkte Weisung seines Diktators nicht festlegen könne. Aber Hitler, der in dem strategisch wichtigen „Affenfelsen“ am Eingang zum Mittelmeer einen Schlüssel zum Sieg in Europa sah, hatte es eilig.

          1704 wurde der Felsen das erste Mal von Briten eingenommen

          So zog er seinen Gast in ein Nebenzimmer, wo der Eroberungsplan - mit Karten und eingesteckten Fähnchen - schon auslag. Generalmajor Alfred Jodl, der ihn erdacht hatte, stand bereit, die Einzelheiten zu erklären. So sollte am 10. Juni 1941 in einer gemeinsamen Aktion der Luftwaffe, des Heeres und der Kriegsmarine „zugeschlagen“ werden. Das Kommando sollte Generalfeldmarschall Walter von Reichenau haben. Deutsche Gebirgsjäger, so erfuhr der Schwager Francos, hätten schon in einem vergleichbar felsigen Gelände im französischen Zentralmassiv geübt.

          Von Súñer nur halbwegs ermutigt, kam der „Führer“ diesem von Minute zu Minute „übellauniger“ vor. Natürlich hätte Franco Spaniens letzte „territoriale Wunde“ - die Balearen-Insel Menorca hatten die Briten zurückgegeben - zu gern geschlossen. Aber er zweifelte zu diesem Zeitpunkt schon daran, dass Hitler Erfolg haben würde. Und etwas anderes war ihm wichtiger als die Rückeroberung des Felsens: Die Royal Navy hätte die Getreideschiffe aus Amerika für das hungernde Spanien in Gibraltar blockieren können. So wurde die Operation Felix nach ein paar Monaten weiterer Hinhaltetaktik archiviert.

          In diesem Jahr sollte in Gibraltar eigentlich mit gebremstem patriotischem Schaum des 300. Jahrestags jenes Vertrags von Utrecht gedacht werden, welcher den Felsen, das Dorf und den Hafen in britischen Besitz brachte.

          Wäre nicht in den vergangenen Wochen durch die Errichtung eines künstlichen Riffs, das die spanischen Fischer bei der Arbeit stört, ein frischer Streit aufgeflammt, dann wäre das Jubiläum in Spanien wahrscheinlich mit stiller Indignation zur Kenntnis genommen worden. So wurden aber all die schwärenden Reminiszenzen wach, die das Land schmerzen, seitdem es an seiner Südspitze den „peñon“ (Felsblock) verlor.

          Im Zuge des spanischen Erbfolgekriegs hatten britische und holländische Truppen den Felsen schon im Jahr 1704 eingenommen. Kodifiziert wurde die neue Kronkolonie aber erst, als König Philipp V. neun Jahre später seine Unterschrift unter das Utrechter Abkommen setzte. Dieser Philipp, Nachfolger des Habsburgers Carlos II., des „Verhexten“, war der erste Bourbone auf dem spanischen Thron.

          „Gibraltar wird auch in dreitausend Jahren noch britisch sein“

          Seine Ankunft hat in Spanien noch manch andere Pandorabüchse geöffnet. So nahm er den Katalanen, weil diese auf seinen Rivalen gesetzt hatten, ihre Privilegien und Autonomierechte. In der neuerdings politisch besonders rebellischen Region, die nach Unabhängigkeit strebt, wird 2014 des 300. Jahrestags des Falls von Barcelona zu gedenken sein.

          Das Utrechter Abkommen zu Gibraltar trug den Briten unter anderem ein Fast-Monopol für den Sklavenhandel ein, an dem sich bis dahin spanische Schiffe mit lukrativem Eifer beteiligt hatten. Der Vertrag ist in seiner konkreten Bedeutung umstritten, seit es ihn gibt. Er enthält sogar eine Klausel, dass Spanien, für den Fall, dass Großbritannien eines Tages Gibraltar nicht mehr haben will oder halten kann, eine Art Vorkaufsrecht habe.

          Solange Spanien seine niemals aufgegebenen territorialen Ansprüche aufrechterhält, würde das, nach Madrider Lesart, auch eine Unabhängigkeit der Kolonie ausschließen. Noch steht der Felsen auf der „Entkolonialisierungsliste“ der Vereinten Nationen, aber in Sachen Souveränität oder Reintegration hat es seit Jahrzehnten keine nennenswerten Fortschritte gegeben.

          Der Konflikt zwischen Spanien, Großbritannien und der überaus selbstbewussten Gibraltarer Regierung unter dem sozialistischen „Chief Minister“ Fabian Picardo - der voraussagt, Gibraltar werde auch in dreitausend Jahren noch britisch sein - wird gegenwärtig auf der Erde, im Meer und in der Luft ausgetragen. Es geht nicht nur um die leidige Fischerei und die eisengespickten Betonklötze vor der Küste. Es geht auch um den Flughafen, der in Francos schwachen Jahren im Zweiten Weltkrieg von den Briten in „neutrales“ Gelände hinaus verlängert wurde. Neuerdings sind auch noch unausgegorene Pläne für eine Landgewinnung durch Aufschüttungen für Hotels und Luxuswohnungen hinzugekommen.

          Immer wieder gegenseitige Provokationen

          Der Vertrag von Utrecht sagt dazu natürlich nichts. Nach spanischer Überzeugung hat Gibraltar mit Ausnahme des in den Dokumenten erwähnten Hafens gar keine Hoheitsgewässer. Doch sie wurden von Gibraltar schon zweimal ausgeweitet. Im 18. Jahrhundert endete die Hoheitszone gewöhnlich an der Stelle, an der die Kanonenkugeln von der Festung ins Wasser fielen. In der Neuzeit wurde der Konflikt - von der Operation Felix abgesehen - überwiegend mit friedlichen Blockademitteln fortgesetzt. Denn auch aus einem Wiedereroberungsplan spanischer und französischer Truppen unter Führung Napoleons war nach mehrjähriger Belagerung nichts geworden.

          Franco hatte dann im Jahr 1969 genug und schloss kurzerhand die Grenze nach Gibraltar, als drüben eine ihm nicht genehme Verfassung verabschiedet worden war. Für dreizehn Jahre kam der kleine Grenzverkehr zum Erliegen, bis 1982 der erste sozialistische Ministerpräsident der jungen Demokratie, Felipe González, die Tür wieder langsam öffnete. Er hatte dafür einen guten Grund, wollte Spanien doch, wie es drei Jahre später geschah, der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft beitreten.

          Wechselnde spanische und britische Regierungen haben seitdem allerlei versucht. Aber die „llanitos“, wie sich die Gibraltarer mit ihrem andalusischen Zungenschlag nennen, haben alle Bemühungen hintertrieben, ihnen die geschäftstüchtige Eigenständigkeit zu nehmen. Zuletzt stimmten im Jahr 2002 bei einer Volksabstimmung 99 Prozent der knapp dreißigtausend Einwohner dafür, britisch - und nur britisch - zu bleiben.

          Auch Verhandlungen über eine „Ko-Souveränität“ scheiterten, so dass gegenwärtig diplomatische Funkstille herrscht. Dafür ärgern spanische Grenzer Pendler und Touristen mit teilweise stundenlangen Wartezeiten, und die Gibraltarer freuen sich über fotogene britische Flottenbesuche, die wiederum die Spanier unvorteilhaft an die Falkland-Invasion erinnern - und an einen Besuch von General Eisenhower während des Zweiten Weltkriegs in den befestigten Tunneleingeweiden des Felsens.

          Zwei demokratische EU-Partner werden in ihrem Streit über Gibraltar nicht zu militärischen Mitteln greifen. Aber auf der Iberischen Halbinsel waren das 16. und das 18. Jahrhundert mit den fulminanten Niederlagen der spanischen Armada - erst gegen Sir Francis Drake und danach gegen Admiral Horatio Nelson - lange nicht so präsent wie in diesem Sommer.

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