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Geheime Pläne : Wie Hitler Gibraltar erobern wollte

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„Gibraltar wird auch in dreitausend Jahren noch britisch sein“

Seine Ankunft hat in Spanien noch manch andere Pandorabüchse geöffnet. So nahm er den Katalanen, weil diese auf seinen Rivalen gesetzt hatten, ihre Privilegien und Autonomierechte. In der neuerdings politisch besonders rebellischen Region, die nach Unabhängigkeit strebt, wird 2014 des 300. Jahrestags des Falls von Barcelona zu gedenken sein.

Das Utrechter Abkommen zu Gibraltar trug den Briten unter anderem ein Fast-Monopol für den Sklavenhandel ein, an dem sich bis dahin spanische Schiffe mit lukrativem Eifer beteiligt hatten. Der Vertrag ist in seiner konkreten Bedeutung umstritten, seit es ihn gibt. Er enthält sogar eine Klausel, dass Spanien, für den Fall, dass Großbritannien eines Tages Gibraltar nicht mehr haben will oder halten kann, eine Art Vorkaufsrecht habe.

Solange Spanien seine niemals aufgegebenen territorialen Ansprüche aufrechterhält, würde das, nach Madrider Lesart, auch eine Unabhängigkeit der Kolonie ausschließen. Noch steht der Felsen auf der „Entkolonialisierungsliste“ der Vereinten Nationen, aber in Sachen Souveränität oder Reintegration hat es seit Jahrzehnten keine nennenswerten Fortschritte gegeben.

Der Konflikt zwischen Spanien, Großbritannien und der überaus selbstbewussten Gibraltarer Regierung unter dem sozialistischen „Chief Minister“ Fabian Picardo - der voraussagt, Gibraltar werde auch in dreitausend Jahren noch britisch sein - wird gegenwärtig auf der Erde, im Meer und in der Luft ausgetragen. Es geht nicht nur um die leidige Fischerei und die eisengespickten Betonklötze vor der Küste. Es geht auch um den Flughafen, der in Francos schwachen Jahren im Zweiten Weltkrieg von den Briten in „neutrales“ Gelände hinaus verlängert wurde. Neuerdings sind auch noch unausgegorene Pläne für eine Landgewinnung durch Aufschüttungen für Hotels und Luxuswohnungen hinzugekommen.

Immer wieder gegenseitige Provokationen

Der Vertrag von Utrecht sagt dazu natürlich nichts. Nach spanischer Überzeugung hat Gibraltar mit Ausnahme des in den Dokumenten erwähnten Hafens gar keine Hoheitsgewässer. Doch sie wurden von Gibraltar schon zweimal ausgeweitet. Im 18. Jahrhundert endete die Hoheitszone gewöhnlich an der Stelle, an der die Kanonenkugeln von der Festung ins Wasser fielen. In der Neuzeit wurde der Konflikt - von der Operation Felix abgesehen - überwiegend mit friedlichen Blockademitteln fortgesetzt. Denn auch aus einem Wiedereroberungsplan spanischer und französischer Truppen unter Führung Napoleons war nach mehrjähriger Belagerung nichts geworden.

Franco hatte dann im Jahr 1969 genug und schloss kurzerhand die Grenze nach Gibraltar, als drüben eine ihm nicht genehme Verfassung verabschiedet worden war. Für dreizehn Jahre kam der kleine Grenzverkehr zum Erliegen, bis 1982 der erste sozialistische Ministerpräsident der jungen Demokratie, Felipe González, die Tür wieder langsam öffnete. Er hatte dafür einen guten Grund, wollte Spanien doch, wie es drei Jahre später geschah, der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft beitreten.

Wechselnde spanische und britische Regierungen haben seitdem allerlei versucht. Aber die „llanitos“, wie sich die Gibraltarer mit ihrem andalusischen Zungenschlag nennen, haben alle Bemühungen hintertrieben, ihnen die geschäftstüchtige Eigenständigkeit zu nehmen. Zuletzt stimmten im Jahr 2002 bei einer Volksabstimmung 99 Prozent der knapp dreißigtausend Einwohner dafür, britisch - und nur britisch - zu bleiben.

Auch Verhandlungen über eine „Ko-Souveränität“ scheiterten, so dass gegenwärtig diplomatische Funkstille herrscht. Dafür ärgern spanische Grenzer Pendler und Touristen mit teilweise stundenlangen Wartezeiten, und die Gibraltarer freuen sich über fotogene britische Flottenbesuche, die wiederum die Spanier unvorteilhaft an die Falkland-Invasion erinnern - und an einen Besuch von General Eisenhower während des Zweiten Weltkriegs in den befestigten Tunneleingeweiden des Felsens.

Zwei demokratische EU-Partner werden in ihrem Streit über Gibraltar nicht zu militärischen Mitteln greifen. Aber auf der Iberischen Halbinsel waren das 16. und das 18. Jahrhundert mit den fulminanten Niederlagen der spanischen Armada - erst gegen Sir Francis Drake und danach gegen Admiral Horatio Nelson - lange nicht so präsent wie in diesem Sommer.

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