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Geheimdienste : Washingtons Mann im serbischen Dämmerlicht

„Angeblich böse”: Der ehemalige serbische Geheimdienstchef Jovica Stanisic Bild: AFP

Der einstige serbische Geheimdienstchef soll zugleich für die CIA gearbeitet haben. Serbische Politiker wollen das nicht ausschließen. War Jovica Stanisic, einst unter Milosevic Spionagechef, tatsächlich „der wichtigste Mann“ der Amerikaner in Belgrad?

          Es klingt wie eine unglaubliche Geschichte, doch andererseits scheint vieles möglich in einer Stadt, in der einer der vermeintlich meistgesuchten mutmaßlichen Kriegsverbrecher der Welt angeblich jahrelang mit falschen Papieren als Heilpraktiker wirken konnte, indem er sich einen echten Bart wachsen und das wallende Haar noch etwas üppiger wuchern ließ als zuvor. Nicht ganz acht Monate nach der bis heute geheimnisumwitterten Verhaftung des ehemaligen bosnischen Serbenführers Radovan Karadzic im Sommer vergangenen Jahres in Belgrad sieht sich die serbische Hauptstadt nun wiederum mit dem denkwürdigen Fall eines serbischen Angeklagten des UN-Tribunals für das ehemalige Jugoslawien konfrontiert.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          In diesem Fall war der Verdächtige allerdings schon knapp zwei Monate in Haft, bevor das Haager Tribunal wegen Kriegsverbrechen während der Kämpfe in Kroatien und Bosnien zwischen 1991 und 1995 Anklage gegen ihn erhob. Der ehemalige serbische Geheimdienstchef Jovica Stanisic wurde im März 2003 einen Tag nach der Ermordung des serbischen Ministerpräsidenten und Reformers Zoran Djindjic festgenommen. Die Haager Anklagebehörde beschuldigt Stanisic, die Aufstellung von Freischärlertruppen für den serbischen Geheimdienst koordiniert sowie die Einheiten zur Vertreibung oder Ermordung von Kroaten und (muslimischen) Bosniaken in Marsch gesetzt zu haben. Nach einem Bericht der „Los Angeles Times“ soll Stanisic allerdings nebenbei noch eine weitere Tätigkeit ausgeübt haben - als Zuträger der CIA.

          Geholfen, den Krieg in Bosnien zu beenden

          Laut dem Bericht der Zeitung war Stanisic seit 1992 in Kontakt mit einem inzwischen pensionierten CIA-Beamten namens William Lofgren und damit für etwa acht Jahre „der wichtigste Mann“ der Amerikaner in Belgrad. In nächtlichen Treffen am Ufer der Save soll der Serbe dem Amerikaner Einblicke in die Pläne des Serbenherrschers Milosevic gewährt sowie der CIA dabei geholfen haben, „geheime Stützpunkte“ in Bosnien zu errichten. Außerdem habe er seinem Gegenüber Unterlagen über den Bau von Bunkern für das Regime Saddam Husseins im Irak durch serbische Firmen zukommen lassen; auch sei er 1995 bei der Freilassung von 388 Soldaten aus Nato-Staaten behilflich gewesen, die in Bosnien als „menschliche Schutzschilde“ festgehalten worden waren. Nun habe die CIA dem Haager Tribunal Unterlagen zukommen lassen, aus dem Stanisics „hilfreiche Rolle“ in jenen Jahren hervorgehe. Die Zeitung zitiert Lofgren mit der Einschätzung, Stanisic habe, obwohl er „angeblich böse“ sei, viel Gutes bewirkt und dabei geholfen, den Krieg in Bosnien zu beenden.

          Diese Einschätzung steht jedoch in einem gewissen Widerspruch zur Darstellung der Haager Anklagebehörde. Laut Anklageschrift spielten bei dem Blutvergießen in Bosnien, dem etwa 100.000 Menschen zum Opfer fielen, die Mördertruppen des serbischen Geheimdienstes eine maßgebliche Rolle. Dessen damaliger Chef hingegen sieht seine Vergangenheit ebenfalls anders. Der bereits Mitte der siebziger Jahre, noch zu Herrschaftszeiten Titos, in geheime Dienste getretene Mann bezeichnet sich als Unschuldigen, der versucht habe, mäßigend auf Milosevic einzuwirken. Von amerikanischer Seite wird laut „Los Angeles Times“ bestätigt, dass Stanisic nie Geld genommen habe für seine Hilfsbereitschaft.

          Der übliche Informationsaustausch zwischen Geheimdiensten?

          Diese Geschichte aus dem ewigen Dämmerlicht des Geheimdienstmilieus wurde in Serbien am Mittwoch im gleißenden Scheinwerferlicht der Politik kommentiert. Der stellvertretende Ministerpräsident und Innenminister der Belgrader Koalitionsregierung, Ivica Dacic, nannte die Geschichte zwar „unwahrscheinlich“ und „ziemlich weit hergeholt“, schränkte dann jedoch ein, sollte sie wahr sein, zeige das nur, dass „Ausländer“ wahrscheinlich ihre Hände mit im Spiel hatten bei den Vorgängen im Serbien der Kriegsjahre. Dacic ist Vorsitzender der einst von Milosevic geführten Sozialistischen Partei Serbiens und war deren Sprecher, als das alte Regime noch intakt war. „Nichts ist unmöglich“, zitierten Journalisten Dacics Einschätzung.

          Auch Stanisic selbst äußerte sich in serbischen Medien kurz zu dem Bericht. Wegen seines schlechten Gesundheitszustandes wurde der Prozess gegen ihn nämlich bis auf weiteres unterbrochen, und Stanisic hält sich seit dem vergangenen Jahr nicht mehr in Den Haag auf, sondern in seiner Wohnung in Belgrad. Reportern der Zeitung „Blic“, die ihn dort aufgespürt hatten, beschied er demnach knapp, die Überschrift in besagtem Artikel sei falsch - woraus die Journalisten schlossen, der Text darunter treffe zu. Ein anderer früherer serbischer Geheimdienstchef sagte jedoch in einem Interview mit dem Belgrader Sender „B92“, bei den von Stanisic gepflegten Kontakten handele es sich vermutlich nur um den üblichen Informationsaustausch, der zwischen Diensten durchaus üblich sei. Er gab zu bedenken, dass Stanisic sich schwerlich als Angeklagter vor dem Tribunal verantworten müsste, wäre er tatsächlich der wichtigste Mann der CIA in der Region gewesen. In einem solchen Fall hätten ihn die Amerikaner beschützt und versteckt, so der ehemalige Geheimdienstschef.

          Dass Stanisic die Nachrichten des Tages in Serbien am Mittwoch dennoch nicht allein für sich hatte, liegt unterdessen nicht am mangelnden Unterhaltungswert seiner Geschichte, sondern ausschließlich an der harten Konkurrenz. Durchaus auf Interesse stieß nämlich auch die Nachricht, dass sich der weißrussische Präsident Aleksandr Lukaschenka zum Skiurlaub in den serbischen Bergen aufhält. Im Wintersportort Kapaonik hat er bei dieser Gelegenheit Gespräche mit dem serbischen Ministerpräsidenten Cvetkovic über die künftige wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen den beiden Staaten geführt. Der Tod Milosevics in einer niederländischen Gefängniszelle im März 2006 war von den weißrussischen Medien als Mord des amerikanischen Imperialismus an einem großen Staatsmann dargestellt worden.

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