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Belagertes Kobane : Noch keine Korridore ins kurdische „Stalingrad“

  • -Aktualisiert am

Auf türkischem Territorium beobachten Kurden Luftangriffe auf IS-Stellungen nahe Kobane Bild: dpa

Der „Islamische Staat“ kann trotz immer neuer Kämpfer Kobane nicht einnehmen. Die kurdischen Verteidiger warten aber noch immer vergeblich auf Verstärkung aus dem Irak.

          Die Kurden in Kobane warteten am Dienstagnachmittag noch immer auf Verstärkung aus dem Irak. Peschmerga-Kämpfer der irakischen Autonomieregion seien bislang nicht in der syrischen Grenzstadt zur Türkei eingetroffen, sagt ein Sprecher der „Volksverteidigungseinheiten“ (YPG). Auch ausländische Militärberater befänden sich nicht in der Stadt, von wo aus diese etwa die amerikanische Militärführung über mögliche Angriffsziele informieren könnten. Doch der Abwurf von mehr als zwanzig Tonnen Waffen, Munition sowie Hilfsgüter in der Nacht auf Montag habe zumindest eine erste Erleichterung für die Verteidiger Kobanes gebracht.

          Mehr als fünf Wochen nach Beginn der Belagerung des kurdischen „Stalingrad“ durch Kämpfer des „Islamischen Staats“ (IS) scheint eine Wende erreicht, auch wenn das amerikanische Militär noch keine Entwarnung gibt: „Die Sicherheitssituation in Kobane bleibt angespannt, und die Stadt könnte weiter fallen“, teilte das Zentralkommando in Florida am Montag mit. Vor allem die mehrdeutige Position der türkischen Regierung, die der Umzingelung Kobanes durch die Dschihadisten lange Zeit tatenlos zugesehen hat, verhindert eine deutliche Schwächung des IS in der Region.

          „Hinhaltetaktik Ankaras“

          Zwar hatte der türkische Außenminister, Mevlüt Çavusoglu, am Montag zugesagt, Einheiten der Barzani-Regierung in Arbil Zugang über türkisches Territorium in die von drei Seiten belagerte Enklave zu gewähren. Doch dem YPG-Sprecher zufolge gibt es bislang „keinen Korridor nach Kobane“, über den irakisch-kurdische Kämpfer in die Stadt kommen könnten. Eine „Hinhaltetaktik“ Ankaras vermuten kurdische Politiker in Arbil hinter diesem Vorgehen – und verweisen darauf, dass sich die Verteidiger Kobanes nie über mangelndes Personal beklagt hätten, sondern über fehlende Waffen, um sich den Angriffen der Terrorgruppe wirksam zu widersetzen.

          Mit gezielte Luftschlägen unterstützt die internationale Allianz die Kurden - ausländische Militärberater sollen sich aber nicht in Kobane aufhalten

          Eigentlich hatte der „Islamische Staat“ sein strategisches Ziel bereits vor zwei Wochen erreicht, als der IS bis auf das Stadtzentrum große Gebiete um Kobane herum unter seine Kontrolle gebracht hatte. Damit war es den Dschihadisten gelungen, die Distanz zwischen den bereits von ihnen kontrollierten syrisch-türkischen Grenzübergängen in Jarabalus und Tall Abyad zu verkürzen. Doch IS-Anführer Abu Bakr al Bagdadi hat in den vergangenen Tagen weitere Kämpfer nach Kobane geschickt, um eine drohende Niederlage zu verhindern. Vor allem aus ihren Stützpunkten in Raqqa und Tabqa südlich von Kobane ist über das Wochenende Verstärkung eingetroffen. Ein sinnloser Kampf sei das, heißt es vielfach, der sich nur noch durch Bagdadis persönlichen Ehrgeiz erklären lasse.

          Hohe Verluste bei den Dschihadisten

          Auf „Hunderte“ Tote beziffert das amerikanische Zentralkommando in Florida am Montag die Verluste der Dschihadisten rund um Kobane, zudem seien Dutzende Stellungen sowie militärisches Gerät der Gruppe zerstört worden. Gegen den Rat seiner Kommandeure vor Ort habe Bagdadi dort weiter aufgerüstet, heißt es in arabischen Medien. Schließlich unternimmt der IS seit September bereits den dritten Anlauf in diesem Jahr, die Hauptstadt des mittleren der drei syrisch-kurdischen Kantone zu erobern.

          Eine Niederlage würde einen Gesichtsverlust für den IS bedeuten. Außerdem würde sie der Propaganda seiner Gegner in die Hände spielen. Doch anders als in den Städten Sindschar und Mossul im Irak, die im Juni und August innerhalb von Stunden von IS-Kämpfern überrannt worden waren, ist der Widerstand der „Volksverteidigungseinheiten“ in Kobane offenbar von Dauer.

          Und doch wiederhole sich auch in Nordsyrien ein Muster, das sich bereits im Sommer im Irak verfolgen ließ: „Sobald der ‚Islamische Staat an einem Ort eine Niederlage erleidet, greift er aus Rache woanders umso heftiger an“, sagt Nilüfer Koc, die Ko-Vorsitzende des Kurdischen Nationalkongresses in Arbil. Sehr viele Kämpfer seien seit der vergangenen Woche in Richtung Sindschar verlegt worden, um die im August von YPG-„Volksverteidigungseinheiten“ in letzter Minute geretteten Yeziden-Dörfer doch noch zu erobern. Wie im August seien auch nun wieder viele Peschmerga-Kämpfer gefallen und etliche Zivilisten als Geiseln genommen worden, berichtet Koc.

          Handfeste strategische Ziele befeuern das Vorgehen der Dschihadisten gegen die Yeziden, die in den Augen Bagdadis zudem als Apostaten ausgelöscht gehörten. Würde es dem IS gelingen, das von ihm kontrollierte Gebiet zwischen dem Irak und Syrien bis nach Qamischli zu erweitern, wäre der transnationale Terrorstaat wieder um einen wichtigen Korridor zwischen beiden Ländern reicher. Dem im Wege stehen vor allem die syrischen „Volksverteidigungseinheiten“ YPG, die auch in den Dörfern rund um Sindschar die Bevölkerung schützen.

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