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Gefangenenaustausch mit Israel : Das Versprechen der Hizbullah

  • -Aktualisiert am

Bald frei? Poster der entführten israelischen Soldaten Goldwasser, Regev und Shalit in Tel Aviv Bild: AP

Seit dem Rückzug der israelischen Truppen aus dem Südlibanon vor acht Jahren setzt die Hizbullah auf die Freipressung in Israel inhaftierter libanesischer Gefangener. Der letzte Gefangenenaustausch liegt nur wenige Monate zurück.

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          Als sich Hassan Nasrallah am Montagabend in einer Videoansprache an seine zu Tausenden im Süden Beiruts versammelten Anhänger wandte, sprach er über mehr als nur den gewonnen Machtkampf gegen die prowestliche Regierung. „Schon sehr bald werden Samir Kuntar und seine Brüder unter uns sein“, sagte der Generalsekretär der Hizbullah unter dem Beifall der Zuschauer.

          Bereits die Aktion zur Gefangennahme von zwei israelischen Soldaten im Juli 2006 trug unter Anspielung auf die angestrebte Befreiung Kuntars den Titel „Wahrhaftes Versprechen“.

          „Bald ist es so weit“

          Schon am Sonntag hatte Kuntars jüngerer Bruder Bassam mitgeteilt, dass es „positive Entwicklungen“ im Falle des 1980 wegen Mordes an vier Israelis zu 542 Jahren Gefängnis verurteilten Libanesen gebe. „In den nächsten dreißig Tagen“ werde über ihn und die anderen in Israel inhaftierten libanesischen Gefangenen entschieden, sagte Kuntar, der die Kampagne zur Freilassung seines Bruders und anderer Gefangener seit Jahren führt.

          Kündigt Freilassung libanesischer Gefangener an: Nasrallah am Montagabend in Beirut

          Sein Bruder ist Mitglied der Palästinensischen Befreiungsfront (PFL), einer auch im Libanon aktiven Gruppe. Bei Treffen palästinensischer Politiker zählt Kuntar regelmäßig zu den Gästen - aufmunternde Sprüche wie „Bald ist es so weit“ machen deutlich, welchen Stellenwert die Gefangenenfrage weit über die Hizbullah hinaus besitzt.

          Positives Klima in Nahost

          Berichte israelischer und libanesischer Medien vom Dienstag, wonach ein Gefangenenaustausch zwischen der Hizbullah und Israel bevor stehe, passen in das positive Klima, das seit dem Ende der Krise im Libanon und dem Beginn von indirekten Friedensverhandlungen zwischen Israel und Syrien in der Region herrscht.

          Kantar steht als am längsten einsitzender Häftling dabei im Mittelpunkt, insgesamt aber will die Hizbullah mindestens fünf libanesische Häftlinge im Austausch gegen die zwei im Juli 2006 gefangenen genommenen israelischen Soldaten Ehud Goldwasser und Eldav Regev freipressen, schreibt die israelische Tageszeitung „Yedioth Ahronot“.

          Für die Hizbullah würde die Befreiung des 45 Jahre alten Kantar nach der von nichtschiitischen Libanesen kritisierten Einnahme West-Beiruts Anfang des Monats ihren Ruf als gesamtlibanesische Kraft wieder aufpolieren. Die Fixierung der Parteimiliz auf die Entführung israelischer Soldaten zur Freipressung eigener Gefangener freilich reicht schon länger zurück: Nach dem Abzug der israelischen Truppen aus dem Südlibanon im Mai 2000 suchte sie nach einer neuen politischen Bestimmung.

          Erfolgreicher Kampf gegen israelische Besatzung

          Da ihr Guerilla-Krieg gegen die 1978 in den Libanon eingerückten israelischen Einheiten erfolgreich war und die israelische Besatzung, abgesehen von dem kleinen Gebiet der Schebaa-Farmen, beendet, setzte die Führung auf die Freipressung in israelischen Gefängnissen einsitzender Libanesen.

          Den bislang größten Erfolg auf diesem Gebiet feierte Nasrallah im Januar 2004, als unter Vermittlung des Bundesnachrichtendienstes (BND) mehr als 400 arabische Häftlinge, darunter 35 Libanesen, aus israelischen Gefängnissen gegen den israelischen Geschäftsmann Elhanan Tannenbaum und die Leichname dreier israelischer Soldaten ausgetauscht wurden.

          Zehntausende Libanesen säumten seinerzeit die Straße vom Beiruter Flughafen in die Innenstadt, Libanons Staatspräsident Emile Lahoud, Ministerpräsident Rafiq Hariri und Parlamentspräsident Nabih Berri waren bei der Landung der frei gekommenen Libanesen auf dem Rollfeld zugegen.

          Kritik an Geiselnahme 2006

          Dem nationalen Triumph folgte jedoch Ernüchterung. Denn zweieinhalb Jahre später fand die Gefangennahme der israelischen Soldaten Goldwasser und Regev an der libanesisch-israelischen Grenze längst nicht mehr die Zustimmung aller Libanesen. Am Morgen des 12. Juli 2006 hatte eine Hizbullah-Einheit die beiden Israelis aus einer Patrouille heraus entführt, acht weitere Soldaten starben bei dem anschließenden Gefecht.

          Bis heute ist unklar, ob Goldwasser und Regev überlebten - Goldwassers Vater Shlomo ging in einem Gespräch mit dieser Zeitung ein Jahr nach der Entführung seines Sohnes nicht davon aus, Israels Ministerpräsident Ehud Olmert hat sich ebenfalls negativ geäußert, bislang aber davon abgesehen, die beiden Soldaten für tot zu erklären.

          Unabhängig davon gingen Gespräche unter Führung des BND-Vrmittlers Gerhard Konrad offenbar weiter. Bereits im vergangenen Oktober sorgte ein Gefangenenaustausch für Überraschung, als die leiblichen Überreste eines Israelis gegen die zweier Hizbullah-Kämpfer und eines während des Libanon-Krieges gefangen genommen Libanesen ausgetauscht wurden. Zuvor hatte die Hizbullah einen Brief des 1986 über dem Libanon abgeschossenen israelischen Piloten Ron Arad an die israelische Seite übergeben lassen.

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