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Gefangenenaustausch : Eine zweite Befreiung

  • -Aktualisiert am

Hat sein Versprechen gehalten: Hizbullah-Generalsekretär Hassan Nasrallah Bild: AFP

Freudig erwartet die Familie Samir Kuntars die Rückkehr ihres Sohnes und Bruders in den Libanon. Für dessen Freilassung aus israelischer Gefangenschaft an diesem Mittwoch hat Hizbullah-Chef Nasrallah seit 1992 gekämpft. Das Ende der militärischen Konfrontation bedeutet sie nicht.

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          Bassam Kuntar kann den Moment der Rückkehr kaum noch erwarten. „Ein Traum wird wahr“, sagt der 31 Jahre alte Bruder Samir Kuntars, der an diesem Mttwochmorgen aus Israel nach Libanon überstellt werden soll. Als das einstige Mitglied der Palästinensischen Befreiungsfront (PLF) wegen des Mordes an einem israelischen Familienvater, dessen Tochter und eines Polizisten im April 1979 verhaftet wurde, war Bassam noch ein Kleinkind - Samir kennt er nur aus Erzählungen von dessen Anwalt oder seiner Mutter Siham.

          Fast dreißig Jahre lang musste die 69 Jahre alte Frau sich mit den Fotos ihres Sohnes aus dem Gefängnis in Israel, die in ihrem Wohnzimmer stehen, trösten, ehe sie Bassam heute wieder in die Arme schließen kann.

          Feiern im ganzen Land

          Die Vorbereitungen für die Rückkehrfeier des am längsten in Israel inhaftierten libanesischen Gefangenen laufen schon seit Anfang Juli auf Hochtouren, sagt Samir Kuntar im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Einen Großteil davon hat die Hizbullah übernommen.“ Von tief im Süden des Landes bis hoch in die Hauptstadt Beirut sind Straßen und Plätze geschmückt.

          Warten auf den Rückkehrer: Plakat Samir Kuntars in Sidon

          „Freiheit für den Helden und Gefangenen Samir Kuntar“ steht auf Plakaten in den Küstenstädten Tyr und Sidon, oder auch „Freiheit kommt mit Blut, nicht mit Tränen“. Die Botschaft ist eindeutig: Ohne die bewaffneten Aktionen der Hizbullah gegen Israel wäre Kuntar nicht frei gekommen.

          Seit seinem Antritt als Generalsekretär der Hizbullah im Februar 1992 hatte Hassan Nasrallah das Schicksal des 1980 zu 542 Jahren Verurteilten und anderer in Israel inhaftierter Gefangener untrennbar mit dem bewaffneten Kampf der schiitischen „Partei Gottes“ verknüpft. „Wir glauben, dass die Freilassung der Häftlinge aus israelischen Gefängnissen unsere legitime, brüderliche und moralische Verantwortung ist, ganz ohne konfessionelle oder parteiische Vorurteile“, sagte er im Herbst 1992 in einem Zeitungsinterview.

          Keine „saubere Operation“

          Unmittelbar nach Ende des Zweiten Libanon-Krieges 2006 dann schilderte Nasrallah gegenüber dem Fernsehsender New TV die Bemühungen seiner Kämpfer, weitere israelische Soldaten zu entführen, um Kuntar und andere Gefangene freizupressen. Ein Versuch war im Oktober 2005 gescheitert, als vier Hizbullah-Kämpfer beim Angriff auf eine israelische Patrouille umkamen. Danach begannen die Vorbereitungen für die Entführung, die am 12. Juli 2006 den Krieg auslöste; „vier oder fünf Monate“ haben diese laut Nasrallah gedauert.

          Der Name der Operation war Programm: „Eingelöstes Versprechen“. Da jedoch nicht nur die beiden Soldaten Ehud Goldwasser und Eldas Regev gefangen genommen, sondern acht weitere Israelis bei Gefechten getötet wurden, sei das Ziel einer „sauberen Operation“ misslungen, gestand Nasrallah ein. „Es ist etwas passiert, was wir nicht beabsichtigt haben.“ Die Rückkehr Kuntars und der anderen vier Gefangenen in den Libanon rückt den auf die Geiselnahme folgenden, 33 Tage dauernden Krieg in den Hintergrund - und stellt so etwas wie eine „zweite Befreiung“ nach dem Rückzug israelischer Truppen aus dem Südlibanon vor acht Jahren dar.

          Angesichts des Erfolges schließt die Hizbullah die Entführung weiterer israelischer Soldaten auch als Option für die Zukunft nicht aus. „Kein Kommentar“, antwortete Nasrallah in der ersten Juli-Woche auf einer zur Bekanntgabe des Deals mit Israel einberufenen Pressekonferenz auf die Frage, ob seine Organisation künftig auf derartige Aktionen verzichten werde.

          Politischer Triumph Nasrallahs

          „Die Erfahrung lehrt, dass Land durch Diplomatie nicht befreit wird“, fügte er mit Verweis auf die weiterhin von Israel besetzten Schebaa-Farmen hinzu. Außerdem bleibe „der Libanon bedroht“. Der Abschluss des Gefangenenaustauschs dürfe daher nicht als politische Einigung mit Israel gewertet werden, sondern lediglich als humanitäre Aktion.

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