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Gedenkstätte Les Milles : Macron spricht von Verbrechen des französischen Staates

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im ehemaligen Lager Les Milles Bild: EPA

Das ehemalige Lager Les Milles war für die Internierten wie eine Hölle. Daran erinnert Frankreichs Präsident Macron während eines Besuchs der Gedenkstätte.

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          Der Schriftsteller Lion Feuchtwanger hatte sich seinen Aufenthalt in Frankreich anders vorgestellt. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit stand riesig über dem Portal des Bürgermeisteramtes, man hatte uns gefeiert (…), es sei eine Ehre für Frankreich, uns gastlich aufzunehmen, der Präsident der Republik hatte mich empfangen. Jetzt also sperrte man uns ein“, schrieb Feuchtwanger, der vor der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft aus Deutschland geflohen war.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Wie zehntausend andere „feindliche Ausländer“ und Juden wurde der Schriftsteller 1940 im Lager Les Milles nahe Aix-en-Provence interniert. Seine Erlebnisse sind als „Bericht aus der Hölle“ in seinem Buch „Der Teufel in Frankreich“ (Aufbau-Verlag) nachzulesen. Am Montag ist Präsident Emmanuel Macron in das ehemalige Internierungslager an der Ferienautobahn in den Süden gekommen. Er wurde von den „Nazijägern“ Beate und Serge Klarsfeld sowie von Herbert Traube begleitet, einem gebürtigen Wiener und Résistance-Kämpfer, dem es 1942 gelang, aus dem Lager von Milles zu fliehen. Traube engagierte sich in der Fremdenlegion und wurde in Menton an der Riviera heimisch. Der Präsident legte einen Kranz an einem Güterbahnwaggon auf dem Gelände ab und gedachte der mehr als 2000 Juden, die von hier nach Auschwitz deportiert wurden.

          Dem Vergessen entrissen

          Macron würdigte die Pionierarbeit der Gedenkstätte, die vor zehn Jahren als erstes Projekt im Rahmen der europäischen Kulturhauptstadt Marseille-Provence eröffnet wurde. Der Leiter der Gedenkstätte, Alain Chouraqui, betreibt ehrgeizige Bildungsarbeit, um schon Schüler dafür zu sensibilisieren, wie in einer Demokratie das Bewusstsein für Grundrechtsverletzungen abstumpfen kann. Er organisiert Workshops für Polizisten, Gendarmen, Richter und andere Staatsbeamte, in denen sie über ihre eigene Rolle angesichts von identitärer und nationalistischer Radikalisierung nachdenken.

          Damit trägt er auch dem Umstand Rechnung, dass es nicht die nationalsozialistischen Besatzer waren, die der französischen Regierung die Internierung der Ausländer angeordnet hatte. Zu den Lagerhäftlingen zählten viele, die in der deutschen Intellektuellen- und Künstlerszene Rang und Namen hatten: Golo Mann, Franz Hessel, Friedrich Wolf, Maler wie Max Ernst und Hans Bellmer sowie Nobelpreisträger wie der Chemiker Thadeus Reichstein und der Biochemiker Otto Meyerhof. Sie waren nach Frankreich geflüchtet, weil sie sich vom „Mutterland der Menschenrechte“ Schutz vor Verfolgung erhofften.

          Als der Krieg ausbrach, wurden aus den Flüchtlingen Staatsfeinde. „Wir nahmen es mit einer Art bitteren Gleichmut, diese Jahre hatten uns die Unbeständigkeit menschlichen Verhaltens sehr anschaulich vor Augen geführt“, schrieb Feuchtwanger. In der kurz zuvor stillgelegten Ziegelfabrik wurden sie eingepfercht und mussten auf Stroh im Ziegelstaub schlafen. Später wurden im Lager Kinder „von einem Jahr an“ eingesperrt, bis sie deportiert worden. „Wir wissen, wie zivilisierte Völker in den Horror abgleiten können“, sagte Chouraqui. „Es forderte 30 Jahre hartnäckigen Kampfes (...) bis das Lager von Milles dem Vergessen entrissen wurde“, sagte Präsident Macron. Das Lager sei „kein Unfall der Geschichte“ gewesen, sondern die Folge der Erosion der demokratischen Werte. Das Lager sei ein Ort „der Verbrechen des französischen Staates“ gewesen, urteilte Macron.

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