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Gedenken in Paris : Deutsche Fahnen am Triumphbogen

So sieht der Armistice Day heute aus Bild: AP

Nicolas Sarkozy will die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg erhalten und zugleich verändern: Die Franzosen sollen nicht mehr eines Sieges, sondern der Schrecken des Krieges gedenken. Angela Merkel dankt dafür.

          3 Min.

          Die deutschen und französischen Oberschüler reißen jubelnd Wimpel in den deutschen und französischen Nationalfarben gen Himmel, als auf dem leinwandgroßen Bildschirm am Place de l‘Etoile die Motorradeskorte der Republikanischen Garde erscheint. Die Soldaten in Paradeuniform stehen stramm, die Militärkapelle übt ein letztes Mal. Bundeskanzlerin und Staatspräsident sitzen Seite an Seite auf der Rückbank der Präsidentenlimousine. Die gemeinsame Fahrt die Prachtavenue Champs-Elysées zum Triumphbogen hinauf ist die erste freundschaftliche Geste an einem an Freundschaftsgesten reichen Vormittag.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Den Triumphbogen, an dem sich Frankreich zu den großen Stunden seiner Geschichte versammelt, zieren deutsche Fahnen. Die Champs-Elysées sind mit flaggengroßen Fotos der deutsch-französischen Herrscherpaare der Nachkriegszeit geschmückt: Adenauer und De Gaulle, Brandt und Pompidou, Schmidt und Giscard, Kohl und Mitterrand, Schröder und Chirac. Die im frostigen Wind flatternde Ahnenreihe zeigt, hier soll der historische Moment beschworen werden, hier wollen sich Zwei ins Geschichtsbuch ein- und die Saga vom „Geschenk der Freundschaft“ fortschreiben, für das die Bundeskanzlerin später danken wird. Eine der legendären Figuren der deutsch-französischen Aussöhnung, der frühere Präsident Valéry Giscard d'Estaing, ist leibhaftig erschienen, die Kanzlerin begrüßt ihn aufs herzlichste mit Wangenküsschen.

          Harmonische Silhouette in Schwarz

          Dann stehen sie nebeneinander, die Bundeskanzlerin im schwarzen Mantel, der Präsident im schwarzen Mantel, sie schütteln Hände der geladenen Ehrengäste, immer wieder gleitet der Kanzlerin ein Lächeln über die Lippen, als sei sie jetzt, an der Seite des „lieben Nicolas“, wie sie es in ihrer Rede mehrmals sagen wird, in einem tiefen Vertrauen geborgen. Sie schreiten zu Zweit die Truppen ab, sie umrunden fast den ganzen Platz, eine harmonische Silhouette in Schwarz. Soldaten der deutsch-französischen Brigade in Kampfanzügen stehen Spalier, als sie sich der Flamme über dem Grab des Unbekannten Soldaten nähern.

          „Wir stehen hier symbolisch für den Willen von zwei Völkern, die Erinnerung an den Schrecken des Krieges wach zu halten”

          Ein blondes Mädchen und ein blonder Bub – man ahnt, dass es sich um ein französisches und ein deutsches Kind handeln muss – stellen sich an die Seite von Frau Merkel und Sarkozy, um ein lilafarbenes Blumengebinde niederzulegen. Mit einem goldglitzernden Säbel stechen sie in die Flamme, bis diese mit voller Kraft aufflackert. Jedes Jahr zum 11. November haben französische Staatspräsidenten das getan, seit 1920, manche waren der Zeremonie an grauen, oft nasskalten Novembertagen leid.

          Sarkozy aber genießt es, der Nation am freien Tag ein neues, ein deutsch-französisches Erinnern unter jenem Triumphbogen zu bieten, in den die Orte der militärischen Siege der französischen Armeen gemeißelt sind. „Wir gedenken nicht des Sieges eines Volkes über ein anderes“, sagt der Präsident. „Wir stehen hier symbolisch für den Willen von zwei Völkern, die Erinnerung an den Schrecken des Krieges wach zu halten.“

          Er spricht vom Leid der französischen und deutschen Kriegswaisen, vom Schmerz der deutschen und französischen Mütter vor den Särgen ihrer gefallenen Söhne, er spricht alle Soldaten, die deutschen und die französischen von der Verantwortung für den „mörderischen Wahn der Kriegslogik“ frei. Er erwähnt, dass es 1918 nicht gelungen sei, einen dauerhaften Frieden zu schaffen, „auch wegen der mangelnden Großzügigkeit der Sieger“.

          Warnung vor dem Vergessen

          Zuvor hatte Sarkozy vor dem Vergessen gewarnt, jetzt, „wo alle Zeitzeugen verschwunden sind“. Er warnt, „die Geschichte möge nicht die Erinnerung töten“. Er will den Ersten Weltkrieg nicht allein den Geschichtsbüchern anvertrauen, und er will Deutschland, dessen Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg jene vom Ersten Weltkrieg verdrängt hat, mitnehmen bei diesem Unterfangen.

          Der letzte französische Veteran des Ersten Weltkriegs ist Anfang vergangenen Jahres gestorben, Sarkozy erwähnt ihn ausdrücklich, ihn und die Millionen anderen: „Frankreich kann jene nicht vergessen, die ihr Leben für das Vaterland opferten.“ Ihr Vermächtnis sei der Appell: „Nie wieder Krieg!“.

          „Wir stehen hier im Bewusstsein unserer Geschichte“, antwortet die Bundeskanzlerin. Das Geschehene könne nicht ungeschehen gemacht werden. Aber es gebe die „Kraft der Versöhnung“, sagt sie. „Deutschland weiß um die Kraft der Versöhnung, denn wir durften sie erfahren“, sagt sie und klingt dabei ein wenig wie eine Pastorin, aber genau das erwartet Frankreich, einen feierlichen, einen andächtigen Tonfall. Frankreich habe Deutschland nach dem Krieg versöhnlich die Hand gereicht. „Deutschland wird das nie vergessen.“ Sie wolle darüber wachen, dass Deutschland und Frankreich nie wieder „künstliche Feindbilder“ aufbauten, sagt sie. „Ein Gegeneinander kennt nur Verlierer, ein Miteinander nur Gewinner.“

          Die Kanzlerin schließt den Bogen zum Gedenken an den 20. Jahrestag des Mauerfalls vor zwei Tagen, spricht von den unschätzbaren Gütern der „Freiheit und des Friedens“. Sie dankt dafür, dass auch in Paris des Mauerfalls gedacht wurde. Die Feier auf dem Place de la Concorde sollte das „verpatzte Rendez-vous“ von damals vergessen machen, das Frankreich rückblickend Präsident Mitterrand und dessen Vorbehalten gegen die Wiedervereinigung anlastet. Präsident Sarkozy nimmt in Kauf, dabei seinen sozialistischen Vorgänger vom Sockel des großen Europäer zu stoßen. Zugleich verblasst auch das Bild des Händedrucks Mitterrands mit Bundeskanzler Kohl über den Gräbern von Verdun vor einem Vierteljahrhundert. Unter dem Triumphbogen erklingt Beethovens Ode an die Freude. Dann rauscht die Bundeskanzlerin in ihrer Limousine davon. Präsident Sarkozy genießt noch das Bad in der Menge.

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