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Nahost-Konflikt : Eine neue Welle der Gewalt?

Das zerstörte Haus von Abu al Ata, dem Kommandeur der nördlichen Division des „Palästinensischen Islamischen Dschihads“ (PIJ) Bild: dpa

Nach der schwersten Eskalation des Nahost-Konflikts seit längerem ist bei den Menschen im Gazastreifen und in Israel die Angst zurückgekehrt.

          3 Min.

          Die Straßen von Gaza-Stadt sind am Dienstag fast menschenleer. Die Großstadt wirkt wie verlassen. Am Morgen hatten mehrere Explosionen viele Bewohner geweckt. Den ganzen Vormittag über waren immer wieder laute Detonationen zu hören. Am Himmel lassen sich die Spuren der Raketen beobachten, die aus dem palästinensischen Gebiet in Israel abgeschossen wurden. Mehr als 80 sind es bis zum frühen Nachmittag. Etwa zwanzig fing das israelische Abwehrsystem „Iron Dome“ ab.

          Christian Meier

          Redakteur in der Politik.

          Viele Israelis wagen sich nicht auf die Straßen. Immer wieder kommt der Verkehr zum Erliegen. Ein im Internet verbreiteter Videofilm zeigt, wie eine Rakete an einer Straßenkreuzung einschlägt. Im Süden Israels wurden auch mehrere Wohnhäuser beschädigt. Es ist die Rede von mehreren Verletzten. Sobald die Sirenen aufheulten, suchten die Menschen kauernd auf dem Boden Schutz und flüchteten in die Schutzräume – nicht nur im Süden, nahe der Grenze zu Gaza, sondern auch am Rand der Großstadt Tel Aviv. Der Zugverkehr wurde eingestellt, Banken und Universitäten blieben geschlossen, wie auch die Schulen in Teilen des Landes.

          Seit dem großen Gaza-Krieg im Sommer 2014 war das nicht mehr geschehen. Die Armee ordnete an, dass „verzichtbare“ Angestellte zu Hause bleiben sollten. Ein Sprecher sagte, man erwarte, dass die Auseinandersetzungen mehrere Tage dauern könnten. Im Lauf des Vormittags griff die israelische Armee im Gazastreifen mehrere Ziele an. Dabei wurden nach Angaben des Gesundheitsministerium im Gazastreifen ein Palästinenser getötet und mehrere Personen verletzt.

          Die schwerste Eskalation seit langer Zeit hatte wenige Stunden zuvor begonnen: In der Nacht zum Dienstag tötete das israelische Militär nach eigenen Angaben in Zusammenarbeit mit dem Inlandsgeheimdienst Bahaa Abu al Ata mit einem gezielten Luftschlag. Der 42 Jahre alte Abu al Ata war der Kommandeur der nördlichen Division des „Palästinensischen Islamischen Dschihads“ (PIJ), der zweitgrößten islamistischen Organisation im Gazastreifen, nach der Hamas. Westliche Regierungen haben die Gruppe wegen zahlreicher Attentate und Raketenangriffe schon seit Jahren als Terrororganisation eingestuft. Bei dem israelischen Luftangriff um vier Uhr morgens im Osten von Gaza-Stadt wurden nach Angaben des PIJ Abu al Ata und seine Frau getötet. Laut palästinensischen Medienberichten wurden auch zwei seiner Kinder schwer verletzt. Knapp zwei Stunden später flogen dann die ersten Raketen in Richtung Israels.

          In der israelischen Stadt Sderot kämpfen Feuerwehrleute nach einem Raketenangriff aus dem Gazastreifen am Dienstag gegen die Flammen

          In Jerusalem gab am Mittag Ministerpräsident Benjamin Netanjahu eine Erklärung ab. Bahaa Abu al Ata sei eine „tickende Bombe“ gewesen, sagte Netanjahu, er habe „zahlreiche Angriffe initiiert, geplant und durchgeführt“. Er sei für Hunderte von Raketenangriffen auf israelische Orte verantwortlich. Die israelische Armee ergänzte, der PIJ-Kommandeur habe weitere Attacken geplant, die unmittelbar bevorgestanden hätten. In Gaza reagierte der PIJ sofort: „Wir ziehen in den Krieg. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat alle roten Linien überschritten. Wir werden mit aller Macht antworten“, drohte PIJ-Generalsekretär Ziad al Nakhala am Dienstag laut Presseberichten. Die in Gaza regierende Hamas-Organisation teilte in einer Erklärung mit, Abu al Atas Tod werde „nicht ungestraft bleiben“.

          Raketenangriffe als Botschaft

          In den vergangenen Jahren hatte Israel weitgehend auf gezielte Tötungsaktionen in Gaza verzichtet. In der Nacht zum Dienstag kam es jedoch offenbar zur gleichen Zeit in der syrischen Hauptstadt Damaskus zu einem zweiten Angriff auf einen PIJ-Kommandeur. Nach Angaben der staatlichen syrischen Nachrichtenagentur Sana wurden bei dem Luftangriff auf Akram al Ajouri sein Sohn und eine weitere Person getötet. Auch der PIJ bestätigte den Angriff. In einer Erklärung bezeichnete die Gruppe den „kriminellen zionistischen Feind“ als Urheber. 

          Die Attacken auf die beiden PIJ-Führer könnten eine neue Welle der Gewalt einleiten. Seit dem Sommer war es an der Grenze zwischen Israel und Gaza fast zwei Monate lang vergleichsweise ruhig geblieben – bis zum vorletzten Freitag: Nachdem aus dem Gazastreifen zehn Raketen abgefeuert worden waren, bombardierte das israelische Militär Einrichtungen der Hamas. Ein Palästinenser wurde getötet. Hinter den Raketenangriffen stand der „Islamische Dschihad“. Bahaa Abu al Ata soll sie angeordnet haben. Er galt als einflussreicher Kommandeur, der für sich in Anspruch nahm, seine Entscheidungen alleine zu treffen – auch gegen den Willen der Hamas oder der Führung des PIJ.

          Die Raketenangriffe waren zugleich eine Botschaft an die Bewohner Gazas: Bahaa Abu al Ata machte damit deutlich, dass er und nicht die regierende Hamas den bewaffneten „Widerstand“ gegen Israel anführt. Die israelischen Bombardierungen wiederum waren ein Signal an die Hamas, die dafür sorgen soll, den PIJ und Abu al Ata wieder unter Kontrolle zu bekommen. 

          Kritik an Netanjahu

          Am Dienstag fiel die Reaktion des israelischen Militärs nach Einschätzung von Beobachtern zunächst vergleichsweise moderat aus. Es wurde sogar der Vorwurf erhoben, Netanjahu sei dieses Mal zu zurückhaltend. Nicht nur aus den Reihen der Opposition, sondern auch aus Netanjahus Likud-Partei waren solche Stimmen zu hören.

          Diese Kritik kommt für den amtierenden Regierungschef zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Denn Netanjahu kämpft derzeit um sein politisches Überleben. Er stellt sich dabei als der einzige Politiker dar, der die Sicherheit Israels garantieren könne. Am Dienstag deutete Netanjahu an, dass die Militäraktion im Gazastreifen keine Frage von Stunden sei. „Das kann dauern“, sagte er: „Wir brauchen Geduld, wir brauchen kühle Köpfe, wir müssen es der Armee ermöglichen, ihre Arbeit zu tun.” Israel werde weiter gezielte Tötungen vornehmen, sollte das erforderlich sein, teilte die Armee mit.

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