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Proteste in Gaza : Ins Feuer gelaufen

Brennende Reifen gegen Israel: Ein palästinensischer Protestler an der Grenze zu Israel Bild: Reuters

Mindestens 17 Palästinenser wurden bei Protesten erschossen – viele von israelischen Scharfschützen. Nun steht das Militär in der Kritik. Und die Hamas instrumentalisiert die Toten.

          7 Min.

          Die Mitarbeiter der Hamas-Öffentlichkeitsabteilung hatten ein langes Wochenende. Über der Tür des bröckelnden Betonrohbaus im Norden von Gazastadt hängt ein Plastikplakat, darauf das blasse Bild eines Jungen und der übliche Schriftzug der „Islamischen Widerstandsbewegung“. Hier in der Gegend wohnte Badr Sabag, und jetzt haben sich die Verwandten im Elternhaus versammelt, um ihnen und den Geschwistern des Erschossenen zu kondolieren: die Männer in der speckigen Sofaecke, die Frauen und Kinder in der Küche. Muhammad war dabei, als sein zwanzig Jahre alter Bruder erschossen wurde. Er zeigt Fotos voller Blut und rotgetränkter Verbände aus dem Krankenwagen und ein Handyvideo aus dem Leichenschauhaus, auf dem es dann nicht mehr aus Badrs Kopf blutet. Zu sehen ist ein kleines Einschussloch am unteren Hinterkopf und ein Krater auf Badrs Stirn, das Austrittsloch.

          Jochen Stahnke
          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          „Ich bin gegen 11 Uhr vormittags am Freitag mit ein paar Freunden an die Grenze gegangen“, sagt der 28 Jahre alte Muhammad, „Badr kam gegen 15 Uhr nach mit ein paar Freunden, wir waren ungefähr vierhundert Meter weg von dem Zaun.“ Badr habe ihm noch erzählt, dass einem Cousin gerade ins Bein geschossen worden sei. Dann habe Badr ihn um eine Zigarette gebeten. „Mir ist langweilig“, habe er gesagt. Andere Augenzeugen berichten, dass Palästinenser ungefähr zu dieser Zeit mit Steinen in Richtung des Zaunes geworfen hätten. Dahinter hatte Israel einen Erdwall aufgeschüttet, auf dem entlang der Grenze mehr als einhundert Scharfschützen lagen.

          Muhammad sagt, um sie herum hätten viele andere Demonstranten gestanden, sie seien nicht die einzigen an dieser Stelle gewesen. Hatte der Scharfschütze vermutet, die Zigarettenschachtel hätte ein Molotow-Cocktail sein können? Und wenn ja, rechtfertigt das einen Kopfschuss? „Wir wissen exakt, wo jeder unserer Schüsse gelandet ist“, teilte die Sprechereinheit der israelischen Streitkräfte später auf Twitter mit, bis sie die Mitteilung wieder löschte. Verteidigungsminister Avigdor Lieberman sagte: „Alle unsere Truppen verdienen eine Medaille.“

          Badr habe einen Job in einer Metallwerkstatt gehabt. Sein Bruder sagt: „Wenn wir gewusst hätten, dass so viel geschossen wird, dann wären wir nicht hingegangen.“ Weder er noch Badr noch jemand anders aus der Familie sei Mitglied irgendeiner Partei. „Zwei Leute der Hamas kamen vorbei, haben dieses Plakat aufgehängt, kondoliert und sind wieder gegangen“, sagt ein Familienmitglied, das auf dem Sofa sitzt. „Sie haben bisher nichts für uns getan, und jetzt haben sie auch nichts für uns getan.“ Muhammad sagt, er sei stolz auf seinen Bruder.

          Badr ist einer von mindestens 17 Palästinensern, die am Freitag an verschiedenen Orten entlang der Grenze im Gazastreifen erschossen wurden. Er und drei weitere Tote sollen aus Gazastadt stammen. Bei den drei anderen Getöteten handelt es sich nach Angaben der israelischen Armee um Mitglieder bewaffneter Organisationen. Die Hamas sagt, fünf der 17 Toten gehörten zu ihr. Sie und dreißigtausend weitere Menschen hatten an einer Veranstaltung teilgenommen, die palästinensische Organisationen einen friedlichen „Marsch der Rückkehr“ nannten. Zu einem wirklichen Marsch kam es nicht. Einige Palästinenser gingen und liefen auf den Grenzzaun zu, warfen Steine und zündeten Reifen an. Es endete in einem Blutbad, das es in Gaza seit dem letzten Krieg 2014 nicht mehr gegeben hat: Am frühen Freitagmorgen war ein Bauer von einer Panzergranate auf seinem Feld getötet worden. Im Laufe des Tages wurden vierzehn Demonstranten erschossen. Und abseits der Demonstrationen griffen am Freitagabend zwei Bewaffnete mit Sturmgewehren eine Grenzanlage an und wurden ebenfalls getötet, ihre Leichen nach Israel verbracht. Insgesamt achthundert Menschen wurden von scharfer Munition getroffen, siebenhundert weitere durch Tränengas und Gummigeschosse verletzt.

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