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Gazastreifen : Das Feuer kommt am Nachmittag

„Dass sich die Regierung nicht richtig kümmert, beschämt mich“: Rami Gold während eines Löscheinsatzes. Bild: Ouique Kierszenbaum

Seit Wochen lassen Palästinenser aus dem Gazastreifen brennende Ballons nach Israel fliegen. Die Bewohner der Kibbuzim müssen sich überwiegend selbst helfen.

          5 Min.

          Rami Gold ist einer dieser in die Jahre gekommenen Kibbuzniks, denen man ihr Alter nicht ansieht. Öl an den Fingern, Ruß auf der sonnenverbrannten Haut und seinem Baumwollpullover, den er auch bei vierzig Grad trägt und unter dem sich Muskeln abzeichnen. Rami Gold ist von einer solchen Direktheit, dass es nach einer halben Minute ist, als treffe man einen entfernten Verwandten. „Ich mag Menschen“, sagt Gold, „alle Menschen.“ Gerade will er diese Lebenshaltung erklären und mit seinem Kibbuz und Israel verbinden, da plärrt das Funkgerät. Wieder ein Feuer im Nationalpark. Gold springt auf sein Quad-Fahrzeug, an dem ein Anhänger mit Schlauch und Wassertank hängt.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Er fährt es im Stehen und rast über Geröll, Äste und Sand auf die Rauchsäule zu, die zwischen dem Gazastreifen und seinem Kibbuz hängt. Die Feuer beginnen immer gegen Mittag, wenn der Wind dreht und von der Küste des Gazastreifens westwärts weht. Dann pumpen sie im Gazastreifen Kondome und Luftballons mit Helium auf, tränken Stoffsackfetzen mit Benzin, stecken diese in Plastiktüten und befestigen sie an den Ballons. Für die Israelis sind sie in der Sonne kaum zu erkennen. Hunderte will die Armee mittels Drohnen in der Luft abgeschossen haben, aber Hunderte weitere Ballons hat sie nicht gestoppt. Es geht alles so schnell, da fressen sich die Flammen schon ins Unterholz.

          Rami ist der Schnellste. Zwar hat er mit seinem Quad nicht viel mehr als ein paar hundert Liter Löschwasser im Hänger, doch gehe es darum, die ersten Flammen schnell zu ersticken, um Schlimmeres zu verhindern. „Unterholz wächst nach, aber wenn erst die Bäume brennen, haben wir ein Problem“, sagt Gold. Verbrannter Eukalyptus wächst wieder, Pinien sterben sofort. Minuten später kommt ein achträdriges Flugfeld-Löschfahrzeug der Armee im Acker neben Gold zum Stehen, das die Militärführung vom Flughafen Sde Dov in den Süden abgezogen hat. Geländefahrzeuge der Nationalparkverwaltung, der regulären Feuerwehr und des Kibbuz eilen dazu. Nach zehn Minuten sind die Flammen gelöscht, aber die zehn Minuten reichen aus, um einen fußballfeldgroßen schwarzen Fleck in die trockene Landschaft zu brennen.

          Seit Wochen greifen Palästinenser aus Gaza die israelische Nachbarschaft mit Brandballons und präparierten Lenkdrachen an, ohne dass Armee und Behörden ein Gegenmittel gefunden haben. Mehr als 700 Feuer brachen aus, mehr als 2800 Hektar Wald- und bepflanztes Ackerland verbrannten, was langsam der Fläche von Tel Aviv entspricht. Menschen sind bislang nicht zu Schaden gekommen. Die Gegenden um die Kibbuzim Be’eri und Kissufim sind am schlimmsten betroffen.

          Noch sind es meist Warnschüsse

          Ministerpräsident Benjamin Netanjahu will wegen der Ballons keinen Krieg gegen die islamistische Hamas beginnen. Sein Koalitionspartner und Konkurrent Naftali Bennett aber, Vorsitzender der Siedlerpartei, fordert Luftschläge gegen jede Person im Gazastreifen, die Ballons aufsteigen lässt. In einer denkwürdigen Sitzung des Sicherheitskabinetts kam es jetzt zu einem Wortgefecht zwischen Bennett und Generalstabschef Gadi Eizenkot. Der Militärchef sagte, es seien vornehmlich Teenager, welche die Ballons steigen lassen, woraufhin Bennett fragte, was sei, wenn man Erwachsene identifiziere, die sich an Ballons zu schaffen machen: Er forderte den Abwurf von Bomben auf diese Menschen. Eizenkot erwiderte, „das ist gegen meine operativen und moralischen Positionen“.

          Während Rami Gold die Flammen löscht, schießt ein Kampfflugzeug mit der Bordkanone in Richtung einer Gruppe, die als Ballon-Einheit identifiziert wurde, wie das Militär später mitteilt. Noch sind es meist Warnschüsse. In der vergangenen Woche indessen lieferten sich Israel und die Islamisten die wohl heftigste Auseinandersetzung seit dem Gazakrieg vor vier Jahren. Auslöser waren nicht nur die Ballons, sondern auch der Handgranatenwurf auf einen israelischen Offizier am Demarkationszaun, wo Palästinenser seit Wochen gegen die Blockade und für eine Rückkehr ins heutige Israel demonstrieren. Israelische Scharfschützen haben dabei insgesamt mehr als 130 Menschen erschossen, am vorvergangenen Freitag kamen zwei weitere hinzu. In der Folge warf ein Palästinenser eine Handgranate auf den Offizier, der leicht verletzt wurde. Daraufhin flog Israels Luftwaffe Angriffe auf Einrichtungen der Hamas. Die Hamas und mit ihr Verbündete feuerten mehr als einhundert Mörsergranaten und fast fünfzig Raketen in die israelische Umgebung, woraufhin Israel weitere Luftangriffe flog.

          Trotz der militärischen Intensität wurden kein Israeli und kein Hamas-Mitglied getötet, was annehmen lässt, dass beiden Seiten an wirkmächtigen Zeichen gelegen ist, aber nicht an Opfern der anderen Seite. Israels Bomben trafen, wie vorher angekündigt, menschenleere Hamas-Trainingsgelände und schwächen die Islamisten militärisch kaum. Die Hamas wiederum, die jahrelang auf Raketenangriffe auf Israel verzichtet hatte, feuerte mit kleinerem Kaliber in überwiegend offenes Gelände. Ägyptische Vermittlung sorgte dafür, dass beide Seiten ihr Feuer eingestellt haben. Vorerst: Israel fordert auch die Einstellung der Ballon-Angriffe, während die Hamas behauptet, diese nicht vollständig zu kontrollieren. Die Ballons sind so etwas wie ein letztes Verhandlungsmittel der bedrängten Islamisten, die in Gaza ein Gebiet kontrollieren, das vor dem finanziellen und endgültigen humanitären Kollaps steht. Für Israel allerdings stellen sie keine strategische Gefahr dar, die ernsthafter Zugeständnisse bedürfte.

          „Ich bin beschämt“

          Doch steigt der Druck in Israel auf Netanjahu und Verteidigungsminister Avigdor Lieberman, endlich etwas gegen die Ballons zu unternehmen. Lieberman droht, wenn der „Terror“ und die „Provokationen“ nicht aufhörten, führe dies zu einer militärischen Operation. Eine Strafmaßnahme beschränkt neuerdings den noch erlaubten Warenverkehr zwischen Israel und Gaza auf wenige humanitäre Güter, zudem wurden die Lieferung von Treibstoff abermals verringert und die Fangzone für palästinensische Fischer auf läppische drei Seemeilen verkleinert. Diese Maßnahmen treffen vor allem die Zivilbevölkerung. Aber deren Wohlbefinden gehört nicht zu den wichtigsten Zielen der Hamas-Regierung.

          „Ich fühle mit den Leuten in Gaza“, sagt Rami Gold. „Sie leiden unter der Hamas weit mehr als wir.“ Gold und andere Familien stehen bis heute in Kontakt mit ehemaligen palästinensischen Arbeitern, die bis zur Abriegelung des Gazastreifens im Kibbuz Be’eri beschäftigt waren. Immer noch überweise der Kibbuz ihnen manchmal etwas Geld, sagt Gold. „Für mich sind Menschen gleich.“ Aber seit die Ballons fliegen, habe sich auch sein Herz etwas gehärtet. „Du willst zerstören, was mein ist, und ich lasse dich das nicht tun“, sagt Gold. Fünf Kinder hat er im Kibbuz großgezogen. „Ich gehe hier nicht weg, und wenn wir alles alleine machen müssen.“ Es dauerte mehr als hundert Tage, bis der Ministerpräsident jetzt zum ersten Mal in die Region kam. Ein Krisentreffen wegen Luftballons, diesen Propagandaerfolg für die Hamas wollte Netanjahu vermeiden. Schließlich besuchte Netanjahu nicht die Kibbuzim um Gaza, deren Wähler größtenteils anderen Parteien zuneigen. Er fuhr in die Stadt Sderot ganz in der Nähe.

          „Alles, was ich dazu sagen kann, ist: Ich bin beschämt“, sagt Rami Gold. Nur eine diplomatische Lösung könne wirklich etwas ändern, dann würden beide Seiten gewinnen. „Ob der Ministerpräsident jetzt kommt oder nicht, macht keinen Unterschied – aber dass sich die Regierung hier nicht richtig kümmert, beschämt mich.“ So sind es in großer Zahl Freiwillige wie er, die im Kampf gegen die Flammen stehen. Sie kennen die Region am besten. Gold gibt den jungen Feuerwehrleuten der Armee und der Löschmannschaft vom Jüdischen Nationalfonds Anweisungen, den Funkverkehr koordiniert der örtliche Naturschutzbeauftragte. Viele der einfachen Feuerwehrleute gehören zur arabisch-israelischen Minderheit. Die Feuerwehr aus Sderot hat den Freiwilligen einen Crashkurs in Löscharbeit verschafft, was den Kibbuzniks vor allem aus versicherungsrechtlichen Gründen hilft. Schutzkleidung tragen sie hier immer noch nicht. Aber der Zusammenhalt ist riesig. Rang oder Beruf spielt keine Rolle, die Alten sagen den Jungen, was zu tun ist.

          Der Wind wird immer stärker, und bis zum Nachmittag brechen rund um den Kibbuz Be’eri sieben weitere Feuer aus. Gold rast von einem Flammenherd zum nächsten. Seit Mai macht er das, und er sagt, er hoffe jeden Tag, dass es morgen aufhört.

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