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Gazastreifen : Das Feuer kommt am Nachmittag

„Dass sich die Regierung nicht richtig kümmert, beschämt mich“: Rami Gold während eines Löscheinsatzes. Bild: Ouique Kierszenbaum

Seit Wochen lassen Palästinenser aus dem Gazastreifen brennende Ballons nach Israel fliegen. Die Bewohner der Kibbuzim müssen sich überwiegend selbst helfen.

          Rami Gold ist einer dieser in die Jahre gekommenen Kibbuzniks, denen man ihr Alter nicht ansieht. Öl an den Fingern, Ruß auf der sonnenverbrannten Haut und seinem Baumwollpullover, den er auch bei vierzig Grad trägt und unter dem sich Muskeln abzeichnen. Rami Gold ist von einer solchen Direktheit, dass es nach einer halben Minute ist, als treffe man einen entfernten Verwandten. „Ich mag Menschen“, sagt Gold, „alle Menschen.“ Gerade will er diese Lebenshaltung erklären und mit seinem Kibbuz und Israel verbinden, da plärrt das Funkgerät. Wieder ein Feuer im Nationalpark. Gold springt auf sein Quad-Fahrzeug, an dem ein Anhänger mit Schlauch und Wassertank hängt.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Er fährt es im Stehen und rast über Geröll, Äste und Sand auf die Rauchsäule zu, die zwischen dem Gazastreifen und seinem Kibbuz hängt. Die Feuer beginnen immer gegen Mittag, wenn der Wind dreht und von der Küste des Gazastreifens westwärts weht. Dann pumpen sie im Gazastreifen Kondome und Luftballons mit Helium auf, tränken Stoffsackfetzen mit Benzin, stecken diese in Plastiktüten und befestigen sie an den Ballons. Für die Israelis sind sie in der Sonne kaum zu erkennen. Hunderte will die Armee mittels Drohnen in der Luft abgeschossen haben, aber Hunderte weitere Ballons hat sie nicht gestoppt. Es geht alles so schnell, da fressen sich die Flammen schon ins Unterholz.

          Rami ist der Schnellste. Zwar hat er mit seinem Quad nicht viel mehr als ein paar hundert Liter Löschwasser im Hänger, doch gehe es darum, die ersten Flammen schnell zu ersticken, um Schlimmeres zu verhindern. „Unterholz wächst nach, aber wenn erst die Bäume brennen, haben wir ein Problem“, sagt Gold. Verbrannter Eukalyptus wächst wieder, Pinien sterben sofort. Minuten später kommt ein achträdriges Flugfeld-Löschfahrzeug der Armee im Acker neben Gold zum Stehen, das die Militärführung vom Flughafen Sde Dov in den Süden abgezogen hat. Geländefahrzeuge der Nationalparkverwaltung, der regulären Feuerwehr und des Kibbuz eilen dazu. Nach zehn Minuten sind die Flammen gelöscht, aber die zehn Minuten reichen aus, um einen fußballfeldgroßen schwarzen Fleck in die trockene Landschaft zu brennen.

          Seit Wochen greifen Palästinenser aus Gaza die israelische Nachbarschaft mit Brandballons und präparierten Lenkdrachen an, ohne dass Armee und Behörden ein Gegenmittel gefunden haben. Mehr als 700 Feuer brachen aus, mehr als 2800 Hektar Wald- und bepflanztes Ackerland verbrannten, was langsam der Fläche von Tel Aviv entspricht. Menschen sind bislang nicht zu Schaden gekommen. Die Gegenden um die Kibbuzim Be’eri und Kissufim sind am schlimmsten betroffen.

          Noch sind es meist Warnschüsse

          Ministerpräsident Benjamin Netanjahu will wegen der Ballons keinen Krieg gegen die islamistische Hamas beginnen. Sein Koalitionspartner und Konkurrent Naftali Bennett aber, Vorsitzender der Siedlerpartei, fordert Luftschläge gegen jede Person im Gazastreifen, die Ballons aufsteigen lässt. In einer denkwürdigen Sitzung des Sicherheitskabinetts kam es jetzt zu einem Wortgefecht zwischen Bennett und Generalstabschef Gadi Eizenkot. Der Militärchef sagte, es seien vornehmlich Teenager, welche die Ballons steigen lassen, woraufhin Bennett fragte, was sei, wenn man Erwachsene identifiziere, die sich an Ballons zu schaffen machen: Er forderte den Abwurf von Bomben auf diese Menschen. Eizenkot erwiderte, „das ist gegen meine operativen und moralischen Positionen“.

          Während Rami Gold die Flammen löscht, schießt ein Kampfflugzeug mit der Bordkanone in Richtung einer Gruppe, die als Ballon-Einheit identifiziert wurde, wie das Militär später mitteilt. Noch sind es meist Warnschüsse. In der vergangenen Woche indessen lieferten sich Israel und die Islamisten die wohl heftigste Auseinandersetzung seit dem Gazakrieg vor vier Jahren. Auslöser waren nicht nur die Ballons, sondern auch der Handgranatenwurf auf einen israelischen Offizier am Demarkationszaun, wo Palästinenser seit Wochen gegen die Blockade und für eine Rückkehr ins heutige Israel demonstrieren. Israelische Scharfschützen haben dabei insgesamt mehr als 130 Menschen erschossen, am vorvergangenen Freitag kamen zwei weitere hinzu. In der Folge warf ein Palästinenser eine Handgranate auf den Offizier, der leicht verletzt wurde. Daraufhin flog Israels Luftwaffe Angriffe auf Einrichtungen der Hamas. Die Hamas und mit ihr Verbündete feuerten mehr als einhundert Mörsergranaten und fast fünfzig Raketen in die israelische Umgebung, woraufhin Israel weitere Luftangriffe flog.

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