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Gazastreifen : Das Feuer kommt am Nachmittag

Trotz der militärischen Intensität wurden kein Israeli und kein Hamas-Mitglied getötet, was annehmen lässt, dass beiden Seiten an wirkmächtigen Zeichen gelegen ist, aber nicht an Opfern der anderen Seite. Israels Bomben trafen, wie vorher angekündigt, menschenleere Hamas-Trainingsgelände und schwächen die Islamisten militärisch kaum. Die Hamas wiederum, die jahrelang auf Raketenangriffe auf Israel verzichtet hatte, feuerte mit kleinerem Kaliber in überwiegend offenes Gelände. Ägyptische Vermittlung sorgte dafür, dass beide Seiten ihr Feuer eingestellt haben. Vorerst: Israel fordert auch die Einstellung der Ballon-Angriffe, während die Hamas behauptet, diese nicht vollständig zu kontrollieren. Die Ballons sind so etwas wie ein letztes Verhandlungsmittel der bedrängten Islamisten, die in Gaza ein Gebiet kontrollieren, das vor dem finanziellen und endgültigen humanitären Kollaps steht. Für Israel allerdings stellen sie keine strategische Gefahr dar, die ernsthafter Zugeständnisse bedürfte.

„Ich bin beschämt“

Doch steigt der Druck in Israel auf Netanjahu und Verteidigungsminister Avigdor Lieberman, endlich etwas gegen die Ballons zu unternehmen. Lieberman droht, wenn der „Terror“ und die „Provokationen“ nicht aufhörten, führe dies zu einer militärischen Operation. Eine Strafmaßnahme beschränkt neuerdings den noch erlaubten Warenverkehr zwischen Israel und Gaza auf wenige humanitäre Güter, zudem wurden die Lieferung von Treibstoff abermals verringert und die Fangzone für palästinensische Fischer auf läppische drei Seemeilen verkleinert. Diese Maßnahmen treffen vor allem die Zivilbevölkerung. Aber deren Wohlbefinden gehört nicht zu den wichtigsten Zielen der Hamas-Regierung.

„Ich fühle mit den Leuten in Gaza“, sagt Rami Gold. „Sie leiden unter der Hamas weit mehr als wir.“ Gold und andere Familien stehen bis heute in Kontakt mit ehemaligen palästinensischen Arbeitern, die bis zur Abriegelung des Gazastreifens im Kibbuz Be’eri beschäftigt waren. Immer noch überweise der Kibbuz ihnen manchmal etwas Geld, sagt Gold. „Für mich sind Menschen gleich.“ Aber seit die Ballons fliegen, habe sich auch sein Herz etwas gehärtet. „Du willst zerstören, was mein ist, und ich lasse dich das nicht tun“, sagt Gold. Fünf Kinder hat er im Kibbuz großgezogen. „Ich gehe hier nicht weg, und wenn wir alles alleine machen müssen.“ Es dauerte mehr als hundert Tage, bis der Ministerpräsident jetzt zum ersten Mal in die Region kam. Ein Krisentreffen wegen Luftballons, diesen Propagandaerfolg für die Hamas wollte Netanjahu vermeiden. Schließlich besuchte Netanjahu nicht die Kibbuzim um Gaza, deren Wähler größtenteils anderen Parteien zuneigen. Er fuhr in die Stadt Sderot ganz in der Nähe.

„Alles, was ich dazu sagen kann, ist: Ich bin beschämt“, sagt Rami Gold. Nur eine diplomatische Lösung könne wirklich etwas ändern, dann würden beide Seiten gewinnen. „Ob der Ministerpräsident jetzt kommt oder nicht, macht keinen Unterschied – aber dass sich die Regierung hier nicht richtig kümmert, beschämt mich.“ So sind es in großer Zahl Freiwillige wie er, die im Kampf gegen die Flammen stehen. Sie kennen die Region am besten. Gold gibt den jungen Feuerwehrleuten der Armee und der Löschmannschaft vom Jüdischen Nationalfonds Anweisungen, den Funkverkehr koordiniert der örtliche Naturschutzbeauftragte. Viele der einfachen Feuerwehrleute gehören zur arabisch-israelischen Minderheit. Die Feuerwehr aus Sderot hat den Freiwilligen einen Crashkurs in Löscharbeit verschafft, was den Kibbuzniks vor allem aus versicherungsrechtlichen Gründen hilft. Schutzkleidung tragen sie hier immer noch nicht. Aber der Zusammenhalt ist riesig. Rang oder Beruf spielt keine Rolle, die Alten sagen den Jungen, was zu tun ist.

Der Wind wird immer stärker, und bis zum Nachmittag brechen rund um den Kibbuz Be’eri sieben weitere Feuer aus. Gold rast von einem Flammenherd zum nächsten. Seit Mai macht er das, und er sagt, er hoffe jeden Tag, dass es morgen aufhört.

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