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Gaza-Streifen : Umgeben von ideologischen Freunden

Der ägyptische Präsident Muhammad Mursi und der Hamas-Führer Ismail Hanija auf einem Plakat der Hamas in Gaza-Stadt
          4 Min.

          Abu Muhammad ist zufrieden. Er hat seine Sandalen abgestreift und es sich auf einer alten Matratze im Schatten eines Baumes bequem gemacht. Über das Mobiltelefon gibt der Palästinenser mit dem kurz geschorenen Haar seine Anweisungen. „Wir sind wieder bei siebzig Prozent. Aber ich hatte davor große Verluste“, sagt der Geschäftsmann aus Rafah. Mit einer müden Kopfbewegung nach links und nach rechts deutet er an, womit er sein Geld verdient: Früher war Abu Muhammad Bauer, heute besitzt er zwei Schmuggeltunnel - und ist wahrscheinlich längst Millionär. Doch im August konnten seine Arbeiter drei Wochen lang keinen Zement- oder Mehlsack aus Ägypten in Gaza ans Tageslicht hieven.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Kaum hatte in Kairo der aus der Muslimbruderschaft stammende Muhammad Mursi sein Amt als Staatspräsident angetreten, ging in Rafah gar nichts mehr. „Drüben haben die Ägypter 150 Tunnel zerstört. In Gaza ließ uns die Hamas nicht an die Eingänge“, berichtet Abu Muhammad, der aus Angst vor der Polizei seinen richtigen Namen nicht nennen will. Hinter ihm stehen zwei Mann mit Maschinenpistolen an einem Kontrollpunkt; in der Ferne flattert eine ägyptische Fahne im heißen Wind. Erst langsam normalisiert sich wieder der Betrieb in den mehr als tausend Schmuggeltunneln zwischen Ägypten und dem von der Hamas regierten Gazastreifen. Auch der einzige Personenübergang in Rafah ist wieder geöffnet.

          Keine Besserung

          Von Mursi hatten sich die Menschen in Gaza und besonders die Hamas, die den Muslimbrüdern sehr nahe steht, viel mehr erwartet: Sie hofften, dass er die Grenze nach Ägypten ganz öffnet. Stattdessen ließ Mursi Tunnel sprengen und den überirdischen Grenzübergang in Rafah wochenlang schließen. Der Terroranschlag auf einen Grenzposten im ägyptischen Teil von Rafah Anfang August verdarb den Islamisten vorerst ihre grenzüberschreitenden Flitterwochen. Aus Angst davor, dass Angreifer nach Gaza fliehen könnten, riegelten Mursi und Hamas-Führer Ismael Hanija die Grenze ab. Kurz zuvor hatte die Hamas in Gaza noch riesige Plakate aufhängen lassen. Darauf schütteln sich Hanija und Mursi die Hände; im Hintergrund sind die Al-Aqsa-Moschee und die Pyramiden zu sehen. „So schlecht wie im August war es auch unter Mursis Vorgänger Mubarak“, schimpft ein Passant.

          Das Abfertigungsgebäude am Grenzübergang in Rafah erstrahlt in neuen Farben. Sogar Marmor haben die reichen Geber vom Golf spendiert. Doch das neue schmiedeeiserne Tor nach Ägypten öffnet sich nur selten. „Ich bin im Bus Nummer 14. Seit acht Uhr morgens warte ich schon. Meinen Termin in Kairo kann ich vergessen“, sagt Khalil Malhut. Über zwei Monate hat der Arbeiter aus Gaza-Stadt auf die Genehmigung gewartet, um nach Kairo ins Krankenhaus zu fahren. Dort ist er im Juni an der Wirbelsäule operiert worden, aber die Schmerzen lassen nicht nach. Wenn Malhut Glück hat, ist er nach acht Stunden endlich im ägyptischen Teil von Rafah. Dann sind es noch einmal sechs Stunden im Bus nach Kairo - viel zu spät für den Arzttermin.

          Hoffnung auf längere Grenzöffnung

          Gut tausend Menschen durchqueren mittlerweile wieder jeden Tag das einzige Tor zur Außenwelt für die 1,6 Millionen Einwohner des Gazastreifens. Etwa 30.000 waren es im Durchschnitt jeden Monat in der ersten Hälfte dieses Jahres. Vor Beginn der israelischen Abriegelung im Jahr 2007 waren es mehr als 40.000. Auch hier hatten Mursi und seine Freunde von der Hamas viel mehr versprochen. Sie hatten den Einwohnern von Gaza Hoffnungen gemacht, dass die Grenze in Rafah zwölf statt acht Stunden am Tag offen bleibt und täglich 1500 Reisende den Übergang nutzen dürfen. Doch mit dem Terror auf dem Sinai sind beide Seiten von den Zwängen des politischen Alltags eingeholt worden: Statt die Reisefreiheit auszubauen, wollen sie sicherstellen, dass keine radikalen Salafisten zwischen Gaza und Ägypten hin und her reisen und ihre Regierungen mit Anschlägen herausfordern.

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