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Gaza-Krieg : „Israel schafft sich hier seinen Feind für die Zukunft“

Palästinenser sitzen am 18. Mai in den Trümmern ihres Hauses in Gaza-Stadt, das durch einen israelischen Angriff zerstört wurde. Bild: AFP

Die humanitäre Lage im Gazastreifen spitzt sich nach einer Woche israelischer Angriffe zu, es gibt Zehntausende Binnenflüchtlinge. Die Forderungen nach einer Waffenruhe werden lauter.

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          Zu Beginn der zweiten Kriegswoche im Gazastreifen spitzt sich dort die humanitäre Lage zu. Eine große Wasseraufbereitungsanlage ist aus Strommangel außer Betrieb, Abwasserrohrsysteme sind zerstört, das Trinkwasser wird knapp. Der Diesel für das Elektrizitätswerk geht zur Neige. Höchstens fünf Stunden Strom soll es jetzt noch am Tag geben.

          Jochen Stahnke
          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Mehr als 40.000 Binnenflüchtlinge haben sich aus den besonders heftig bombardierten Teilen des Küstenstreifens in Sicherheit gebracht. Viele von ihnen haben sich in Schulen der Vereinten Nationen begeben, die darauf nicht vorbereitet sind. Am Dienstag öffnete Israel die Übergänge Erez und Kerem Shalom für eine kurze Zeit für Lastwagen humanitärer Organisationen, schloss sie nach einem Mörserangriff in der Gegend jedoch wieder.

          Während die Milizen im Gazastreifen ihren Raketenbeschuss in den vergangenen beiden Tagen stark reduziert haben, griff Israel weitere Ziele an. „In diesem Moment höre ich Beschuss im Hintergrund, aus der Luft, von See und mit Artillerie“, sagt Omar Shaban, ein Politikwissenschaftler in Gaza-Stadt, der F.A.Z. telefonisch. Seit Tagen habe er das Haus nicht verlassen. „Zeitweise gibt es 150 Luftangriffe innerhalb von dreißig Minuten auf dieses winzige Gaza mit seinen 360 Quadratkilometern“, kritisiert Shaban. „Die Leute sind so wütend, Israel schafft sich hier seinen Feind für die Zukunft.“ Die Bewohner des Gazastreifens erlebten ihren vierten Krieg binnen weniger Jahre, ohne dass sich grundsätzlich etwas ändere.

          Zwar ist ein Waffenstillstand näher gerückt. Der amerikanische Präsident Joe Biden hatte in einem Telefonat mit Ministerpräsident Benjamin Netanjahu am Montagabend erstmals klar seinen Willen nach einer Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas ausgedrückt. Zugleich hob Biden abermals hervor, Israel habe ein Recht auf Selbstverteidigung gegen den Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen. Netanjahu sagte am Dienstag, die israelische Operation habe die Hamas „um Jahre zurückgeworfen“. Er kündigte zugleich an, die Angriffe würden „so lange wie nötig“ fortgesetzt, „bis die Bürger Israels wieder Ruhe haben“.

          Wann es eine Waffenruhe geben könnte, bleibt also weiter ungewiss. „Jede Minute zählt“, sagt Shaban. „Jede weitere Minute können Menschen getötet werden.“ Nach Angaben der Gesundheitsbehörden in Gaza wurden bei israelischen Luft- und Artillerieschlägen bislang mindestens 213 Menschen getötet; 61 von ihnen waren Kinder, auch zwei bekannte Ärzte kamen ums Leben. Ein israelischer Militärsprecher sagt, 160 der Getöteten seien Kämpfer der Islamisten gewesen.

          Eine palästinensische Familie flieht am 18. Mai innerhalb Gazas vor israelischen Angriffen.
          Eine palästinensische Familie flieht am 18. Mai innerhalb Gazas vor israelischen Angriffen. : Bild: AP

          Von den Hochhäusern, die Israel unter Verweis darauf zerstört hatte, dass in einzelnen Wohnungen darin auch die Hamas Einrichtungen betrieben habe, seien einige erst nach dem Krieg von 2014 wieder aufgebaut worden, berichtet Shaban. „Jetzt soll die internationale Gemeinschaft wieder zwei, drei Milliarden Dollar für den Wiederaufbau bereitstellen“, kritisiert er. „Ich sage: Investiert das in Frieden.“

          Auf dem Al-Aqsa-Plateau gibt es jetzt auch Hamas-Flaggen 

          Über die Hamas in Gaza dagegen sagt Shaban wenig. „Wir sehen die nicht, wir reden mit ihnen nicht.“ Die Gewalteskalation der Hamas verglich der Politikwissenschaftler mit einer in die Ecke getriebenen Katze. „Wenn sie keinen Ausweg mehr weiß, dann beißt sie.“ So liege der unmittelbare Grund der Angriffe in den israelischen Polizeieinsätzen gegen muslimische Betende während des Ramadans in Jerusalem. „Palästinenser in Gaza, dem Westjordanland, Israel und Jerusalem haben als eine Nation reagiert, sie waren sehr wütend auf die Einschränkung der Gebete in der Al-Aqsa-Moschee.“

          Hinzugekommen seien die angedrohten Zwangsräumungen im nahe gelegenen Scheich-Jarrah-Viertel, außerdem die Absage der palästinensischen Wahl. Schließlich hatten sich Hoffnungen auf einen neuen Ansatz zu Friedensverhandlungen nach dem Regierungswechsel in Washington zerschlagen.

          Die 14 Jahre währende Isolation in Gaza und die Jahre der Nichtlösung der Palästina-Frage hätten die Frustration und Radikalisierung nur befördert, sagt Shaban. Auf dem Al-Aqsa-Plateau sind jetzt auch Hamas-Flaggen zu sehen gewesen. Erstmals seit Jahrzehnten kam es sowohl im Westjordanland und in Ostjerusalem als auch in vielen arabischen Städten in Israel zu einem gemeinsamen Generalstreik. Hunderttausende Palästinenser legten ihre Arbeit nieder, um gegen Gewalt gegen Araber in Israel, gegen die Zwangsräumungen in Jerusalem und gegen die Militärkampagne in Gaza zu protestieren.

          Währenddessen ignorierte die Hamas eine Bedingung Israels für eine Waffenruhe: die Einstellung jeglichen Feuers. Raketen der Milizen trafen eine israelische Fabrik in der Umgebung des Gazastreifens. Dabei wurden zwei thailändische Gastarbeiter getötet.

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