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Gaucks Besuch bei Hollande : Im Geiste der Versöhnung

In seiner Rede spricht er zwar vor allem über das Gute, das Europa zustande gebracht hat, über dessen „inneres Baugesetz“. Doch taucht auch das Kritische aus dem Gespräch mit Hollande vom Vorabend auf. „Europa“, sagt Gauck, „das war doch nach dem Zweiten Weltkrieg ein großes Versprechen.“ Das habe mit dem „Wunder“ der deutsch-französischen Aussöhnung begonnen. Bei Licht betrachtet, habe es sich allerdings weniger um ein Wunder gehandelt, als um das Ergebnis der engagierten und auch nüchternen Arbeit „kluger und verständigungsbereiter“ Politiker.

Ebenso sei die Aussöhnung das Werk vieler Gelehrter und Künstler, die auf der jeweils anderen Seite des Rheins mit großer Aufmerksamkeit wahrgenommen worden seien. Als „nur ein einziges Beispiel“ nennt er die intensive Lektüre der Bücher von Albert Camus in Deutschland. Da berührt er das Thema, das seine Lebensgefährtin am Tag zuvor so beschäftigt hatte.

Gauck macht Mut, aber spart die dunklen Seiten nicht aus

Noch eine Stufe höher steigt Gauck auf der Leiter hin zum Erfreulichen der Entwicklung Europas: „In den Jahren nach 1989 erstrahlte das europäische Versprechen noch einmal in ganz neuem Glanz.“ Das Versprechen von Freiheit und Solidarität, von Partizipation und Demokratie, von Liberalität und Rechtsstaatlichkeit, das auch ein Erbe der Französischen Revolution sei, habe nun für den ganzen Kontinent gegolten, nicht nur für dessen westlichen Teil. Was folgt, lässt sich ahnen: „Gegenwärtig aber haben viele von uns das Gefühl, dass vor unseren Augen dieses Versprechen verblasst und dass unter unseren Händen ein Werk zu zerrinnen scheint, das wir alle für so sicher und für so fest gegründet hielten.“

Einerseits macht Gauck Mut und gründet ihn auf die europäischen, gerade von der französischen Hauptstadt ausstrahlenden Werte wie „menschliche Vernunft und Urteilskraft“, die Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Schein, das Selbstbewusstsein einer christlichen Welt, die „politische Durchsetzung von Rechten verschiedenster Lebensformen“. Andererseits spart er die dunklen Seiten nicht aus wie die Unterdrückung Andersgläubiger.

Gegen Ende kommt Gauck zu dem Urteil, dass Europa neben dem Guten viel Schreckliches hervorgebracht und erlebt habe: „Alle denkbaren Grausamkeiten sind hier begangen worden. Es gibt wahrhaftig keinen Grund, ein goldglänzendes Bild von Europa zu malen. Es gab nie ein goldenes Zeitalter und es wird es vermutlich auch niemals geben.“ Es gebe nur den immer wieder neu zu beginnenden Kampf für Humanität, für Freiheit und Recht, für Frieden, Gerechtigkeit und Demokratie.

Doch es bleibt nicht bei der einen Ehrung. Kurz nach seiner Rede an der Sorbonne fährt Gauck zur Académie Francaise gegenüber dem Louvre. Dorthin wurde er von den Mitgliedern, die sich heute noch die „Unsterblichen“ nennen, zum intellektuellen Austausch eingeladen. Eine seltene Auszeichnung, die als letztem Deutschen vor Gauck dem Bruder Friedrichs des Großen vor 228 Jahren zuteil wurde. Wie andere Gäste vor ihm, hat auch Gauck über einen ihm zuvor genannten Begriff zu sprechen: Romantik. Man hätte gern gehört, wie der belesene Gauck, der allerdings politisch nicht gerade ein Romantiker ist, sich im Kreise der französischen Intellektuellen schlägt. Leider bleiben diesmal die Türen für die Öffentlichkeit geschlossen.

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