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Gauck in den Niederlanden : Gebt uns die Pferde zurück!

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„Toll, dass Sie jetzt wagen, den Bundespräsidenten einzuladen“

Der Junge staunt, als die älteren Herrschaften des örtlichen Komitees erzählen, wie es in den Fünfzigern zuging: Touristen aus dem Nachbarland wurde „Heim ins Reich“ entgegengeschmettert, Schulen unterrichteten kein Deutsch mehr, für Reisen nach Österreich wählten viele den Umweg über Belgien, Frankreich und die Schweiz. „Toll, dass sie es jetzt wagen, den Bundespräsidenten einzuladen“, sagt die Vertreterin der Gemeinde Zaltbommel im Komitee. „Vor 20 Jahren wäre er wohl noch mit Eiern beworfen worden.“

Auf der Feier, auf der sie Arjan zum Sieger des Gedichtwettbewerbs kürten, sprach einer der wenigen überlebenden Juden aus Zaltbommel über die Besatzungszeit. Er tat es zum ersten Mal. „Erst wollte er nicht. Es ist verrückt, aber er lebt immer noch in der Angst, dass sie ihn abholen, weil sie ihn damals übersehen haben“, berichten die Organisatoren. Doch der alte Mann wollte eine Botschaft loswerden: Seine Altersgenossin Tilly sei zu Unrecht als „Moffenhure“ beschimpft worden. Sie sei im Widerstand gewesen und habe sich nur mit Wehrmachtssoldaten eingelassen, um sie auszuhorchen.

Ressentiments haben nie lange gehalten - außer im Fußball

Eine Freundin seiner Mutter, die noch lebt und mit ihr in den Lagern einsaß, gab Gé Reinders mit auf den Weg nach Ravensbrück, von ihr solle er die Moffen bitte nicht grüßen. Von seiner Mutter kannte Reinders solche Töne nicht. Ed van Thijns Vater war nicht das einzige Opfer der Nazis, das bald nach dem Krieg wieder Geschäfte mit Deutschen machte. Joop Snep lehnte es nur deshalb ab, die Niederlassung einer deutschen Firma zu leiten, weil er anderes zu tun hatte - sein Bruder bekam die Stelle. In Windeseile knüpfte die niederländische Wirtschaft nach dem Krieg an alte Zeiten an. Im vergangenen Jahr verkaufte das Land in Deutschland mehr Waren als China und investierte mehr als die Amerikaner. Ressentiments haben nie lange gehalten.

Außer im Fußball. „Wir Limburger sind gemütliche Leute“, sagt Gé Reinders. Umso mehr schockierte ihn 1988 der Krawall während der Europameisterschaft. Damals hatte Oranje die Deutschen im Halbfinale besiegt, für viele eine Art Revanche für den Krieg. 2010, als die Deutschen bei der WM den Einzug ins „Droomfinale“ gegen Holland verpassten, blieb es friedlich. „Aber irgendwer hat sich doch die Mühe gemacht“, sagt Gé Reinders belustigt, „an die erste Autobahnbrücke diesseits der Grenze ein Banner zu hängen: ,Willkommen im Land des Vizeweltmeisters’.“ Im Juni treffen beide Mannschaften bei der EM aufeinander. Dann werden selbst junge Holländer nach ein paar Bierchen „Gebt uns die Fahrräder zurück!“ rufen. Die Wehrmacht klaute damals alles, was Räder hatte, und der Spruch lebte in den Fankurven fort. „Nur hier auf dem Land war es etwas anders“, erklärt Gé Reinders, „hier sagt man: Gebt uns die Pferde zurück.“ Als er die Geschichte seiner Mutter erforschte, sagten ihm Dorfbewohner: „Selbst ein guter Deutscher hat noch ein Pferd geklaut.“

Joop Snep hat sich jahrzehntelang um die Vergangenheit wenig geschert. Er baute den väterlichen Betrieb aus und trieb Leistungssport. 1947 fuhr er mit der Amsterdamer Handball-Mannschaft nach Wanne-Eickel. „Im Bus haben wir uns diebisch gefreut, als wir die zerstörten Fabriken im Ruhrgebiet sahen“, erzählt er. „Aber in Holland gab es einfach keine guten Mannschaften, an denen wir uns hätten messen können.“

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