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Gauck in den Niederlanden : Gebt uns die Pferde zurück!

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Das Tuch von Gé Reinders Mutter, auf dem die Stationen ihrer Gefangenschaft stehen

In Maastricht erfuhr er aus einer Gefängnisakte, dass seine Mutter mit 51 anderen Widerständlern festgenommen wurde. Unklar blieb, warum nur sie im Juni 1944 ins Konzentrationslager Vught bei Den Bosch kam. „Plötzlich machte ich mir Sorgen um jemanden, der gar nicht mehr lebte.“ Später lernte Reinders immerhin, dass im KZ Dachau gar keine Frauen einsaßen. Als Zwangsarbeiterin lebte seine Mutter in einem Münchner Gefängnis, das die Dachauer Lagerleitung verwaltete. „Unsere größte Angst hatte sich geirrt.“ Reinders hat über seine Suche ein Buch geschrieben und ist mit dem Bühnenprogramm „Helden“ durch die Niederlande gereist. Vor ein paar Tagen hat er in der Gedenkstätte des KZ Ravensbrück gesprochen: „Kann man der Geschichte ins Auge sehen, bekommt man wieder Luft.“

Ed van Thijn spricht seit langem über die Geschichte. Der Achtundachtzigjährige ist Innenminister und Bürgermeister von Amsterdam gewesen, noch vor ein paar Jahren saß er für die Sozialdemokraten im Senat. Auch er hatte Glück. „Aber Glück ist das falsche Wort, denn Menschen haben ihr Leben für mich riskiert.“ Der Jude, den sein Vater durch eine List aus dem „Durchgangslager“ Westerbork zu retten verstand, weiß von vier Menschen, die ihm halfen und dafür mit ihrem Leben bezahlten. „Ich hatte 18 Adressen während des Kriegs“, sagt Ed van Thijn. In Wahrheit hatte er nie eine Anschrift: Nicht in den Gefängnissen, in die man ihn sperrte, nicht in den Familien aus Süd- und Nordholland, die ihn versteckten, nicht auf der Station für ansteckende Krankheiten im jüdischen Spital, wohin sich die Deutschen nicht trauten. Ed van Thijn war als Zehnjähriger auf sich gestellt, musste sich anpassen, las mal in einer Calvinistenfamilie aus der Bibel vor oder betete bei Katholiken zu Maria. Schließlich wurde er doch verraten und kam wieder nach Westerbork. Da streikten die Eisenbahner schon, die Deutschen hatten den Krieg faktisch verloren. Ed van Thijn wurde nicht abtransportiert.

Heute rühmt Ed van Thijn die deutsche Demokratie

Mit seinen Eltern und Mitschülern hat auch er nie darüber gesprochen. Aber als Bundespräsident Gustav Heinemann 1969 in Amsterdam einen Kranz für die Toten niederlegte und der junge Politiker Ed van Thijn dann Willy Brandt kennenlernte, hörte er auf, in allen Deutschen Feinde zu sehen. Das Nachbarland hatte er vorher schon bereist. Sein Vater hatte nach Kriegsende als Textilfabrikant wieder Geschäfte mit deutschen Firmen eingefädelt, und in der Politik kam man um Bonn-Besuche nicht herum. „Aber ich sah nur die grünen Uniformen der Polizisten, und alles hat sich in mir verkrampft.“ Heute rühmt Ed van Thijn die deutsche Demokratie, schwärmt vom Holocaust-Mahnmal und bescheinigt den Deutschen, weniger rassistisch zu sein als seine Landsleute. Mit Joachim Gauck saß er im Verwaltungsrat der Europäischen Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.

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