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Gauck in den Niederlanden : Gebt uns die Pferde zurück!

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„Wir haben das Schweigen geerbt“

Grada van Horen hatte in einem Dorf nahe der deutschen Grenze gelebt, nicht weit von Mönchengladbach. Sie überlebte drei Nazi-Lager. Aber sie hat ihre Geschichte nie erzählt. „Wir kannten nur Anekdoten“, sagt ihr Sohn Gé Reinders, den sie 1953 zur Welt brachte. Der Liedermacher wohnt in dem Städtchen Roermond, in das die Deutschen noch heute regelmäßig einfallen, wenn an Feiertagen in Nordrhein-Westfalen die Geschäfte geschlossen bleiben. Manchmal erwähnte Reinders’ Mutter ein Silvesterschauspiel, mit dem die Häftlinge das Jahr 1944 verabschiedet hätten. In Dachau. „Dachau war das schlimmste Wort meiner Kindheit.“ Fragen stellte er der Mutter nie. „Sie fing sofort an zu weinen.“ 1985 starb sie. „Wir haben das Schweigen geerbt.“

1999 schrieb der Sänger das Lied „Mien moder in ’45“, wie immer auf Limburger Platt. Die sechs Strophen über seine Mutter im Jahr 1945 erzählen von einer mageren Frau im Sträflingsanzug, die bei Agfa hatte arbeiten müssen, bis ihr ein schwarzer Soldat einen Schokoriegel gab, die zig Formulare ausfüllen musste, erster Klasse durch die Schweiz reiste, in Lyon wieder in einen Güterzug verfrachtet wurde und schließlich entsetzt in der zerstörten Heimat ankam, das Grab ihres Bruders im Garten entdeckte und für den Rest ihres Lebens von Albträumen zurück ins Lager getrieben wird. Viel mehr als er da sang, wusste Gé Reinders selbst nicht.

Gé Reinders ist holländischer Liedermacher, seine Mutter war im KZ

Erst vor einigen Jahren fand er das Taschentuch. Rot, nicht viel größer als eine Hand, fadenscheinig, eingerissen, bunt bestickt mit niederländischen Worten: „Für Gott und Vaterland - 17. Mai Roermond - 12. Juni Maastricht - 23. Juni Vught Baracke 4, 9, 8, 7 - September Ravensbrück 8 und 28 - München.“ Eine Journalistin kam, die für ein Handarbeitsmagazin über Stickereien schrieb, welche Frauen in Konzentrationslagern anfertigten. „Ihre Mutter hat es nicht allzu schwer gehabt“, urteilte sie, dafür seien Stoff und Garn zu gut. Gé Reinders wurde so wütend, dass er sich auf die Suche begab, sechzig Jahre nach Kriegsende, zwanzig Jahre nach dem Tod der Mutter.

Er begann die Suche in ihrem Heimatdorf. Alte Frauen berichteten ihm, die junge Lehrerin Grada van Horen habe 1944 wie so viele andere Dorfbewohner Juden versteckt - und britische Piloten, die auf dem Weg ins Ruhrgebiet über der Provinz Limburg abgeschossen wurden. Heute weiß Gé Reinders, dass die Sechs-Dörfer-Gemeinde mit ihren 8000 Einwohnern, die ausgerechnet Helden heißt, zeitweise 800 Menschen Schutz bot. Gé Reinders bekam Ärger mit Leuten, deren Mütter ihm Dinge anvertrauten, die sie daheim totschwiegen. Er merkte, dass eine ganze Generation unter der Stille litt.

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