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Gastbeitrag : Winter statt Frühling für Syriens Christen

  • -Aktualisiert am

Waffen für die syrische Opposition? Viele der Rebellen gehören zu salafistischen und wahhabitischen Gruppen und verbreiten Angst und Terror Bild: dapd

Viele Fundamentalisten in der syrischen Opposition haben ein klares Feindbild: Nicht nur der Sturz Assads, sondern auch die Vertreibung der Christen ist ihr Ziel. Das sollten die EU-Außenminister bedenken, die in Dublin über eine Aufhebung des Waffenembargos für Syrien beraten.

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          Christen nach Beirut, Alawiten in den Sarg“, so hallt es in den syrischen Gassen überall dort, wo sich islamistische Oppositionelle befinden. Die Fundamentalisten, die einen großen Teil der syrischen Opposition ausmachen, haben ein klares Feindbild: Nicht nur der Sturz Assads, sondern auch die Ermordung der Minderheiten und die Vertreibung der Christen sind ihre Ziele.

          Hoffentlich werden diese Parolen auch in den Gängen von Dublin Castle gehört, wo sich heute die EU-Außenminister treffen. Das, was Christen und anderen Minderheiten in Syrien droht, ist nicht vergleichbar mit dem „Arabischen Frühling“ in Ägypten, Libyen oder Tunesien: Es geht um das nackte Überleben religiöser Minderheiten.

          Warnungen vor einem Genozid

          Der Krieg nimmt zunehmend konfessionelle Züge an. Sollte das Assad-Regime fallen, haben die Minderheiten Schlimmstes zu befürchten. Der UN-Sonderberater zur Prävention von Völkermord, Adama Dieng, warnt bereits vor einem Genozid. Christen und Muslime in Syrien kämpfen Seite an Seite gegen radikale Islamisten, zum großen Teil Al-Qaida-Anhänger, die aus dem Ausland nach Syrien eingeschleust werden.

          Verborgen bleibt in mancher Syrien-Berichterstattung das Bild eines Volkes, das gegen ausländische bewaffnete Rebellen kämpft, die mit Gewalt und öffentlichen Hinrichtungen Angst und Terror unter den Syrern verbreiten und diese einschüchtern wollen.

          Der Präsident des Bundesnachrichtendienstes Gerhard Schindler betonte in diesen Tagen, dass dschihadistische und terroristische Gruppen, vor allem die Al-Nusra-Front, die auch von den Vereinigten Staaten als terroristisch eingestuft wird, in der syrischen Opposition immer mehr Einfluss gewinnen.

          Es ist unverantwortlich, in einer solchen Situation Waffen an die syrische Opposition zu liefern, wie dies Frankreichs Präsident Hollande und Großbritanniens Premierminister Cameron vorschlagen. Wichtiger wäre es, jetzt gemeinsam mit Russland auf alle Kriegsparteien Druck auszuüben, damit alle Beteiligten in sofortige Verhandlungen eintreten.

          Massaker an Alawiten sind keine Einzelfälle. Für diese Minderheit ist es nicht mehr möglich, in Zonen zu leben, in denen die Rebellen dominieren, sie flüchten, um nicht getötet zu werden. Und in „befreiten Gebieten“ werden als erstes Scharia-Gerichte eingeführt.

          Die Bischöfe von Aleppo warnen vor einer eskalierenden Gewalt gegen Christen. Sie forderten zu einem Dialog aller Kriegsparteien in Syrien auf, die Rebellen aber lehnen Gespräche ab. Auch muslimische Würdenträger lehnen alle Formen der Gewalt ab. Der Großmufti von Syrien Ahmad Badr al-Din Hassun betont, die Eskalation solle lediglich dem Zweck dienen, das Land entlang konfessioneller Grenzen zu teilen und es damit zu destabilisieren. Er habe die Rebellen eingeladen, konstruktive Gespräche zu führen, auch mit der Regierung, die ihre Bereitschaft zu Gesprächen seit Beginn an deutlich formuliert hat. Die vom Ausland gesteuerten und bewaffneten Gruppen sind seiner Einladung nicht gefolgt.

          Islamistische Gruppen unterstützt von diktatorischen Regimen

          Die Geschehnisse sind zu dramatisch, um von Ironie des Schicksals zu sprechen. Aber Teile der Rebellen in Syrien gehören genau zu den salafistischen und wahhabitischen Gruppen, die in Mali von Frankreich bekämpft werden. Islamistische, bewaffnete Gruppen, unterstützt von diktatorischen Regimen wie Saudi-Arabien und Qatar, marschieren ungebeten in Länder ein, wo sie weltliche, gemäßigte und mystische Strömungen des Islams sowie andere konfessionelle Gruppierungen bekämpfen, ohne Rücksicht auf menschliche oder kulturelle Verluste zu nehmen. Sie beseitigen alles, was ihnen über den Weg läuft.

          Alawiten, Schiiten und andere gemäßigte Strömungen des Islams werden von Islamisten und Ländern wie Saudi-Arabien als Ketzer und als unislamisch angesehen. Geradezu bizarr ist eine europäische Außenpolitik, die die Rebellen in Syrien als „Freiheitskämpfer“ glorifiziert und die gleichen Kämpfer mit den gleichen Methoden und Zielen, wenn auch bei unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen, in Mali als Terroristen bekämpft.

          Es liegt auch an Deutschland, jetzt zu einer differenzierten Sicht des Konflikts zu kommen und dafür in der Europäischen Union einzutreten. Der „Arabische Frühling“ droht für die Christen und andere religiöse Minderheiten schon jetzt zu einem „bitteren Winter“ zu werden. Waffenlieferungen an die Rebellen beschleunigen die menschliche Katastrophe.

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