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Gastbeitrag von Präsident Moon : Die Großartigkeit des Einfachen

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Moon Jae-in, Präsident der Republik Korea, sieht jeden Einzelnen in der Pflicht, um eine neue Ordnung des Friedens und Kooperation zu etablieren. Bild: AFP

Nur wenn einfache Bürger das Schicksal der Welt mit dem eigenen gleichsetzen, ist eine Neuordnung der Welt möglich. Die Geschichte und Gegenwart Südkoreas zeigen, was Bürgerengagement bewirken kann, schreibt der Präsident der Republik Korea in seinem Gastbeitrag.

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          Die Krisen der Welt müssen von den einfachen Bürgern gelöst werden. Sie können weder von einem einzelnen Staat noch durch die weisen Einsichten irgendeines überragenden Politikers bewältigt werden. Vielmehr ist es wichtig, dass ein jeder Mensch aufwacht und aktiv wird.

          Im Jahr 1980 entstand im südkoreanischen Gwangju die Demokratiebewegung, die sich gegen den Putsch des Militärs richtete. Zahllose Bürgerinnen und Bürger verloren durch staatlich angeordnete Gewalt ihr Leben. Diese Ereignisse lieferten den Menschen in Südkorea zwei Erkenntnisse und eine Verpflichtung.

          Die erste Erkenntnis war, dass all jene, die sich der staatlich organisierten Gewalt entgegengestellt hatten, ganz gewöhnliche Menschen waren. Die zweite Erkenntnis war, dass es den Bürgerinnen und Bürgern Gwangjus gelungen war, sich selbst zu organisieren und der staatlichen Gewalt mit Selbstdisziplin zu begegnen. Die Verpflichtung, die blieb, war, die Wahrheit über Gwangju zu verbreiten. Dies war die Aufgabe der südkoreanischen Demokratiebewegung.

          Südkoreanerinnen und Südkoreaner wissen sehr genau, dass das großartigste Verhalten einfacher Bürgerinnen und Bürger gegenüber einem Unrechtssystem ein tugendhaftes Verhalten ist. Auch bei der südkoreanischen Kerzenlicht-Revolution im Zusammenhang mit dem Aufbegehren der südkoreanischen Bevölkerung gegen die damalige Regierung im Winter 2016, die über Monate hinweg das gesamte Land erfasste, waren es die einfachen Bürgerinnen und Bürger, die tagtäglich bei bitterer Kälte hinaus auf die Straßen zogen. Ohne einen einzigen gewalttätigen Zwischenfall verteidigten die Bürgerinnen und Bürger Südkoreas auf friedlichste Art und Weise die Demokratie.

          Gemeinschaftlicher Fortschritt durch gesellschaftlichen Konsens

          Die nachhaltige Weiterentwicklung eines Landes ist möglich, wenn das alltägliche Leben der einfachen Bürgerinnen und Bürger von Glück erfüllt ist. Die Republik Korea ist auf dem besten Wege, ein „innovativer, integrativer Staat“ zu werden. Wir streben danach, ein Land zu schaffen, in dem die Bürgerinnen und Bürger mit dem Staat gemeinschaftlich wachsen und alle profitieren.

          Kürzlich ist in Gwangju ein bedeutsamer gesellschaftlicher Kompromiss erzielt worden, durch den zusätzliche Arbeitsplätze bei angemessener Bezahlung geschaffen werden. Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite, Bürgerinnen und Bürger und die Regierung erreichten dies durch gegenseitiges Entgegenkommen sowie die Bereitschaft, zu teilen. Arbeitsplätze, die auf diese Weise entstanden sind, bezeichnet man in Südkorea nun als „Gwangju-Style Jobs“.

          Die Menschen der Republik Korea sind sich durch langjährige Erfahrung bewusst, dass erreichter gemeinschaftlicher Fortschritt durch gesellschaftlichen Konsens für alle Beteiligten das Beste ist, auch wenn dies oft ein langwieriger Prozess ist. So wie Gwangju im Mai 1980 zum Funken für die Demokratisierung wurde, sind die „Gwangju-Style Jobs“ und der dadurch realisierte soziale Kompromiss ein Symbol der Hoffnung für eine neue Zeit sowie Initialzündung für den integrativen Staat.

          Autos von KIA, die in Gwangju von Arbeitern mit „Gwangju-Style Jobs“ produziert wurden.

          Geprägt vom Schicksal und Leid

          Vor einhundert Jahren, am 1. März 1919, begann die koreanische Unabhängigkeitsbewegung, die sich gegen die japanische Kolonialherrschaft richtete. Diese Bewegung ließ ein bürgerliches Bewusstsein entstehen. Die Koreanerinnen und Koreaner erkannten, dass nichts der Macht eines vereinten Willens gleichkommt. Dadurch, dass einfache Bürgerinnen und Bürger ihre Stimme erheben und an Entscheidungsprozessen teilhaben, die ihr Leben betreffen, artikulieren sie ihre Bürgerrechte und ihre Menschenwürde.

          Auch die Geschichte der Teilung Koreas ist befleckt von den Tränen und dem Blut der einfachen Menschen. Der Wille, diese jahrzehntelange, konfliktträchtige Situation endlich zu verändern, war ebenfalls ein Beweggrund dafür, dass Südkoreanerinnen und Südkoreaner mit Kerzen in den Händen auf die Straße gingen. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, das System der Spaltung und des Streits, das die koreanische Halbinsel seit den Tagen des Kalten Krieges fest im Griff hält, grundlegend zu beseitigen und eine neue Ordnung des Friedens, der Koexistenz, der Kooperation und des Wohlstands zu etablieren. In Südkorea wird dies als das „Neue-Koreanische-Halbinsel-System“ bezeichnet.

          Der Beginn des koreanischen Frühlings liegt in Berlin. In meine „Berliner Erklärung“ vom Juli 2017 bezog ich die Wünsche der Kerzenlicht-Revolution ein und forderte Nordkorea auf: „Lasst uns zuerst die einfachen Dinge angehen.“ Dazu gehörten die folgenden vier Punkte: die Teilnahme Nordkoreas an den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang 2018, die Zusammenführung getrennter Familien, die Einstellung gegenseitiger militärischer Feindseligkeiten sowie die Wiederaufnahme von Gesprächen und Kontakten zwischen dem Süden und dem Norden. Erstaunlicherweise konnten alle vier Punkte innerhalb von gerade einmal zwei Jahren realisiert werden.

          Das Schicksal der Welt mit dem eigenen gleichsetzen

          Die Bürgerinnen und Bürger Südkoreas konnten sich keine Vorstellung davon machen, wie es jenseits der Waffenstillstandslinie aussah. Wenn sich einfache Bürgerinnen und Bürger aber ein umfassenderes Bild machen können, wird damit auch eine Befreiung von Ideologien einhergehen. Das Ziel des „Neue-Koreanische-Halbinsel-Systems“ ist es, die einfachen Bürger wieder zu Hauptakteuren ihres eigenen Schicksals werden zu lassen. Ich hoffe sehr, dass wir der Welt zeigen werden, dass die Schaffung von Frieden ihren Anfang und ihre Vollendung schließlich auch im Willen der einfachen Bürger hat.

          Wenn einfache Bürger das Schicksal der Welt mit dem eigenen gleichsetzen, ist eine Neuordnung der Welt möglich. Die Voraussetzungen dafür, dass das Einfache zum Großartigen werden kann, sind nicht nur Freiheit und Gleichheit, sondern auch Gerechtigkeit und Fairness. Die gesamte Welt wird dadurch profitieren, alle werden Rechte erhalten, aus denen Pflichten und Verantwortungen erwachsen.

          Schließlich werden wir die Welt auf friedliche Weise Stück für Stück verändern, und miteinander teilen, was allen gehört. Genau auf die Art und Weise, die dem alltäglichen Leben einfacher Bürger entspricht – um es mit den Worten Johann Wolfgang von Goethes zu sagen, „ohne Hast, aber ohne Rast“.

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