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Gastbeitrag von Präsident Moon : Die Großartigkeit des Einfachen

  • -Aktualisiert am
Autos von KIA, die in Gwangju von Arbeitern mit „Gwangju-Style Jobs“ produziert wurden.

Geprägt vom Schicksal und Leid

Vor einhundert Jahren, am 1. März 1919, begann die koreanische Unabhängigkeitsbewegung, die sich gegen die japanische Kolonialherrschaft richtete. Diese Bewegung ließ ein bürgerliches Bewusstsein entstehen. Die Koreanerinnen und Koreaner erkannten, dass nichts der Macht eines vereinten Willens gleichkommt. Dadurch, dass einfache Bürgerinnen und Bürger ihre Stimme erheben und an Entscheidungsprozessen teilhaben, die ihr Leben betreffen, artikulieren sie ihre Bürgerrechte und ihre Menschenwürde.

Auch die Geschichte der Teilung Koreas ist befleckt von den Tränen und dem Blut der einfachen Menschen. Der Wille, diese jahrzehntelange, konfliktträchtige Situation endlich zu verändern, war ebenfalls ein Beweggrund dafür, dass Südkoreanerinnen und Südkoreaner mit Kerzen in den Händen auf die Straße gingen. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, das System der Spaltung und des Streits, das die koreanische Halbinsel seit den Tagen des Kalten Krieges fest im Griff hält, grundlegend zu beseitigen und eine neue Ordnung des Friedens, der Koexistenz, der Kooperation und des Wohlstands zu etablieren. In Südkorea wird dies als das „Neue-Koreanische-Halbinsel-System“ bezeichnet.

Der Beginn des koreanischen Frühlings liegt in Berlin. In meine „Berliner Erklärung“ vom Juli 2017 bezog ich die Wünsche der Kerzenlicht-Revolution ein und forderte Nordkorea auf: „Lasst uns zuerst die einfachen Dinge angehen.“ Dazu gehörten die folgenden vier Punkte: die Teilnahme Nordkoreas an den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang 2018, die Zusammenführung getrennter Familien, die Einstellung gegenseitiger militärischer Feindseligkeiten sowie die Wiederaufnahme von Gesprächen und Kontakten zwischen dem Süden und dem Norden. Erstaunlicherweise konnten alle vier Punkte innerhalb von gerade einmal zwei Jahren realisiert werden.

Das Schicksal der Welt mit dem eigenen gleichsetzen

Die Bürgerinnen und Bürger Südkoreas konnten sich keine Vorstellung davon machen, wie es jenseits der Waffenstillstandslinie aussah. Wenn sich einfache Bürgerinnen und Bürger aber ein umfassenderes Bild machen können, wird damit auch eine Befreiung von Ideologien einhergehen. Das Ziel des „Neue-Koreanische-Halbinsel-Systems“ ist es, die einfachen Bürger wieder zu Hauptakteuren ihres eigenen Schicksals werden zu lassen. Ich hoffe sehr, dass wir der Welt zeigen werden, dass die Schaffung von Frieden ihren Anfang und ihre Vollendung schließlich auch im Willen der einfachen Bürger hat.

Wenn einfache Bürger das Schicksal der Welt mit dem eigenen gleichsetzen, ist eine Neuordnung der Welt möglich. Die Voraussetzungen dafür, dass das Einfache zum Großartigen werden kann, sind nicht nur Freiheit und Gleichheit, sondern auch Gerechtigkeit und Fairness. Die gesamte Welt wird dadurch profitieren, alle werden Rechte erhalten, aus denen Pflichten und Verantwortungen erwachsen.

Schließlich werden wir die Welt auf friedliche Weise Stück für Stück verändern, und miteinander teilen, was allen gehört. Genau auf die Art und Weise, die dem alltäglichen Leben einfacher Bürger entspricht – um es mit den Worten Johann Wolfgang von Goethes zu sagen, „ohne Hast, aber ohne Rast“.

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