https://www.faz.net/-gpf-84prp

Gastbeitrag : Flüchtlinge brauchen eine Lebensperspektive

  • -Aktualisiert am

Syrische Flüchtlinge an der Grenze zur Türkei Bild: AP

Millionen Menschen sind auf der Flucht vor Krieg, Gewalt und Elend. Mehr, als die Vereinten Nationen jemals gezählt haben. Was können, was sollten wir Deutschen tun angesichts der Flüchtlingskatastrophe? Ein Gastbeitrag.

          3 Min.

          Weltweit sind 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Mehr, als die Vereinten Nationen jemals gezählt haben. Sie sind auf der Flucht vor Krieg, Gewalt und Elend, vor schweren Konflikten, die sich noch weiter verschärfen, insbesondere in jenem Krisenbogen im Mittleren Osten und Afrika, von wo aus Abertausende den lebensgefährlichen Weg übers Mittelmeer nach Europa wagen. Der Krisentaumel erreicht uns Europäer nicht nur über schockierende Bilder in den Abendnachrichten. Nirgendwo wird uns die Katastrophe in all ihren menschlichen Konsequenzen so unmittelbar deutlich wie in den Geschichten und Gesichtern derer, die Zuflucht bei uns in Deutschland suchen.

          Andrea Nahles ist Bundesministerin für Arbeit und Soziales, Frank-Walter Steinmeier Außenminister. Beide gehören der SPD an.
          Andrea Nahles ist Bundesministerin für Arbeit und Soziales, Frank-Walter Steinmeier Außenminister. Beide gehören der SPD an. : Bild: AFP

          Was können, was sollten wir Deutschen tun angesichts der Flüchtlingskatastrophe? Unser Handeln muss umfassend ansetzen – nach innen und nach außen. Zum einen müssen wir das Übel an der Wurzel packen. Ursache für die meisten dieser Katastrophen sind politische Konflikte, die auch politisch gelöst werden müssen. Letztlich ist es genau das, was sich die Flüchtlinge ersehnen: dass sie in ihre Heimat zurückkehren können, die ihnen wieder Sicherheit und Perspektiven bietet. Deutschland engagiert sich für politische Lösungen in Libyen, in Syrien, im Jemen. Zwar gibt es Fortschritte, aber wir müssen realistisch sein: Politische Lösungsansätze brauchen Zeit. Für komplexe Konflikte gibt es keine einfachen Antworten. Im Gegenteil: Vermeintlich einfache Antworten können sogar Brandbeschleuniger sein – das zeigen die militärischen Interventionen im Irak 2003 und in Libyen 2011.

          Und deshalb tragen wir eine zweite, unmittelbare Verantwortung: für das Leben und die Lebensbedingungen der Menschen, die jetzt auf der Flucht sind. Diese Verantwortung tragen wir bei uns in Europa genauso wie in den Krisenregionen.

          Den Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen, müssen wir hier eine Perspektive eröffnen. Entscheidend ist, dass ein Glied der Kette ins nächste greift. Dass die Kommunen es schaffen, die Flüchtlinge menschenwürdig unterzubringen, traumatisierte und kranke Menschen zu versorgen, einen Kita-Platz, eine Schule für die Kinder zur Verfügung zu stellen. Dafür brauchen sie auch vom Bund zügig zusätzliche finanzielle Unterstützung. Wir müssen ihnen den Zugang zu Arbeit schneller öffnen, unterstützt durch Deutschkurse und Unterstützung bei der Vermittlung. Auch dafür ist zusätzliches Geld nötig. Jungen Menschen, die hier eine Ausbildung machen, müssen wir Bleiberecht geben – über die Ausbildung hinaus, damit der Einstieg in den Beruf gelingt. Wir müssen die Fähigkeiten dieser Menschen nutzbar machen – für ihre, aber auch für unsere Zukunft. Denn wir stehen in Deutschland vor der riesigen Herausforderung der Fachkräftesicherung. Und daher sollten wir in den Flüchtlingen auch die Fachkräfte sehen, die wir immer dringender brauchen.

          Natürlich ist auch der Familiennachzug ein Glied der Kette. Wir haben bereits die Anlaufstellen in den Botschaften und Konsulaten vor Ort aufgestockt und wollen nun beim Familiennachzug und schon vor einem Eintreffen bei uns Unterstützung für eine möglichst schnelle Eingliederung leisten. Nicht alle, die kommen, sind bereits Fachkräfte, aber sie sind meist hochmotiviert. Auch wenn bei manchen der Aufwand für die Integration in Arbeit höher ist, ist das eine gute Investition. Denn wer am Ende in Deutschland merkt: Wenn ich mich anstrenge, kann ich mir hier mit meiner Familie ein neues Leben aufbauen, der kommt wirklich an. Das ist die beste Basis für das künftige Zusammenleben hier in Deutschland.

          Jugendliche Flüchtlinge : „Eine neue Familie – das wäre das Größte“

          Aber die Verantwortung für die Lebenswirklichkeit der Flüchtlinge macht nicht Halt an unseren Grenzen. Die größte Not herrscht in den Krisenherden und ihren unmittelbaren Nachbarregionen, noch weit vor der gefährlichen Fahrt übers Mittelmeer. Elf Millionen Menschen haben allein durch den Bürgerkrieg in Syrien ihr Zuhause verloren. Für sie hat Deutschland bereits eine Milliarde Euro an Hilfen bereitgestellt. Den kleinen Nachbarländern Jordanien und Libanon helfen wir, ihren gesellschaftlichen Zusammenhalt und ihre soziale Infrastruktur unter dem riesigen Flüchtlingsansturm zu erhalten. Im Libanon können 60 Prozent aller Flüchtlingskinder, die zur Schule gehen, dies dank deutscher Hilfe tun. Wir nehmen Flüchtlingsrouten von Ostafrika über die Sahelzone bis ans Mittelmeer in den Blick und wollen Projekte einsetzen, die Flüchtlingen die Integration in die Gesellschaften vor Ort ermöglichen. In Mali und im Niger arbeiten wir mit unseren europäischen Partnern daran, mit zivilen Mitteln mehr Sicherheit und Stabilität zu schaffen.

          Die Flüchtlingskatastrophe vor den Toren Europas betrifft uns Europäer gemeinsam. Und gemeinsam müssen wir Verantwortung tragen. Wir brauchen eine solidarische Flüchtlingspolitik nach innen und nach außen. Hier sind wir noch nicht am Ziel: in der Verteilung von Flüchtlingen innerhalb Europas, in der Chance auf Ausbildung und Arbeit für die Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, und in unserem Engagement für bessere Lebensbedingungen in den Herkunfts- und Transitländern.

          Weitere Themen

          Hat die Prävention ausgedient?

          Suizid-Assitenz : Hat die Prävention ausgedient?

          Jeder hat das Recht auf Hilfe beim Suizid. Das entschied das Bundesverfassungsgericht, nun soll ein Gesetz folgen. Doch wie soll die Selbsttötungen reguliert werden? Ein Gespräch mit der Psychiaterin Ute Lewitzka,

          Topmeldungen

          Arbeiten schon lange erfolgreich zusammen: der CDU-Vorsitzende Armin Laschet (links) und Nathanael Liminski (rechts)

          CDU-Vorsitzender : Laschets Vertraute

          Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident ist jetzt Bundesvorsitzender der CDU – und hat noch einiges vor. Auf wessen Rat hört er?
          Wer suchte den Kontakt zum Gesundheitsminister? Jens Spahn vergangene Woche im Bundestag

          Konsequenzen aus Masken-Affäre : Ein Kodex und Spahns heikle Liste

          Mit Verhaltensregeln und einem „Sanktionsregime“ will die Unionsfraktion auf die Vorwürfe gegen Nikolas Löbel und Georg Nüßlein reagieren. Für Unruhe könnte eine Ankündigung des Gesundheitsministers sorgen.
          Britische Zeitungen am Tag nach dem Interview.

          Harry und Meghan : Rassismus bei den Royals?

          Eine familiäre Seifenoper hat sich in eine kleine Staatsaffäre verwandelt. Wenn sich sogar Boris Johnson äußern muss, wurde tatsächlich eine „Atombombe gezündet“.
          Streitbarer Genosse: Wolfgang Thierse

          Streit über Thierse-Beitrag : Wie „verqueer“ ist die SPD?

          Im Streit über einen F.A.Z. Beitrag von Wolfgang Thierse zur Identitätspolitik hat die SPD-Vorsitzende versagt. In normalen Zeiten hätte eine souveräne Parteiführung zu einer Debatte auf neutralem Boden eingeladen. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.