https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/gangkriminalitaet-wie-el-salvador-die-mordrate-senkte-17502187.html

Mordrate in El Salvador : Am runden Tisch mit den Gangs

Mitglieder der Mara-Salvatrucha-Gang (MS-13) nach einer Festnahme 2017 in San Salvador. Mit deren Anführern soll die Regierung jetzt über eine Verringerung der Mordrate verhandelt haben. Bild: Reuters

Die Regierung von El Salvador soll mit den wichtigsten kriminellen Banden des Landes eine Senkung der Morde ausgehandelt haben. Eine Untersuchungskommission darüber wurde aufgelöst.

          2 Min.

          Die Salvadorianer lieben Nayib Bukele wie keinen anderen Präsidenten zuvor. Der erst vierzig Jahre alte Bukele, der sich locker gibt und mit der Bevölkerung über die sozialen Netzwerke kommuniziert, hat die korrupte Elite wie ein Sturm vom politischen Parkett gefegt. Der zweite Grund für seine hohe Popularität ist die niedrige Mordrate. El Salvador, das immer zu den gewaltsamsten Ländern der Welt zählte, hat seine Mordrate innerhalb kurzer Zeit auf ein historisches Tief gesenkt.

          Tjerk Brühwiller
          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Im Jahr 2015 galt El Salvador mit seinen 6,5 Millionen Einwohnern und 6600 Morden noch als das tödlichste Land der Welt außerhalb von Kriegsgebieten. Fünf Jahre später und anderthalb Jahre nach Bukeles Amtsantritt waren es noch rund 1300 Morde, die niedrigste Zahl seit mehr als zwei Jahrzehnten. Lange wurde darüber spekuliert, wie Bukeles Regierung diese historische Kehrtwende gelingen konnte.

          Investigative Zeitung legt Beweise vor

          Unterdessen ist das Bild etwas klarer. Eine mittlerweile eingestellte Untersuchung des ehemaligen Generalstaatsanwalts von El Salvador hat eine Vielzahl von Beweisen enthüllt, die zeigen, dass die Regierung heimlich mit drei der gefährlichsten und brutalsten Banden des Landes Verhandlungen geführt hatte. Die Beweismittel sowie weitere Recherchen zu dem Fall wurden in den vergangenen Tagen von der investigativen Online-Zeitung „El Faro“ veröffentlicht. Unter den Beweisen befinden sich Transkripte von abgehörten Telefonaten, Sprachnachrichten, Überwachungsfotos und weiteres Material.

          Beliebt wie kein Präsident vor ihm: Nayib Bukele mit Anhängern am Tag der Wahl Ende Februar in San Salvador
          Beliebt wie kein Präsident vor ihm: Nayib Bukele mit Anhängern am Tag der Wahl Ende Februar in San Salvador : Bild: AP

          Die Untersuchung legt nahe, dass die Bandenführer einer Verringerung der Mordrate zustimmten. Als Gegenleistung sollen sie bessere Haftbedingungen, Kommunikationsmöglichkeiten in den Gefängnissen, Jobmöglichkeiten für Gangmitglieder sowie die Einstellung von Ermittlungen gefordert haben. Fotos der Videoüberwachung von Gefängnissen sowie Aussagen von Mitarbeitern bestätigen, dass Regierungsbeamte an Verhandlungen beteiligt waren und sich mit Männern in Sturmhauben trafen, bei denen es sich um Bandenführer gehandelt haben soll.

          „Sie achten darauf, nicht den kleinsten Fehler zu machen“

          „El Faro“ veröffentlichte das Transkript eines Telefongesprächs zwischen Mitgliedern der Bande MS-13, in dem über die Notwendigkeit gesprochen wird, die Morde auf ein Minimum zu beschränken. Die Behörden seien besorgt, dass Fehler passieren könnten, sagt ein Mitglied der Gang. „Sie achten darauf, nicht den kleinsten Fehler zu machen, damit dies nicht scheitert und die Öffentlichkeit nicht erfährt, dass es eine Abmachung gibt.“

          Die Ermittlungen wurden von einer Sondereinheit geführt, die vom früheren Generalstaatsanwalt Raúl Melara geschaffen worden war, um die Verhandlungen zwischen den beiden früheren Regierungen und den kriminellen Banden zu untersuchen. Die Einheit durchsuchte im September 2020 das Büro der Gefängnisbehörde des Landes und beschlagnahmte Festplatten und anderes Material. Kurz zuvor hatte „El Faro“ über Hinweise auf Verhandlungen der Regierung Bukele mit den Banden berichtet.

          Polizist nach einer Schießerei 2014 in Santiago Texacuangos, südlich von San Salvador
          Polizist nach einer Schießerei 2014 in Santiago Texacuangos, südlich von San Salvador : Bild: AP

          Die Staatsanwälte hätten zudem Telefonleitungen angezapft, die Bewegungen von Verdächtigen verfolgt und Zeugen befragt, berichtete „El Faro“. Die Journalisten konnten die Ermittlungen durch eigene Interviews größtenteils bestätigen. Laut Zeugenaussagen sollen auch Beweismaterialien durch Angestellte der Gefängnisbehörde vernichtet worden sein.

          Im vergangenen Mai wurden die Sondereinheit aufgelöst und die Ermittlungen eingestellt. Nachdem Bukeles Partei „Neue Ideen“ in der Parlamentswahl eine Zweidrittelmehrheit erobert hatte, wurden der Generalstaatsanwalt sowie die Obersten Richter des Landes noch am Tag der Einsetzung des neuen Parlaments aus ihren Ämtern entfernt – ein Schritt, der international auf große Kritik stieß, auch aus Washington. Wenige Tage später trat der Leiter der Sondereinheit zurück.

          Präsident Bukele hat zum Bericht von „El Faro“ bisher nicht direkt Stellung genommen. Auf Twitter bezeichnete er die Enthüllungen als eine „Auffrischung“. Die Regierung habe alle Fragen bereits fünfmal beantwortet.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.