https://www.faz.net/-gpf-9thfa

Gabriel in Russland : Zu Besuch bei Fleischfressern

Sigmar Gabriel Bild: dpa

Der frühere Außenminister und ehemalige SPD-Parteivorsitzende plädiert in Moskau für ein selbstbewusstes Europa und tritt Trugbildern der russischen Propaganda entgegen

          5 Min.

          Sigmar Gabriel ist zurück in Moskau. Der frühere SPD-Vorsitzende, niedersächsische Ministerpräsident, Bundesminister und – bis Anfang dieses Monats – SPD-Bundestagsabgeordnete kam zu einer Veranstaltung der Deutsch-Russischen Außenhandelskammer und des Deutsch-Russischen Forums ins Baltschug, ein Luxushotel mit Blick auf den Kreml. Angekündigt war die Veranstaltung als „Dialog“ mit Gabriel, mit der Einschränkung, dass Gabriel „für Presseanfragen oder Interviews nicht zur Verfügung“ stehe. Gabriel werde zu „den aktuellen globalen, politischen Geschehnissen und zum deutsch-russischen Verhältnis“ sprechen.

          Als Bundesminister für Wirtschaft und Energie (2013 bis 2017) und als Außenminister (2017 bis 2018) war Gabriel regelmäßig zu Gast in Moskau, sprach über die Kriege in der Ukraine und Syrien. Und er bat nebenbei Präsident Wladimir Putin um ein Autogramm; im Oktober 2015 war das, für eine Zahnarzthelferin seiner Gattin. In guter Erinnerung blieb Moskaus Machthabern auch, dass sich Gabriel entgegen der Linie von Bundesregierung und EU Anfang 2018 für einen schrittweisen Abbau der im Ukraine-Konflikt gegen Russland verhängten Sanktionen aussprach, wobei der damalige Außenminister hervorhob, er wisse, „dass die offizielle Position eine andere ist“. Zuletzt war der 60 Jahre SPD-Politiker für den Vorsitz des Verbands der Automobilindustrie im Gespräch. Er entschied sich aber dann für eine Tätigkeit bei einer Politikberatung namens Eurasia Group mit Sitz in New York, die Auswirkungen politischer Entscheidungen auf internationale Märkte erklären will. Zudem ist Gabriel im Ehrenamt Vorsitzender der Atlantik-Brücke, bei der es auch um Dialog und Austausch geht, allerdings deutsch-amerikanischen.

          „Das hatten wir noch nicht“, sagte ein weiterer früherer SPD-Vorsitzender, Matthias Platzeck, der als Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums ebenfalls häufig Gast in Moskau ist, mit Blick auf diese relativ neue Position Gabriels zur Einführung. Die beiden neuen, der Tagespolitik entrückten Rollen prägten Gabriels Auftritt im „Baltschug“ – und anders als nach früheren Gastspielen in Moskau und Russland-Einlassungen dürfte man Gabriel danach kaum als „Russland-Versteher“ oder gar „Putin-Versteher“ schelten respektive rühmen. Vielmehr spannte der Gast einen großen, nüchtern-analytischen Bogen und trat sogar einigen Trugbildern der russischen Staatspropaganda entgegen.

          Eingangs sagte Gabriel, er könne nicht für die Atlantik-Brücke sprechen, schon gar nicht für die Vereinigten Staaten, sondern nur für sich. Es gebe aktuell „tektonische Verschiebungen in den Machtachsen der Welt“ und zwar vom Atlantik bis in den Pazifik Er, Gabriel, sei sich nicht sicher, ob Europäer und Russen das bemerkten: Es laufe auf eine „G2-Welt“ hinaus, auf den Wettbewerb der Vereinigten Staaten mit China. Gabriel sagte, dasgrößte Risiko im Kräftemessen zwischen den Nuklearmächten Russland, den Vereinigten Staaten und China trage Europa. In den Vereinigten Staaten gebe es nur Konsens zwischen Demokraten und Republikanern darüber, dass Präsident Donald Trump daran gehindert werden sollte, mit Russland zu verhandeln. Doch gebe es unterhalb dieser Ebene und zwar „bis hinein ins Pentagon“ eine Debatte darüber, ob man Russland keine andere Wahl lassen solle, als sich China zuzuwenden.

          Weitere Themen

          Mehr tun, aber nicht ohne die Nato

          Verteidigungspolitik der EU : Mehr tun, aber nicht ohne die Nato

          Die EU strebt eine „strategische Autonomie“ in der Verteidigungspolitik an – ohne die Nato zu schwächen. Über die künftige Rolle der Amerikaner in Europa haben Berlin und Paris jedoch gegensätzliche Vorstellungen.

          Steinmeier ist von Moskau enttäuscht

          Rede vor Ost-Ausschuss : Steinmeier ist von Moskau enttäuscht

          Der Bundespräsident zeigt sich enttäuscht über den politischen Kurs Russlands. Die Hoffnungen auf eine Partnerschaft hätten sich nicht erfüllt. Auch die Wirtschaft könne in den Beziehungen keinen „geschützten Raum“ beanspruchen.

          Topmeldungen

          Zinsen sind auch nicht mehr, was sie mal waren.

          Zahlen fürs Ersparte : Was tun, wenn die Bank Negativzinsen will?

          Immer mehr Bankkunden werden von ihrem Bankberater angerufen. Sie sollen ihr Geld umschichten oder ein Verwahrentgelt auf ihr Erspartes zahlen. Wie gefährlich ist es, einfach „Nein“ zu sagen?
          Allein joggen gehen? Unsere Autorin macht das nur bei Tageslicht (Symbolbild).

          Der Moment.... : ...in dem ich mich nicht mehr sicher fühlte

          In der Pandemie gibt es für unsere Autorin einen Zufluchtsort: den Weiher ums Eck. Dort ist sie fast täglich joggen oder spazieren. Und genau dort ist nun eine Frau vergewaltigt worden. Der Täter ist auf der Flucht, und das Joggen unserer Autorin? Ist ausgesetzt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.