https://www.faz.net/-gpf-9b0wi

G-7-Gipfel : Sechs gegen Trump

  • -Aktualisiert am

Arbeitstreffen am runden Tisch: Die Vertreter der G 7 setzen sich zusammen. Bild: AFP

In Kanada wird um eine Abschlusserklärung der G 7 gefeilscht. Doch sie steht auf der Kippe. Beim Thema Handel finden Trump und die Anderen einfach keine gemeinsame Sprache.

          Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Bevor sich Donald Trump beim G-7-Gipfel in Québec am Freitag kurz mit dem kanadischen Gastgeber zu einem Gespräch zurückzieht, grinst er in die Kameras und sagt: „Justin hat zugestimmt, alle Zölle abzubauen.“ Ministerpräsident Trudeau muss lachen, das hat er nicht erwartet. Dann macht er mit: „Ich würde sagen, um Nafta steht es bestens.“ In Wirklichkeit ist das Gegenteil der Fall. Obwohl die sogenannten Sherpas der Staats- und Regierungschefs bis in die tiefe Nacht verhandelten und danach nur drei oder vier Stunden Schlaf gefunden haben, will nach dem ersten Gipfeltag niemand darauf wetten, dass es auch nur eine Abschlusserklärung geben wird. Völlig unüberbrückbar wirken die handelspolitischen Positionen der Europäer, Kanadier und Japaner auf der einen Seite und der Trump-Regierung auf der anderen.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          So heftig waren beide Seiten in den Tagen und Stunden vor Gipfelbeginn übereinander hergefallen, dass am Freitag schon Selbstverständlichkeiten hervorgehoben, als Entspannungssignale geradezu beschworen werden. Beim Gruppenfoto strahlen die Gipfelteilnehmer mit der Sonne um die Wette. Von einer „herzlichen Gesprächsatmosphäre“ spricht Trudeaus Außenminsterin Chrystia Freeland am Nachmittag. Sie fügt dann aber selbst hinzu, dass über die großen Streitfragen noch gar nicht gesprochen worden sei. Kurz vorher hat Bundeskanzlerin Angela Merkel von „lebhaften Gesprächen“ geredet, die „auch sehr gut im guten Sinn“ verlaufen seien.

          Im letzten Moment hatte sich Trudeau offenbar überlegt, es wäre besser, den Disput über Zölle in weniger verfängliche Diskussionen einzubetten. Deshalb fangen die offiziellen Arbeitssitzungen mit einer Runde an, in der jeder seine Wirtschaftspolitik vorstellen und erklären soll, was seine Regierung speziell für die Mittelklasse in seinem Land tue. Nichts tut Donald Trump lieber, als seine Steuersenkungen anzupreisen. 4,1 Prozent Wachstum habe Amerika im ersten Quartal erreicht, prahlt der Präsident.

          Sechs gegen eins

          Ihre Hinweise, dass niemand diesen beeindruckenden Erfolg stärker gefährde als Trump mit seinem Handelskrieg, bringen die Europäer, Trudeau und der Japaner Shinzo Abe erst in der nächsten Sitzung unter. Da geht es dann robust zur Sache – sechs gegen eins. Nicht, dass Trump daran dächte, einzeln die Argumente der anderen Staats- und Regierungschefs aufzugreifen oder gar zu entkräften. Deren Warnungen vor einem Ende der liberalen Handelsordnung mit womöglich gravierenden Folgen für die Weltwirtschaft pariert er mit seiner alten Parole, niemand trete stärker für wahrhaft „freien und fairen“ Handel ein als er. Natürlich bleibt Trump auch in La Malbaie seiner jahrzehntealten Überzeugung treu, dass jede unausgeglichene Handelsbilanz praktisch eine offene Rechnung sei – als schulde die EU Amerika dieses Jahr gut 150 Milliarden Euro, weil der europäische Handelsüberschuss ungefähr so groß ist. Da ist kein Durchkommen für analytische Politiker wie Merkel, die ja gern bereit wäre, mit Washington über Hintergründe und Folgen des deutschen Exportüberschusses zu reden.

          Emmanuel Macron rückt seine Dialogbereitschaft nicht mehr in den Vordergrund. Der Franzose hat sich von Trumps „best buddy“ zu einem seiner schärfsten Kritiker entwickelt. Das ist den anderen Europäern schon bei ihrer ersten Abstimmung am Morgen aufgefallen. Macron will Trump jetzt mit Stärke beeindrucken. Er spricht von Europas Souveränität, bekundet seinen Widerwillen gegen „Hegemoniestreben“ und rechnet vor, dass sich die EU als Wirtschaftsraum hinter Amerika nicht zu verstecken brauche. Völlig zerrissen ist das Tischtuch freilich nicht. Ein am Morgen aus Zeitmangel abgesagtes bilaterales Treffen von Trump und Macron holen die beiden Präsidenten am späten Nachmittag nach. Auch sie tauschen vor laufenden Kameras Freundlichkeiten aus.

          Europäer wollen Russland draußen lassen

          Bald danach geht es im G-7-Kreis beim Abendessen noch um die Außenpolitik. Auch da steht Heikles auf der Tagesordnung: vor allem die Iran-Politik und das Verhältnis zu Russland, nachdem Trump am Freitagmorgen plötzlich die Wiederaufnahme des Landes in die G 8 gefordert hatte. Doch zumindest die kanadischen Gastgeber sehen in dem Gespräch auch eine Chance, Trump zu signalisieren, dass die Interessen von Amerika und seinen G-7-Partnern vielerorts durchaus noch übereinstimmen. Vor seinem Gipfeltreffen mit Nordkoreas Diktator wolle man Trump klar unterstützen, hatte Außenministerin Freeland gesagt, damit er beim Gipfel in Singapur das Gewicht der G7 hinter sich wisse. Aus der deutschen Delegation wurde darauf hingewiesen, dass sich die sieben Staaten auch in der Kritik an Chinas Vorgehen im Südchinesischen Meer weitgehend einig seien.

          Sprinter – der politische Newsletter der F.A.Z.
          Sprinter – der Newsletter der F.A.Z. am Morgen

          Starten Sie den Tag mit diesem Überblick über die wichtigsten Themen. Eingeordnet und kommentiert von unseren Autoren.

          Mehr erfahren

          Nach der Tour de Force durch die Krisen der Welt können die Staats- und Regierungschefs vor prächtiger Kulisse am Sankt-Lorenz-Strom noch Cirque-de-Soleil-Artisten bewundern. Die Sherpas aber versammeln sich zur nächsten Nachtsitzung, um vor dem zweiten und letzten Gipfeltag an diesem Samstag alles zu versuchen. Erfahrene Unterhändler lassen keine Zweifel daran aufkommen, dass die Lage verfahrener denn je und eine gemeinsame Abschlusserklärung aller sieben Regierungen zu Themen wie Handel und Klimaschutz trotz aller Bemühungen nicht absehbar sei. Das Ende der G 7? Merkel hat dieser Folgerung vorsichtshalber schon am Nachmittag deutlich widersprochen. „Ich glaube“, sagte die Kanzlerin, „dass das auch ein Zeichen der Ehrlichkeit wäre, dass wir uns bei offener Diskussionskultur nicht in allen Fragen einigen konnten.“

          Weitere Themen

          Parteiaustritt wegen Brexit Video-Seite öffnen

          May hält an Kurs fest : Parteiaustritt wegen Brexit

          Sollte die britische Premierministerin Theresa May im Parlament keine Mehrheit bekommen, droht ein harter Brexit. Viele sind mit dem Umgang der Regierung mit dem Brexit unzufrieden. Drei Tory-Abgeordnete kehren iher Partei deshalb den Rücken.

          Topmeldungen

          Viktor Orbán und die EU : Eine weitere Zerreißprobe

          Orbán provoziert Brüssel mit einer neuen Plakatkampagne. Doch diesmal geht er so weit, dass sich EVP darüber entzweien könnte.
          Die „Gorch Fock“ läuft aus ihrem Heimathafen in Kiel aus.

          Insolvenz : Krimi um „Gorch Fock“ und ihre Werft

          Die Sanierung des maroden Segelschiffs „Gorch Fock“ gerät immer weiter zum Krimi. Jetzt meldet die zuständige Werft Insolvenz an – und es ist von rätselhaften Geldflüssen in Millionen-Höhe die Rede.

          Sinkende Exportzahlen : So wichtig ist die Autoindustrie für Deutschland

          Erstmals seit 2009 sinkt der Wert der deutschen Autoexporte. Der drohende Handelskonflikt mit Amerika, der Brexit und neue Abgasvorschriften setzen der Branche zu. Deutschlands wichtigste Branche geht unsicheren Zeiten entgegen.

          Sebastian Rudy : Das Schalker Symbol des Scheiterns

          Der deutsche Nationalspieler erweist sich als Fehlinvestition von Schalke 04. Sogar der lange Zeit sehr nachsichtige Manager verliert nun die Geduld mit Sebastian Rudy. Und der wirkt eher uneinsichtig.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.