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Fußballübertragungen in Argentinien : Elf Freunde Kirchners müsst ihr sein

  • -Aktualisiert am

Argentiniens Präsidentin wehrt sich gegen die Entpolitisierung des Programms „Fußball für alle“ Bild: dpa

Eigentlich wollte das argentinische Fernsehen Fußballübertragungen entpolitisieren – doch daraus wird nichts. Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner hat ein Machtwort gesprochen.

          Mitten in der Nacht ist Argentiniens Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner der Kragen geplatzt. Verlässlichen Berichten zufolge ordnete sie an, „alle hinauszuwerfen“. Gemeint waren die Mitglieder eines Medienteams, das ein neues Konzept für die Übertragung von Fußballspielen im staatlichen Fernsehen ausarbeiten sollte. Als Zugpferd hätte der im Privatfernsehen groß gewordene Showmaster Marcelo Tinelli, an Popularität etwa dem deutschen Unterhalter Thomas Gottschalk vergleichbar, das staatliche Programm „Fußball für alle“ (Fútbol para todos) entpolitisieren, professioneller gestalten und mit Showelementen anreichern sollen. Nach dem Machtwort der Präsidentin geschieht nun aber das Gegenteil: Die Sendung wird politischer als je zuvor. Denn die kirchneristische Jugendorganisation „La Cámpora“ hat jetzt das Kommando übernommen. Und Kirchners Kabinettschef Jorge Capitanich, der die Idee hatte, Tinelli zu engagieren, musste eine Niederlage hinnehmen.

          Im August 2009 hatte die Kirchner-Regierung dem wegen überschuldeter Vereine in die Klemme geratenen argentinischen Fußballverband Afa die Rechte für die Übertragung der Erstligaspiele in den staatlichen Fernsehprogrammen für umgerechnet rund 110 Millionen Euro im Jahr abgekauft und damit das private Bezahlfernsehen ausgebootet. Kritiker verweisen darauf, dass die Zahlungen, die sich mittlerweile auf etwa 700 Millionen Euro summieren, aus der Staatskasse stammen und somit auch jene Bürger für den Fußball bezahlen, die keinerlei Interesse an der Sportart und folglich auch nicht an der Ausstrahlung der Spiele haben. Viele fußballbegeisterte Argentinier, die keinen Zugang zu Kabel- und Bezahlfernsehen haben, erhielten allerdings mit der Ausstrahlung im Staatssender „TV Pública“ überhaupt erst die Möglichkeit, die Spiele sehen zu können. Vor allem die „Klassiker“ wie Begegnungen der beiden ewigen Rivalen River Plate und Boca Juniors erzielen höchste Einschaltquoten.

          Ein wirksames Propagandainstrument

          Für besonders bedenklich halten es nicht nur Oppositionspolitiker, dass das Fußballfernsehen vom Regierungslager ungehemmt als politisches Propagandainstrument eingesetzt wird. Während der Spielpausen laufen fast ausschließlich vom Präsidialamt bereitgestellte Werbespots; in einem Spot wurde sogar explizit gegen die Opposition Stimmung gemacht. Als einziges Unternehmen hat die Lastwagenfirma Iveco sich mit einem Obolus von 1,6 Millionen Euro für dieses Jahr wieder das Recht erkauft, in kurzen Einblendungen die Marke bekannt zu machen. In den Filmen werden alle staatlichen Kampagnen ausführlich propagiert und die Slogans des regierungsamtlichen Propagandaapparates wiederholt, in kurzen Nachrichtensendungen erscheinen nur Meldungen, die den Kirchnerismus in günstigem Licht erscheinen lassen.

          Derzeit geht es in den Spots hauptsächlich um die von der Regierung verordneten Preiskontrollen in den Supermärkten. Jugendliche, Omas, Opas und junge Ehepaare mit Kindern schwärmen davon, wie gut es ist, dass der Staat die Preise „behütet“, zumindest jene für knapp 200 Produkte eines zwischen Regierung und Unternehmen vereinbarten Warenkorbs. Die Gründe, weshalb die Preise der sonstigen Produkte rasant steigen, die ausufernde Inflation also, wird dabei mit keinem Wort erwähnt. Stattdessen werden in den Kurznachrichten bestimmte „Gruppen“ und „Sektoren“ der Privatwirtschaft beschuldigt, die Regierung mit den Preissteigerungen destabilisieren zu wollen.

          Mischung aus Enthüllungsreportagen und politischer Satire

          Die Fußballübertragungen werden außerdem direkt eingesetzt, um politische Gegner zu bekämpfen. So zwang „Fußball für alle“ im vergangenen Jahr den Fußballverband, einige der attraktivsten Spiele in den späten Sonntagabend zu verlegen, um dem oppositionellen Publizisten Jorge Lanata und seiner populären Sendung „Journalismus für alle“ die Zuschauer abspenstig zu machen. Das beliebte Programm ist eine Mischung aus Enthüllungsreportagen und politischer Satire. Die Rechnung ging allerdings nicht auf. Lanata erzielte mit seiner Sendung, in der vor allem Korruptionsskandale im Regierungslager aufgedeckt werden, stets höhere Einschaltquoten als die gleichzeitig laufenden Fußballübertragungen.

          „Fußball für alle“ hatte mit dem Entertainer Tinelli, dessen Produktionsgesellschaft und der privaten Sportfernsehfirma „Torneos“, die bis 2009 für die Übertragung der Fußballspiele mitverantwortlich war, praktisch schon alle Verträge unter Dach und Fach, als Präsidentin Kirchner mit ihrem Machtwort den geplanten Relaunch beendete. Im Sinne einer Entpolitisierung hatte Tinelli bereits „ultrakirchneristische“ Fußballreporter hinauskomplimentiert, die ihre Berichte ungeniert mit politischen Kommentaren zu garnieren pflegten. Es war zunächst verbreitet worden, dass der Moderator und seine Leute unmäßig viel Geld kassieren wollten. Das rief Hebe de Bonafini, die Präsidentin der „Mütter der Plaza de Mayo“ und Vertraute der Staatschefin, auf den Plan. „Fußball ist nicht dazu da, um Geld, sondern um Politik zu machen“, zitierte sie Kirchners verstorbenen Ehegatten Néstor.

          Doch die vermeintliche Geldgier Tinellis war, wie sich schließlich herausstellte, nicht der Grund für den Kurswechsel Kirchners, die das Engagement des Entertainers zunächst befürwortet hatte, weil er neue Zuschauerschichten vor das Staatsfernsehen gelockt hätte. Die Präsidentin hörte vielmehr auf ihren Sohn Máximo und die von ihm geführte Jugendorganisation „La Cámpora“, die befürchteten, dass Tinelli dem Kirchnerismus das wertvolle Propagandainstrument Fußball entreißen könnte. „La Cámpora“ hat nun ungehinderten Zugriff auf den Fernsehfußball. „Es ging um nichts anderes als um politischen Einfluss und Macht“, stellten die düpierten Fernsehleute um Tinelli ernüchtert fest.

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