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Fußball in Polen : Die Mannschaft, die aus der Tiefe kam

Nach der Wende sind die Danziger Fußballer dann ihre eigenen Wege gegangen. Die Illegalität war vorbei, informelle Verbindungen verloren an Bedeutung. Die einst scharf nach politischer Tendenz strukturierten Mannschaften lösten sich auf, jetzt spielten alle bunt gemischt zusammen, Konservative, Gewerkschafter und Liberale, regelmäßig einmal im Jahr am Silvestertag um Elf.

Dennoch haben die alten Bolzplatz-Seilschaften bis heute immer wieder entscheidend in die polnische Politik eingegriffen. Polens erfolgreichste Partei etwa, Tusks „Bürgerplattform“ (PO), ist gewissermaßen am Fußballfeld entstanden. Zwei der „drei Tenöre“, die sie 2001 gründeten, nämlich Maciej Plazynski und Tusk selbst, hatten in Danzig Fußball gespielt - Plazynski bei den Konservativen, Tusk bei den Liberalen, und entsprechend hat die PO bis heute einen konservativen und einen liberalen Flügel.

„Sag mal, Carla Bruni“

Auch einer der giftigsten Kontroversen der letzten Jahre hat Quellen auf dem Fußballplatz. Der Vorwurf, Lech Walesa, der den Heißköpfen im Untergrund oft zu zögerlich schien, sei eigentlich der „IM Bolek“ der Geheimpolizei gewesen, wurde von niemandem mit größerer Erbitterung vorgebracht, als von Walesas frühem Weggenossen Andrzej Gwiazda, der in jenem Spiel vor dem Beginn der Streiks bei den Gewerkschaftern in der Verteidigung spielte. Walesa bestreitet den Vorwurf immer wieder, und immer wieder wird er neu erhoben. Auch die größte Tragödie der neueren polnischen Geschichte, das Flugzeugunglück von Smolensk, als am 10. April 2010 Präsident Lech Kaczynski, seine Frau und 94 andere Abgeordnete, Militärs und hohe Geistliche starben, hat die Fußballer von Danzig betroffen. Zu den Opfern zählte Plazynski, der PO-Mitbegründer, sowie Arkadiusz Rybicki, einer der Brüder aus dem berühmten Danziger Oppositionellenclan.

Die Überlebenden treffen sich bis heute am Silvestertag. Die Rybickis organisieren Würste und den polnischen Nationaleintopf Bigos, und wie eh und je gibt es nach dem Spiel etwas zu trinken, wenn auch nicht mehr die „Schlacht von Tannenberg“, sondern einfach Bier. Auch die Feste danach dauern nicht mehr bis in den Morgen.

Auf dem Rasen aber ist alles wie immer. Tusk greift an, Bielecki, heute einer seiner engsten Berater, hält ihm als Libero den Rücken frei, Lewandowski ist rechter Verteidiger. Der Regierungschef spielt aggressiv wie eh und je, und wenn einer mal nicht richtig rennt, schimpft er in seinem kaschubischen Tonfall wie ein Rohrspatz. Die alten „Kumple“ (so heißt das auf Polnisch) grinsen. So so, der Herr Ministerpräsident. Tafelt mit Madame Sarkozy und kann noch nicht mal richtig reden. „Sag mal R“, lachen sie dann. „Sag mal ,Carla Bruni’“.

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