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Fußball in Polen : Die Mannschaft, die aus der Tiefe kam

Der Libero: Jan Krzysztof Bielecki
Der Libero: Jan Krzysztof Bielecki : Bild: dpa

Eine der verlässlichsten Stützen der Opposition war in den deprimierenden Jahren des Kriegsrechts der Danziger Fußballklub Lechia. Er war zwar nie sehr erfolgreich, aber anders als die Warschauer Mannschaften Legia oder Gwardia war er nicht mit Militär oder Volksmiliz verbunden, was ihm bei der Jugend Kultstatus gab. Wenn es auf der Straße gegen das Regime ging, waren die Fans immer dabei.

Die Straßenkämpfe von damals waren eine ernste Sache. Immer wieder schoss die Miliz in die Menge, meist nur mit Tränengasgranaten, aber manchmal eben auch scharf, so dass es in Danzig immer wieder Tote und Verletzte gab. Die jungen Oppositionellen jener Tage nahmen das in Kauf. Sie hatten ihre Initiation schon ein Jahrzehnt früher gehabt, in den Arbeiterunruhen von 1970, als die Armee hier mindestens 45 Demonstranten tötete. Tusk, der damals als Schuljunge mit dabei war, hat später berichtet, wie diese blutigen Tage für ihn zum „Mysterium“ wurden, zum „Gründungsmythos“. Viele der jungen Fußballer von Danzig teilten diese Erfahrung und waren bereit zum physischen Kampf. Jerzy Borowczak, der damals mutterseelenallein den Streik ausgerufen hatte, sagt heute, man sei damals auf die Straße gegangen, „um sich zu schlagen“. Man habe Steine geworfen, manchmal Benzinflaschen, und wenn es Gasgranaten gehagelt habe, sei man gerannt. Fußballtraining konnte da nicht schaden, und wenn man hundert Meter unter elf Sekunden lief, gab das, wie Lewandowski sich erinnert, „ein gewisses Gefühl der Sicherheit“.

Typisch für die Geschichte

Ihren größten Triumph feierten die Fußballer im Widerstand 1983. Es waren hoffnungslose Jahre, die Solidarnosc war gerade zerschlagen worden, Walesa war in der Internierung, Mangel prägte den Alltag. Dann aber hatte sich am Horizont ein Lichtstreif gezeigt. Lechia Gdansk, die Underdog-Mannschaft der Opposition, war gerade aus der dritten in die zweite Liga aufgestiegen; im Juli - ein Wunder im wundergläubigen Polen - war sie dann sogar polnischer Pokalsieger geworden, und nun spielte sie um den Europapokal. Am 28. September 1983 sollte Lechia in Danzig auf Juventus Turin treffen.

Rechter Verteidiger: Janusz Lewandowski (l., neben Polens ehemaligem Fußball-Nationaltorhüter Jerzy Dudek)
Rechter Verteidiger: Janusz Lewandowski (l., neben Polens ehemaligem Fußball-Nationaltorhüter Jerzy Dudek) : Bild: dpa

Das Match ist dann einer jener Siege geworden, wie sie für die polnische Geschichte typisch sind - nämlich streng genommen eine Niederlage: zwar verlor Lechia erbärmlich, null zu sieben beim Hinspiel in Turin, und zwei zu drei in Danzig. Politisch aber wurde die Partie ein Triumph, und das kam so: Lech Walesa war gerade aus der Internierung entlassen worden, und als das Spiel sich ankündigte, fassten die jungen Fußball-Matadore in seiner Umgebung den Plan, das Match zu nutzen. Slawomir Rybicki, der Präsidentenberater, erinnert sich noch, wie das war: „Wir sagten zu Walesa: Lech, wir müssen zu diesem Match, du musst dich zeigen, das wird in ganz Polen und in Europa ausgestrahlt“.

Eigene Wege

Wie es dann weiterging, erzählt Kommissar Lewandowski: Die Solidarnosc hatte unbemerkt einen ganzen Sektor des Stadions besetzen können. „Um Walesa herum saßen nur unsere Leute, so dass er unerreichbar war für die Miliz.“ Der Plan ging auf. Als die Lechia-Fans den wiedergekehrten Streikführer erkannten, begannen sie sofort „Solidarnosc“ und „Lech Walesa“ zu skandieren, und sie hörten auch nicht auf, als ihr Team schließlich verlor. Walesa sagt, damals sei allen klar geworden, „dass nicht die Kommunisten die Vielen waren, sondern wir“. Das Staatsfernsehen war so überrascht, dass es die Tonübertragung unterbrach und nur Bilder zeigte.

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