https://www.faz.net/-gpf-70fy6

Fußball in Polen : Die Mannschaft, die aus der Tiefe kam

Aggressiver Spieler: Donald Tusk
Aggressiver Spieler: Donald Tusk : Bild: REUTERS

Unter den drei Männern nämlich, die den Ausstand begannen (ursprünglich waren fünf geplant gewesen, aber zwei hatten verschlafen), gehörten zwei zur Mannschaft der Gewerkschaften, die eben noch unterlegen war - Walesa und der damals erst 22 Jahre alte Jerzy Borowczak, damals Werftarbeiter, heute Abgeordneter in Warschau. Eigentlich waren anfangs, morgens gegen fünf, sogar nur zwei der Verschwörer am Werfttor, beides ganz junge Männer, die gerade erst bei der Werft angefangen hatten. Walesa fehlte. Wie er dieser Zeitung erzählt hat, musste er erst seine Beschatter abschütteln, so dass er, der älteste und Angesehenste der Gruppe, erst Stunden später dazu stieß. So ist der historische Danziger Streik also von zwei alleingelassenen Halbstarken ausgerufen worden, die sich nach kurzem Zögern damals entschlossen haben, notfalls auch allein zu tun, was gemeinsam verabredet war.

„Noch ist Polen nicht verloren“

Als dann Walesa durch einen unterdessen berühmt gewordenen „Sprung über die Werftmauer“ seinen Verfolgern entkam und endlich hinzustieß, hatten die beiden Jungs durch Rufen und Auf-und-ab-Rennen auf dem riesigen Werftgelände schon Tausende von Arbeitern mobilisiert. Man sang „Noch ist Polen nicht verloren“, und gerade stellte man Listen für das Streikkomitee auf, so dass Walesa nur noch auf einen Bagger springen und sich an die Spitze setzen musste.

Auch als im Jahr darauf, am 13. Dezember 1981 das Regime den Kriegszustand ausrief und die Solidarnosc blutig niederschlug, blieb Fußball wichtig. Die kommunistischen Generäle unter Wojciech Jaruzelski schickten Walesa ins Gefängnis, und die Danziger Dissidenten mussten sich wieder stärker auf informelle Netzwerke stützen. Die Fußballwelt im Untergrund hat sich damals immer weiter differenziert. Zur Mannschaft der Gewerkschaften und dem konservativen Studententeam um die Brüder Rybicki sowie um Maciej Plazynski, der nach der Wende in Warschau Sejmmarschall wurde, kamen die Liberalen, zu denen Tusk gehörte, aber auch Lewandowski und Jan Krzysztof Bielecki, der 1991 nach Tadeusz Mazowiecki der zweite demokratisch gewählte Ministerpräsident Polens wurde. Zunächst waren die Liberalen den Konservativen allerdings heillos unterlegen. Obwohl Lewandowski der schnellste Läufer der Szene war (dieser Zeitung hat er verraten, er sei damals 100 Meter in 10,7 Sekunden gelaufen), und obwohl Tusk schon damals durch ausgesprochen aggressives Spiel und Ellenbogeneinsatz auffiel, verloren sie das erste Spiel in den frühen achtziger Jahren zwölf zu eins.

Tusks Mannschaft

Später ist Tusks Mannschaft besser geworden. Sie engagierte ein paar Berufsfußballer, und auch politisch wurde sie immer professioneller. Vordenker der Liberalen war damals Lewandowski, der heute in Brüssel die Finanzen der EU verwaltet. An der Universitätsbibliothek verschaffte er sich Zugang zu den verbotenen Klassikern der liberalen Nationalökonomie, und um Mises oder Hajek lesen zu können, die maßgeblichen Kritiker der kommunistischen Kommandowirtschaft, brachte er sich mit dem Wörterbuch Deutsch bei. Heute spricht er diese Sprache fließend und gewählt, mit einem rührend altväterlichen Akzent.

Weitere Themen

Topmeldungen

Die schönen Blütenträume vom Sommer welken: Ein Kölner Theater verabschiedet sich in den neuen Lockdown.

Folgen des Shutdowns : Von Montag an im Winterschlaf

Wie viel Symbolpolitik verträgt Kultur? Wieso sind Theaterbühnen und Konzerthäuser auf einmal nur noch Freizeitunterhaltung? Und wo endet die Privatsache? Gedanken von Redakteuren des Feuilletons zu einer drastischen Entscheidung.
Der amerikanische Rapper Lil Wayne

Wahl in Amerika : Ein Rapper für Donald Trump

Es gibt nur wenige berühmte, amerikanische Musiker, die sich offen hinter Präsident Donald Trump stellen. Nun bekommt der Republikaner Unterstützung von einem Rap-Star. Dieser lobt Trumps Pläne für Schwarze.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.