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Fußball in Polen : Die Mannschaft, die aus der Tiefe kam

Diese Männer prägen heute Polen, und alle haben damals Fußball gespielt. Nicht für jeden war das übrigens eine reine Freude. Walesa etwa hat, wie er selbst zugibt, eigentlich „zu kurze Beine“. Dennoch hat er kaum ein Spiel verpasst. „Wir suchten damals Kampfmethoden, die der Macht keine Möglichkeit gaben, uns einzusperren“, hat er dieser Zeitung erläutert. „Es war ja nicht leicht, sich zu treffen. Wenn bei mir zu Hause mehr als zwei Leute zu Besuch waren, kamen sie schon und piesackten uns“. So traf man sich also zum Fußball; da kriegte man auch mal dreißig Mann zusammen, ohne dass die Miliz gleich zuschlug.

Derbe Arbeiter und feine Dozenten

Aber noch eine weitere Funktion hatten die Spiele. Ein Erfolgsgeheimnis der Solidarnosc ist es gewesen, dass in ihr ganz unterschiedliche Strömungen zusammengearbeitet haben: es gab derbe Arbeiter wie Walesa, und es gab fein argumentierende Universitätsdozenten wie den heutigen EU-Kommissar Lewandowski, Traditionsbewusste Katholiken trafen auf spöttische Skeptiker. Alteingesessene Danziger wie Tusk, dessen Vater schon bei der „Gedania“ gespielt hatte, der Mannschaft der Polen in der Freien Stadt, und der als Kaschubisches Landeskind das rollende polnische „R“ bis heute nicht richtig aussprechen kann, schlossen Freundschaft mit den Kindern zugewanderter Flüchtlinge aus dem verlorenen polnischen Osten, etwa mit den Brüdern Rybicki, von denen einer heute in Warschau ein Berater Präsident Komorowskis ist. Alle aber spielten Fußball.

Mannschaftskapitäne: Donald Tusk (Nummer 10) und Arkadiusz Rybicki (l.), der beim Flugzeugabsturz in Smolensk ums Leben kam
Mannschaftskapitäne: Donald Tusk (Nummer 10) und Arkadiusz Rybicki (l.), der beim Flugzeugabsturz in Smolensk ums Leben kam : Bild: privat

Sie trafen sich, sie tranken Schnaps, und danach ging es zum Feiern zu den Rybickis, einer ebenso kinderreichen wie patriotischen Familie, die schon im Zweiten Weltkrieg in der Untergrundarmee ihre Verlässlichkeit bewiesen hatte. Die Söhne dieses Clans bildeten den Grundstock der oppositionellen Fußballmannschaften, und weil manche, etwa Slawomir, der heutige Präsidentenberater, Judo konnten, waren sie auch bei den gelegentlichen Prügeleien mit der Miliz immer dabei. Zahlreich wie sie waren, bewohnten sie eine geräumige Wohnung, weswegen die obligaten Parties nach dem Fußball meist bei ihnen stattfanden. Da es kein Bier gab, trank man einen selbstgebrannten Schnaps, der nach der „Schlacht bei Tannenberg“ benannt war, wo König Wladyslaw Jagiello den deutschen Ritterorden schlug. Die Ingredienzien (ein Kilo Zucker, vier Liter Wasser, zehn Deka Hefe), entsprachen genau dem Jahr dieses legendären Gemetzels, 1410, und da damals wie heute jedes Schulkind in Polen dieses Datum kennt, kam es bei der Destillation nie zu Fehlern.

Die Chance zur Revanche

Die enge Verwobenheit von Fußball und Widerstand zeigte sich in Danzig gleich am Tag des Streikbeginns, dem 14. August 1980. Jenes Spiel mit den selbstgemachten Trikots wenige Tage zuvor nämlich hatte zwar zunächst für die Untergrundgewerkschaften im Fiasko geendet. Die Studenten von der „Bewegung Junges Polen“ waren besser ernährt und gesünder als die ausgemergelten Arbeiter, und sie spielten Walesas Jungs in Grund und Boden. Als dann aber wenige Tage später gestreikt werden sollte, hatte das Team der Arbeiter vor den Augen der Geschichte seine Chance zur Revanche.

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