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Fukushima : Tepcos Lügen bringen Abe in Bedrängnis

In diesen Tanks am Standort Fukushima lagert radioaktiv kontaminiertes Wasser Bild: REUTERS

Schon seit zwei Jahren fließt radioaktives Wasser in den Pazifik. Für die Regierung von Ministerpräsident Abe sind Tepcos Vertuschungsversuche mittlerweile zu einem ernsten Problem geworden.

          Die dramatischen Zustände auf dem Gelände der havarierten Atomkraftwerke in Fukushima haben die japanische Regierung nach langem Schweigen dazu bewegt, sich selbst stärker um den Schutz vor einer radioaktiven Belastung der Umwelt und der Menschen in der Umgebung der Reaktoren zu kümmern. Am Mittwoch gestand die Regierung ein, dass wahrscheinlich schon seit zwei Jahren radioaktiv belastetes Grundwasser aus den Reaktoren unkontrolliert in den Pazifik fließt. Ein Vertreter des Industrieministeriums sagte in Tokio, dass derzeit rund 300 Tonnen verstrahlten Wassers über Lecks aus den unterirdischen Gängen und Leitungsschächten des Atomkraftwerks in den Ozean fließen.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Die Lage ist damit offenbar dramatischer, als die Betreibergesellschaft des Atomkraftwerks, die Elektrizitätswerke von Tokio (Tepco), bislang eingestanden hatten. Tepco hat erst im Juli zugegeben, dass radioaktiv belastetes Wasser in den Pazifik fließt. Noch im Juni hatte das Energieunternehmen bei einem Besuch ausländischer Journalisten erklärt, die Lage sei unter Kontrolle. Es bestehe keinerlei Risiko, hatte es damals geheißen.

          Haben die Energieunternehmen wirklich gelernt?

          Für die Regierung von Ministerpräsident Shinzo Abe sind die Versuche Tepcos, die Probleme beim Rückbau der havarierten Atomreaktoren zu vertuschen, mittlerweile zu einem ernsten innenpolitischen Problem geworden. Abe und seine regierenden Liberaldemokraten (LDP) waren schon immer eng mit der Atomlobby verflochten. Derzeit ist die LDP die einzige Partei in Japan, die sich dafür ausspricht, die nach der Kernschmelze in Fukushima abgeschalteten japanischen Atomreaktoren teilweise wieder ans Netz gehen zu lassen. Von den 50 Atomreaktoren im Land produzieren derzeit nur zwei Strom.

          Die Lügen und die Vertuschungsversuche Tepcos haben in jüngster Zeit Zweifel in der japanischen Öffentlichkeit daran bestärkt, dass die Energieunternehmen aus der Atomkatastrophe in Fukushima wirklich gelernt haben. Die Mehrheit der japanischen Bevölkerung lehnt Abes Bekenntnis zur Atomkraft deshalb ab.

          Auch deswegen will die Regierung jetzt direkt bei der Kontrolle der havarierten Reaktoren in Fukushima eingreifen. Nach Erkenntnissen der japanischen Atombehörde wird das Problem derzeit immer dramatischer, weil die Menge des radioaktiv belasteten Grundwassers steigt. Nach Angaben von Tepco, die nach der Mitteilung der Regierung zu optimistisch sein dürften, dringen derzeit täglich rund 400 Tonnen Grundwasser in die Gebäude mit den Reaktoren ein, in denen sich im März 2011 eine Kernschmelze ereignet hatte. Hinzu kommen rund 300 bis 400 Tonnen Wasser, mit denen die Brennstäbe in den havarierten Reaktoren gekühlt werden.

          „Aber wir wurden nicht informiert“

          Berichte über erste Lecks gab es in japanischen Medien bereits im April. Die Nuklearaufsicht äußerte Anfang Juli erstmals den Verdacht, dass stark radioaktiv belastetes Wasser in den Boden und dann in den Pazifik fließt. Aber erst Ende Juli gestand Tepco es ein. „Die Mitarbeiter vor Ort hatten die Daten, aber wir wurden nicht informiert“, teilte die Zentrale des Energieunternehmens damals lapidar mit.

          300.000 Tonnen belasteten Wassers lagern derzeit in Hunderten von Containern auf dem Betriebsgelände in Fukushima. In den kommenden zwei Jahren will Tepco die Kapazität auf 700.000 Tonnen erhöhen. Die Regierung will jetzt, dass Tepco mit Nachdruck den Bau eines Sperrwalls vor den Reaktorgebäuden vorantreibt. Damit soll das Grundwasser umgeleitet werden, das derzeit in die zerstörten Reaktorgebäude fließt.

          Ministerpräsident Abe, der befürchtet, dass Tepcos Lügen seine Atomstrategie gefährden, hat Sofortmaßnahmen angekündigt. Der Bau eines Sperrwalls, der im Oktober 2015 fertig sein soll, werde vom japanschen Steuerzahler finanziert werden, sagte ein Sprecher der Regierung. Ein örtlicher Vertreter der Atomaufsicht in Fukushima sagte am Mittwoch, das Bewusstsein für die Krise sei bei Tepco nur gering ausgeprägt. Deswegen könne der Staat die Firma im Kampf gegen die Katastrophe nicht alleinlassen.

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