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Fukushima : Die Sehnsucht nach der Heimat wächst stetig

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Alles nicht so schlimm? In Futaba, das nur wenige Kilometer von Fukushima entfernt liegt, wird die Strahlung gemessen Bild: AFP

„Vielleicht ist es ja doch nicht so schlimm.“ Mit Sätzen wie diesen machen sich die Menschen aus der Umgebung des Kernkraftwerks Fukushima Mut. Seit zwei Monaten harren sie in Notunterkünften aus. Und niemand weiß, wie lange das alles noch dauern wird.

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          In der Raucherecke des Evakuierungszentrums zündet sich Akira Watanabe eine Zigarette nach der anderen an. Seit er aus seinem Haus, drei Kilometer vom Kernkraftwerk Fukushima entfernt, fliehen musste, lebt er in Langeweile und Ungewissheit. „Wir verschwenden unser Leben hier“, sagt er düster. Drei Mahlzeiten gibt es am Tag, doch ansonsten sei nichts zu tun. Er will nach Hause zu seiner Arbeit.

          Im Evakuierungszentrum der Stadt Kazo ist die Stimmung gedrückt. Zwei Monate eines Lebens ohne Privatsphäre und in Unsicherheit über die Heimat und die Zukunft zerren an den Nerven der Bewohner. Viele Familien sind auseinandergerissen worden. Je länger die Menschen in der Notunterkunft leben müssen, desto mehr wächst ihre Sehnsucht nach der Heimat und einem normalen Leben. Gleichzeitig nehmen aber mit den anhaltend schlechten Nachrichten aus dem Atomkraftwerk, vor dem sie geflohen sind, die Aussichten auf eine baldige Rückkehr ab.

          Niemand will die Wahrheit sagen

          Von den 7000 Bewohnern der Ortschaft Futaba sind 1100, davon 100 Kinder, in einer ehemaligen Oberschule in der Stadt Kazo in der Präfektur Saitama nördlich von Tokio untergebracht gelandet. Durchschnittlich vier Familien teilen sich ein Klassenzimmer. Alle warten auf die Rückkehr, doch niemand weiß, wie lange sie noch hier ausharren müssen. „Wir können über eine Rückkehr noch nicht einmal nachdenken“, sagt ein Angestellter der Gemeindeverwaltung, die jetzt ein provisorisches Büro in der Schule eingerichtet hat. Andere Bewohner wollen gehört haben, dass es vielleicht ein Jahr dauern wird, bis sie zurück können. Ganz optimistische hoffen auf eine Rückkehr zum Jahresende. Insgesamt haben an die 80.000 Menschen die Evakuierungszone um Fukushima verlassen. Schon bald könnten es noch mehr werden, da für einige Orte außerhalb der 20-Kilometer-Zone, in denen eine hohe Strahlung gemessen wird, eine „planmäßige Evakuierung“ bis Ende Mai angeordnet ist. Doch die betroffenen Gemeinden warten noch auf Hilfsgelder der Regierung, um alles Notwendige in die Wege zu leiten.

          Geisterstadt: In Futaba stehen die Häuser noch. Aber die Stadt liegt so nahe am Kernkraftwerk Fukushima, dass ihre Bewohner sie verlassen mussten

          Niemand wagt, das heiße Eisen der Dauer der Evakuierungen anzurühren. Als Ministerpräsident Kan vor einem Monat mit den Worten zitiert wurde, es werde zehn bis zwanzig Jahre dauern, bis die Bewohner aus der Evakuierungszone zurückkehren könnten, wurde dies sofort dementiert, obwohl viele Fachleute glauben, dass diese Schätzung realistisch ist. Kan habe mit so einer Äußerung die Gefühle der Betroffenen verletzt, schimpften Kritiker. Niemand will den Menschen sagen, dass es sehr lange dauern könnte, bis sie wieder zurück können.

          Auf Entschädigungen warten

          Tatsächlich wird die Regierung auch erst dann, wenn das Atomkraftwerk unter Kontrolle ist, eine genaue Analyse der radioaktiven Belastung der Umgebung erstellen können. Erst dann kann darüber entschieden werden, in welchem Zeitraum die Umgebung des Kernkraftwerkes für bewohnbar erklärt wird. Dann werden auch kostspielige Dekontaminierungsarbeiten notwendig.

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